Die Monacensia im Hildebrandhaus

Wo Literatur weiterlebt: die Monacensia im Hildebrandhaus

Zwischen Literaturarchiv, Garten und Café entsteht ein Ort, an dem Geschichten bewahrt und neu erzählt werden. Die Künstler:innenvilla zählt heute zu den lebendigsten literarischen Orten Münchens. Wir sprachen mit Lisa-Katharina Förster von der Monacensia im Hildebrandhaus

Die Monacensia im Hildebrandhaus wird als „literarisches Gedächtnis Münchens“ beschrieben – was genau wird hier bewahrt, und was wird bewusst neu erzählt?

In unserer historischen Künstlerinnen‑Villa vereinen sich Literaturarchiv, wissenschaftliche Bibliothek und Museum. Wir bewahren die Vor‑ und Nachlässe von über 300 Münchner Autorinnen – darunter Annette Kolb, Erika und Klaus Mann, Oskar Maria Graf, SAID und Rachel Salamander. Gleichzeitig erzählen wir das literarische Gedächtnis bewusst neu. Wir richten den Blick auf Stimmen, die bislang wenig sichtbar waren: Exil‑ und Diaspora‑Literatur, mehrsprachiges Schreiben und subkulturelle Szenen. So entsteht ein vielfältigeres, gerechteres Bild der Münchner Literaturgeschichte – eines, das die Realität der Stadt besser abbildet und strukturell benachteiligte Perspektiven einbezieht. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf #FemaleHeritage, also der Sichtbarmachung weiblichen Kulturerbes.

Welche Rolle spielt das Hildebrandhaus selbst als historischer Ort für die Arbeit der Monacensia?

Das Hildebrandhaus, der Sitz der Monacensia, steht heute allen offen, die das literarische München entdecken und erleben wollen. Ursprünglich ließ der Bildhauer Adolf von Hildebrand die Villa in der Prinzregentenzeit als repräsentatives Atelier‑ und Wohnhaus errichten – ein Ort, an dem Kunst und Leben eine ideale Einheit bilden sollten. Zugleich ist das Hildebrandhaus ein Ort, an dem sich die dramatischen politischen und gesellschaftlichen Umbrüche des 20. Jahrhunderts tief eingeschrieben haben: In der NS‑Zeit lebten hier Verfolgte, Profiteurinnen und Vertreterinnen des Regimes auf engstem Raum zusammen; später wurde die Nachbarschaft der Villa zu einem wichtigen Zentrum für Überlebende der Shoah. Für die Monacensia ist diese komplexe Geschichte zentral. Sie macht das Hildebrandhaus zu einem authentischen Erinnerungsort – und zu einem Ort, an dem heute bewusst weitergearbeitet wird: offen, zugänglich und mit dem Anspruch, literarische und historische Perspektiven sichtbar zu machen, die lange übersehen wurden. Die Ausstellung „Maria Theresia 23“ macht diese Geschichte sichtbar und zeigt, warum das Hildebrandhaus heute wieder als offene Künstler*innen‑Villa ein Raum für literarische Produktion, Diskussion und Begegnung ist.

Wie spiegelt sich Ihre Sammlung die literarische Entwicklung Münchens wider?

Die Bestände der Monacensia sollen zeigen, wie vielfältig Literatur in München schon immer war – und wie unterschiedlich Sprachen, Herkunftsgeschichten und literarische Traditionen hier zusammenkommen. Dabei haben wir in den letzten Jahren auch Lücken identifiziert. Mit unserem neuen Sammlungsprofil richten wir den Blick gezielt auf Literatur, die lange zu wenig Beachtung gefunden hat. Ein Beispiel dafür sind die ersten Zugänge der Sammlungslinie „Voices of Exile“ für Exil‑ und Diaspora‑Autor*innen in München: Die Manuskripte der belarussischen Lyrikerin Volha Hapeyeva dokumentieren ihren vielsprachigen Schreibprozess zwischen Belarussisch und Deutsch; die syrische Theatermacherin Rania Mleihi verbindet in ihrer dreisprachigen Performance persönliche Fluchterfahrungen mit politischen Umbrüchen. Solche Materialien zeigen, wie selbstverständlich internationale Perspektiven heute zum literarischen Arbeiten in München gehören.

Auf welche Schätze Ihres Hauses sind Sie besonders stolz?

Es fällt schwer, einzelne Bestände herauszuheben – aber es gibt Materialien, die uns jedes Mal neu beeindrucken. Die Tagebücher von Klaus Mann gehören dazu. Sie sind nicht nur ein literarisches Dokument, sondern eine der eindringlichsten Quellen zur europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts: Klaus Mann berichtet darin aus dem Spanischen Bürgerkrieg, aus dem Exil, aus dem Leben der Familie Mann – und aus einer Zeit, in der Literatur und politische Haltung untrennbar verbunden waren. 21 Kladden und Kalender, geführt von 1931 bis einen Tag vor seinem Freitod 1949. Ebenso faszinierend ist der Vorlass von Dagmar Nick – einer der bedeutendsten Lyrikerinnen der deutschen Nachkriegsliteratur, die bis heute in München lebt. In 21 Kassetten lagern bei uns biografische Dokumente, Briefe, Manuskripte und Zeitungsausschnitte – darunter Korrespondenz mit Carl Orff, Marcel Reich-Ranicki und Michael Krüger. Ein ganz aktueller Bestand ist das Archiv Salamander. Rachel Salamander gründete 1982 mit der Literaturhandlung die erste Fachbuchhandlung für Literatur zum Judentum im Nachkriegsdeutschland. Mit über 1000 Veranstaltungen verlieh sie dem jüdischen intellektuellen Leben wieder Präsenz in der deutschen Öffentlichkeit. 2022 schenkte sie ihr umfangreiches Archiv der Stadt München – eine über vier Jahrzehnte gewachsene Dokumentation jüdischer Literatur- und Zeitgeschichte, die wir nun der Öffentlichkeit zugänglich machen.

