Rieke Havertz und Klaus Brinkbäumer

»GEBT UNS NICHT AUF«

Bewunderung, Ernüchterung, Liebe – kaum ein Land löst in Europa so widersprüchliche Gefühle aus wie die USA. Klaus Brinkbäumer und Rieke Havertz moderieren gemeinsam den ZEITPodcast »OK, America?« und blicken auf Jahrzehnte persönlicher Erfahrungen und journalistischer Beobachtung zurück. Im Gespräch erzählen sie von Sehnsuchtsorten und Brüchen, von demokratischen Idealen und realen Gefahren – und davon, warum Aufgeben gerade jetzt keine Option ist.

Schon immer blicken viele Europäerinnen und Europäer mit Bewunderung, aber auch mit Irritation auf die USA: ein Land voller Widersprüche, aber auch voller Möglichkeiten. Wie haben Sie das Land in Ihren ersten Jahren erlebt – was hat Sie angezogen, was überrascht oder vielleicht auch befremdet?

Havertz: Als ich das erste Mal als Teenagerin in Kalifornien war, war ich fasziniert von den Klischees des Landes, die sich an diesem Ort im besten aller Sinne erfüllten. Richtig ankommen in Amerika bin ich Jahre später, als Studentin in Ohio, von allen Orten. Aber dort habe ich das wirkliche Amerika mit all seinen Widersprüchen kennengelernt: lässig, großspurig, offen, ungerecht. Und Freunde fürs Leben gefunden.

Brinkbäumer: Und ich kam als ganz junger Student und Volleyballspieler mit Englisch- Leistungskurs-Wissen und nicht viel mehr als einer Begeisterung für John Irving und amerikanisches Kino nach Kalifornien, und da hat‘s mich erwischt. Von Santa Barbara aus habe ich mit einem uralten Ford Pinto Los Angeles und San Francisco und Yosemite und den Grand Canyon entdeckt und diese amerikanische Kraft und Fantasie natürlich auch. Das Land war damals schon widersprüchlich, vor allem aber optimistisch und dynamisch; und ich war ein verliebter Romantiker.

Landschaftlich, kulturell und gesellschaftlich sind die USA enorm vielfältig. Gibt es einen Ort oder eine Region, die Ihnen besonders ans Herz gewachsen ist?

Brinkbäumer: Der Sehnsuchtsort Kalifornien, die hawaiianische Insel Kauai und New York City, das Heimat geworden ist.

Havertz: Columbus, Ohio, und Washington, D.C., meine beiden Heimaten in den USA. Die Küste Oregons.

Die USA sind eine junge Nation, die in nur 250 Jahren enorm viel erreicht hat. Wenn Sie auf diese Geschichte blicken: Was ist für Sie die beeindruckendste Leistung dieses Landes?

Havertz: Ich denke dabei weniger an eine Leistung, sondern an eine Eigenschaft, die mir in all den Jahren immer wieder begegnet ist: nie aufzugeben. Es hat vom Kleinen bis ins Große zu erstaunlichen Comebacks geführt und es ist eine Leidenschaft, die diejenigen, die für das demokratische, freie, offene Amerika kämpfen, gerade dringend brauchen.

Brinkbäumer: Ja, die USA hatten, in der Vergangenheit jedenfalls, stets die Kraft, auf Destruktion Selbstheilung folgen zu lassen, auf die Morde des Ku-Klux-Klan die Civil-Rights-Bewegung und auf die Lügen George W. Bushs die romantische Wucht Barack Obamas. Bücher wie »Infinite Jest« von David Foster Wallace oder »Breathing Lessons« von Anne Tyler fallen mir ein, mindestens zehn Bruce- Springsteen-Songs und Filme wie »Pulp Fiction«, und mir fallen die Chicago Bulls der 90er-Jahre oder, vorerst etwas zaghafter, die New York Knicks der Gegenwart ein.

Die rasanten Veränderungen unter der aktuellen US-Regierung haben Europa in eine Art Schockstarre versetzt. Kann man heute die USA noch schlüssig erklären – oder erleben wir eine Phase, in der selbst Sie als erfahrene Beobachter immer wieder an Grenzen des Verstehens stoßen?

