Weinkolumne von und mit Jens Priewe

Der Schriftsteller Kurt Tucholsky, ein engagierter Pazifist und hintergründiger Satiriker, hat die Frage nach seiner Lieblingsfarbe so beantwortet: »Bunt«. Ob er bunte Tapeten an den Wänden seiner Schreibstube hatte oder bunte Socken trug, wissen wir nicht. Aber bestimmt hätte er gern mal einen bunten Wein getrunken.

Leider gibt es ihn nicht. Aber wer glaubt, Wein gibt es nur in Rot, Weiß und Rosé, der irrt. Für den, der genau hinguckt, ist das Farbspektrum so groß wie der Regenbogen. Beim Weißwein reicht es von hellem Strohgelb über Zitronengelb, Gelbgrün, Goldgelb bis zu tiefem Ambergelb. Ähnlich ist es beim Rotwein. Stellte man alle Weine nebeneinander, käme Tucholsky wahrscheinlich auf seine Kosten. Experten können oft schon an der Farbe erahnen, um welche Sorte es sich handelt.

Normale Weintrinker lassen sich von ihr inspirieren. Besonders gilt das für Roséweine. Die Farbe lockt. Sie beflügelt die Fantasie, macht Appetit. Rosé genießt man zu gegrilltem Gemüse, zu Muscheln, zu Graved Lachs, zu luftgetrocknetem Schinken, zu Hähnchenbrust oder einfach nur so, zu Crackern oder Chips. Kommt die Flasche aus dem Eiskübel und bildet das Kondenswasser Perlen auf dem Glas, kriegt man Durst, auch wenn man eigentlich keinen hat. Mehr noch: Die Fantasie geht weit übers Essen und Trinken hinaus. Letztes Jahr mailte mich eine Leserin an und fragte: »Wir planen eine Gartenparty und möchten unseren Gästen als Aperitif einen Roséwein anbieten. Kann ich dazu einen Jeansanzug tragen?« Obwohl nur Weinexperte, riet ich ihr: Nicht optimal. Bitte Kleidung oder Wein wechseln.

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Vielleicht war der Rat ein wenig streng. Aber das Beispiel zeigt: Die Farbe regt auch die Kleiderfantasie an. Bei keinem anderen Wein ist, soweit ich weiß, so viel Psychologie im Spiel wie beim Rosé. Das wissen inzwischen auch die Rosé-Erzeuger. Sie überlegen sich genau, welche Farbe ihr Roséwein haben soll: ob knallig pink, zwiebelrot, lachsrot, kupferfarben, hummerrot oder ein helles Blassrot. Im Moment liegen blassrote Rosés im Trend. Blassrot signalisiert Leichtigkeit und sieht aus wie zart getöntes Wasser, hat aber – im Gegensatz zu Wasser − Geschmack und wird aus einem eleganten Stielglas getrunken. Blassroter Rosé passt gut zu hellen Blusen, zu weißen T-Shirts, zu weißen Sneakern. Auch das intensivere Lachsrot wird gern gewählt, weil es gut mit sommerlichen Outfits harmoniert. Überhaupt nicht angesagt sind hingegen die erdbeerroten Rosés, die mehr an einen hellen Rotwein als an einen Rosé erinnern. Der Präsident eines norddeutschen Golfclubs, mit dem ich befreundet bin und dem ich letztes Jahr einen blassroten Rosé empfohlen hatte, berichtete mir hinterher, dass einige Teilnehmerinnen bei den Ladies Open seines Clubs Tränen des Glücks in den Augen gehabt hätten. Golferlatein, vermute ich. Aber eines stimmt: Roséwein schmeckt immer mehr Menschen, nicht nur in Norddeutschland. Er ist das derzeit am stärksten wachsende Weinsegment.

Die Franzosen trinken bereits mehr Rosé als Weißwein. Folglich wird überall auf der Welt, wo rote Trauben wachsen, Rosé produziert − in Spanien, Italien, Griechenland, Ungarn und vor allem in Frankreich. Auch Deutschland steht nicht abseits. In Baden, in der Pfalz, an der Nahe, an Neckar, Rhein, Main und Saale-Unstrut wird immer mehr Rosé erzeugt, meistens aus Spätburgunder-Trauben, aber auch aus Dornfelder, Portugieser, Lemberger, Schwarzriesling und aus Neuzüchtungen wie Cabernet Dorsa, Regent, Domina. Natürlich muss man nicht wegen jedem Rosé Tränen des Glücks vergießen. Die zahllosen süßlichen Rosés, die den Markt überschwemmen, sind elende Weinlimonaden. Und hinter den zeitgeistigen Rosé-Seccos in frech designten Flaschen befindet sich häufig nur koloriertes Prickelwasser. Ein guter Rosé aber ist ein seriöser Wein. Er duftet nach Wein. Er schmeckt nach Wein. Er macht das Leben bunter, egal was man anhat.

Wie kommt die Farbe in den Rosé?

© Vivi d'Angelo

Ein Rosé entsteht nicht etwa durch Mischen von Rot- und Weißwein. Er wird aus roten Trauben gekeltert. Diese werden kurz angepresst, sodass die Beerenhaut aufspringt. Danach bleibt das Schalen-/Saft-Gemisch ein paar Stunden in der Presse oder im Tank. In dieser Zeit löst sich die Farbe aus den Schalen und färbt den Saft langsam rot – je länger die Kontaktzeit, desto roter, je kürzer, desto blasser der Wein.

Jens Priewe Zunächst als Redakteur im deutschsprachigen Raum tätig machte er sich einen Namen als Autor von zahlreichen Büchern und Artikeln über Wein. 1987 erschien Priewes erstes Weinbuch. Inzwischen liegt die Gesamtauflage seiner Titel bei über einer Million. Seit 2010 betreibt Jens Priewe ein aktuelles Weinmagazin weinkenner.de.

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