Die Monacensia umfasst nicht nur Archive, sondern auch Haus und Garten: Wie beeinflusst dieser offene Raum die Art, wie Literatur hier erlebt wird?

Haus und Garten unserer Künstler:innen ‑Villa sind sieben Tage die Woche kostenfrei geöffnet – für alle, die lesen, arbeiten, denken, sich treffen oder einfach nur sein möchten. Ob man eine Ausstellung besucht, an einem der vielen Arbeitsplätze arbeitet, im Literaturarchiv oder der Bibliothek recherchiert, bei Veranstaltungen mitdiskutiert oder einfach nur einen Kaffee im Café lev trinkt – all das ist bei uns in entspannter Atmosphäre möglich, ohne Schwellenangst, ohne Konsumzwang. Gleichzeitig ist die Monacensia Produktionsstätte: Münchner Autor:innen, Künstler:innen und Kulturschaffende arbeiten hier, entwickeln Projekte, tauschen sich aus. Beides gehört zusammen – der offene, entspannte Ort der individuellen Lektüre und der Raum, in dem Literatur aktiv entsteht.

Was unterscheidet diesen Ort der Lektüre und Begegnung von klassischen Bibliotheken oder Literaturhäusern?

Die Monacensia vereint Literaturarchiv, Bibliothek und Museum unter einem Dach, sie ist aber vor allem eines: ein dritter Ort. Ein Ort, der nicht Zuhause und nicht Arbeitsplatz ist, sondern Begegnung, Lernen und Inspiration ermöglicht – offen für alle, ohne Eintritt.

Das ist gerade in der aktuellen Zeit wichtiger denn je. Öffentliche Bibliotheken und dritte Orte wie die Monacensia sind Aushandlungsorte der Demokratie. Sie bieten Raum für Austausch und Debatten – und gleichzeitig Nähe und Halt.

Auf welche neue Ausstellung freuen Sie sich persönlich besonders?

Im Mai eröffnen wir unsere neue Ausstellung „Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv“. Die Ausstellung beleuchtet die außergewöhnliche Rolle der Publizistin und Vermittlerin Rachel Salamander – Gründerin der Literaturhandlung und prägende Stimme der deutsch‑jüdischen Kultur. Die 1982 gegründete Literaturhandlung war die erste Buchhandlung für Literatur zum Judentum in Deutschland nach 1945 und bot vielen Menschen eine intellektuelle wie emotionale Heimat. Zu ihren Gästen zählten unter anderem Louis Begley, Lily Brett, David Grossman, Barbara Honigmann, Ruth Klüger und Amos Oz. Im Zentrum der Ausstellung steht das Archiv Salamander, Rachel Salamanders über vier Jahrzehnte gewachsene Dokumentation jüdischer Literatur‑ und Zeitgeschichte. Originale Audioaufnahmen, Fotos, Dokumente, Gästebücher und TV‑Beiträge lassen Debatten seit den 1980er‑Jahren lebendig werden und machen sichtbar, wie stark Salamander literarische und gesellschaftliche Diskurse geprägt hat. Zu der Ausstellung gibt es ein vielseitiges Begleitprogramm, außerdem kann man in unserem Online-Magazin MON Mag regelmäßig neue exklusive Artikel und Beiträge unter anderem von Weggefährt:innen und Wissenschaftler:innen lesen.

Wie können Besucherinnen und Besucher die Monacensia nicht nur nutzen, sondern aktiv mitgestalten oder für eigene Zugänge zur Literatur einsetzen?

Die Monacensia versteht sich als lebendiges Archiv – und das bedeutet, dass wir Besucher:innen aktiv einladen, das literarische Gedächtnis mitzugestalten. Partizipation ist für uns kein Zusatzangebot, sondern ein zentrales Prinzip. Das zeigt sich auch in unserer Arbeitsweise: Mit der Methode der kuratorischen Feldforschung verstehen wir Ausstellungen als offene Forschungsräume. Nicht nur überlieferte Quellen, sondern auch Leerstellen, Brüche und Widersprüche werden sichtbar gemacht – und Besucher:innen, Communities und Zeitzeug:innen werden aktiv in diesen Prozess einbezogen. So entsteht eine Erinnerungskultur der Vielen, die über die Monacensia hinauswirkt. Konkret bedeutet das: Schreibaufrufe und Community-Projekte laden dazu ein, eigene Texte und Erinnerungen beizutragen. Wikipedia-Workshops ermöglichen es, Wissenslücken zu Autorinnen gemeinsam zu schließen. Und das MON Mag lebt vom Mitmachen – Leser:innen, Schreibende und Forschende erweitern gemeinsam das vielstimmige Bild der Münchner Literaturgeschichte.

Vielen Dank für das Gespräch!