Brinkbäumer: Verstehbar ist es schon, auch wenn es weh tut: Sehr viele Menschen wollten genau diese Trump-Regierung, inklusive der Misogynie, der Xenophobie und der Inszenierung von Grausamkeit. Was mich aber noch sehr viel mehr betrübt als die Analyse, ist die Folgerung: Die USA nähern sich dem Punkt, von dem an ihre Demokratie für lange Zeit nicht mehr zu heilen sein wird.

Havertz: Ich bin da bei dir, Klaus, es schmerzt und es gibt auch Momente, in denen es mir schwerfällt, in die Analyse zu gehen. Die aber so wichtig ist. Zu ihr gehört nicht nur diesen so gefährlichen Moment genau zu beobachten, sondern auch, mit möglichst vielen unterschiedlichen Menschen und Gruppen im Land im Gespräch zu bleiben.

Wie lange, würden Sie sagen, haben sich diese Entwicklungen in den USA schon angebahnt? Gab es frühe Signale?

Havertz: Das Gründungsversprechen der USA aus der Verfassung, »that all men are created equal«, war schon immer eine Lüge. Rassismus und soziale Ungleichheit zeigen sich immer wieder in der Geschichte des Landes. Auf Trump und MAGA blickend war nach dem gescheiterten Amtsenthebungsverfahren gegen Trump nach dem Sturm auf das Kapitol 2021 klar, dass sich die Bewegung nicht einfach von selbst erledigen würde.

Brinkbäumer: Ja, gewalttätig und schroff , leider auch rassistisch und brutal konnten die USA bereits seit ihrer Gründung sein. Die Polarisierung, von der wir heute reden, begann mit Politikern wie Newt Gingrich und Talk-Radio-Figuren wie Rush Limbaugh, für die politische Gegner Feinde waren.

Die USA wurden aus dem Gedanken von Freiheit und Unabhängigkeit heraus gegründet. Was sagen Sie zu Stimmen, die behaupten: Die amerikanische Demokratie ist nicht mehr stabil und dass sie sogar Stück für Stück demontiert wird.

Brinkbäumer: Das stimmt. Wirklich fair in dem Sinne, dass jede Stimme zähle, war die amerikanische Demokratie noch nie, aber jetzt ist sie in Lebensgefahr: Das Wahlrecht ist windschief, und der Kongress ist auf unfaire Weise zusammengefügt. Irrsinnige Summen, vom konservativen Supreme Court freigegeben, machen die amerikanische Politik korrupt. Über das Gerrymandering werden Wahlbezirke taktisch zurechtgeschnitten. Trumps Republikaner meinen das ernst: Sie wollen verhindern, dass Demokraten Wahlen gewinnen können.

Havertz: Ich stimme dir zu, und um nicht alles zu wiederholen, versuche ich mich in so etwas wie einem Hoff nungsargument: Die Ebene des Systems, die sich als äußert resilient erwiesen und Trump schon in Amtszeit eins eingeschränkt hat, sind die Bundesgerichte überall im Land. Dort versuchen die Richterinnen und Richter teils unter hohem politischem Druck und trotz Einschüchterungsversuchen ihre Arbeit zu machen. Und urteilen immer wieder gegen Trump.

Von außen wirkt es manchmal so, als reagiere die Gesellschaft erstaunlich ruhig auf diese Entwicklungen. Ist das nur unserer Wahrnehmung oder ist das die Realität im Land selbst?

Havertz: Ich sehe beides: Menschen, die sich gegen diese Entwicklung aufl ehnen, von Nachbarschaftshilfen bis zu großen Bürgerrechtsbewegungen. Aber auch Menschen, die Angst haben, keine Kraft haben und hoff en, dass ihr Land ohne ihr Zutun noch einmal zu retten sein wird.

Brinkbäumer: Und es gibt starke NGOs, auch souveräne, selbstbewusste Bundesstaaten. Insgesamt aber sind viel zu viele Menschen ermattet – und andere unterschätzen die Faschisten und Autoritären in Washington immer noch.

250 Jahre später feiert nun das Land das historische Jubiläum. Gibt es aus Ihrer Sicht etwas zu feiern? Und mit Blick nach vorn: Sehen Sie einen Weg aus der aktuellen Zuspitzung oder sind das die neuen USA?

Brinkbäumer: Derzeit sind Opposition und auch Wahlsiege der Demokraten zwar erschwert, aber noch möglich. Sie müssen allerdings so gut sein, wie nur eben möglich – und nicht erneut Fehler wie die zweite Kandidatur Joe Bidens machen. Wenn es eine Massenbewegung der Bürger:innen (»Wir wollen ein anderes Land sein«) gibt und dann die Einsicht der Republikaner, dass Lüge und Denunziation zu Niederlagen führen … Ja, dann … aber dahin ist‘s ein weiter Weg. Was meinst du?

Havertz: All das und ja, es ist ein langer Weg. Die Proteste gegen ICE, die sich über Parteigrenzen hinweg gezeigt haben, sind ein erster Moment, in dem sich gezeigt hat, dass viele Bürger ein Amerika, in dem Menschen auf der Straße erschossen werden, nicht wollen. Ein zweiter wichtiger Moment werden die Midterms im November sein. Eine hohe Wahlbeteiligung und ein gutes Ergebnis für die Demokraten können eine neue Dynamik bringen, nicht nur in Washington, sondern im ganzen Land.

Hat sich Ihr Verhältnis zu den Vereinigten Staaten im Laufe der Zeit gewandelt? Und gibt es etwas, das Sie unseren Leserinnen und Lesern im Umgang mit diesem Land mit auf den Weg geben möchten?

Havertz: Meine American Mom hat schon nach dem zweiten Wahlsieg Trumps zu mir gesagt: »Gebt uns nicht auf.« Wir sollten Trump nicht helfen, weitere Mauern zwischen den USA und Europa zu errichten, wenn es neben der politischen Ebene viele andere gibt, an denen man festhalten kann.

Brinkbäumer: Mir haben bei meiner Recherchereise viele Menschen etwas Ähnliches gesagt: Glaubt an uns. Kommt weiter zu uns. Lasst uns nicht fallen, gerade jetzt nicht. Das trage ich gern weiter.

Vielen Dank für das Interview!

Für alle, die dranbleiben wollen: Der Podcast »OK, America?« der ZEIT liefert wöchhentlich fundierte Einblicke in das politische Geschehen in den USA – und wird von unseren beiden Interviewpartnern moderiert.

Klaus Brinkbäumer

Der amerikanische Albtraum

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€ 24,00
Rieke Havertz

Goodbye, Amerika?

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€ 22,00

Klaus Brinkbäumer

(c)KirstenNijhof

Klaus Brinkbäumer war viele Jahre in leitender Funktion beim SPIEGEL tätig, unter anderem als Chefredakteur und Herausgeber von Spiegel Online. Zuvor arbeitete er dort als Reporter und Korrespondent. Seine Reportagen wurden mit dem Egon-Erwin-Kisch- Preis, dem Henri-Nannen-Preis und dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnet; mehrere seiner Bücher standen auf der Bestsellerliste. Heute ist er Autor, Moderator und Filmemacher. Er schreibt unter anderem für DIE ZEIT und arbeitet als Außenpolitikexperte für den Mitteldeutschen Rundfunk.

»Verabschieden müssen wir uns ganz gewiss von der alten Weltordnung, von dem Verständnis, dass die USA die Schutzmacht des demokratischen Westens seien … Die Weltordnung ist eine andere – ab sofort. Donald Trump ist ein Fernsehpräsident, der Aktionen will, der Action will im Sinne von Dingen, die es bisher noch nicht gab, zu denen aus seiner Sicht nur Amerika und nur er, seine maskuline, so auf stärke pochende Umgebung, fähig sind.« Klaus Brinkbäumer zu Gast in der Podcast-Sonderausgabe »Guttenberg trifft«

Rieke Havertz

©Jacobia-Dahm

Rieke Havertz berichtet als internationale Korrespondentin der ZEIT seit vielen Jahren über die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den Vereinigten Staaten. Besonders prägend waren ihre Jahre in Washington, wo sie die amerikanische Innenpolitik aus nächster Nähe beobachtete. Havertz studierte Journalismus und Amerikanistik in Leipzig sowie an der Ohio University. Nach journalistischen Anfängen unter anderem bei der taz wechselte sie 2016 zur ZEIT.

»Seit mehr als 20 Jahren sind die Vereinigten Staaten meine zweite Heimat. Noch nie war meine Sorge so groß, dass ich diese Heimat verlieren werde, weil ich sie nicht mehr wiedererkennen werde. Weil die Demokratie in den Vereinigten Staaten vielleicht überlebt, aber das Ideal und die Verheißung, nach denen diese Nation nun bald 250 Jahre lang mühevoll strebt, zerstört werden.« Rieke Havertz in »Goodbye, Amerika?«