Rafik Schami

„Geschichten bauen Brücken – aber man muss sie hören wollen.“

Zum 80. Geburtstag von Rafik Schami erscheint mit „Das Mosaik der Frauen“ ein neuer Roman, der viele Lebensgeschichten kunstvoll zusammenfügt. Im Gespräch erzählt er von seinen Anfängen, vom Erzählen als Lebensform – und von der Kraft der Literatur.

Das Mosaik der Frauen

Lieber Herr Schami, wenn Sie heute auf Ihr Leben zurückblicken: Was hat Sie durch all die Jahre im Kern zum Schreiben angetrieben?

Ich war, von Kind auf, ein leidenschaftlicher Leser. Ich verschlang die kleine Bibliothek meines Vaters – auch die Bücher, die er mir verboten hatte – und auch die meiner Schulfreunde und je mehr ich gute Erzählungen, Märchen und Romane las, umso größer wurde mein Hunger. Ich begann dann, mir selbst Geschichten zu erzählen und aufzuschreiben, die ich noch nie gelesen habe, und da ich mich sehr schnell langweilte, achtete ich darauf, dass mich meine neuen Geschichten nicht langweilen. Und mein Glück war, dass die Erzählungen auf der Gasse und in der Schule gut ankamen, was mich ermunterte, weiterzumachen.

Und was interessiert Sie heute beim Schreiben vielleicht mehr als früher – und was vielleicht weniger?

Da ich damals die Themen aus meiner Umgebung nahm und heute die Quelle meiner Geschichten die gleiche ist, hat sich hier kaum etwas verändert. Es gehört dazu, dass die Themen überall mit der Zeit variieren.

Und was ist die Ursache Ihrer Leidenschaft, Ihre Romane und Erzählungen mündlich vorzutragen?

Das hat mit meinen Erlebnissen als Kind zu tun, als ich Menschen zuhörte, die nicht einmal lesen konnten, aber so zauberhaft erzählten, dass Männer und Frauen hemmungslos weinten und lachten wie Kindern. Das hat mich total verzaubert und ich vergaß Alltag, Ort, Schule und Familie und reiste mit den Heldinnen und Helden durch die Städte und Landschaften. Daher habe ich vor über 40 Jahren beschlossen nie vorzulesen, sondern frei zu erzählen. Das war nicht einfach in einer fremden Sprache aber der Genuss der Verwandlung meiner Zuhörerinnen und Zuhörer hat mich und meine Mühen mehr als genug belohnt. Sie vergaßen nach kurzer Zeit Trauer und Kummer und wurden zu lauschenden Kindern. Beim mündlichen Erzählen ist die wichtigste Voraussetzung der große Respekt vor dem Publikum.

In Ihren Romanen verbinden sich Leichtigkeit, Humor und eine große Ernsthaftigkeit. Ist das für Sie eine bewusste Erzählhaltung – gerade, wenn es um Themen wie Exil, Unterdrückung oder Erinnerung geht?

Ich habe einmal geschrieben: Das Lachen ist der beste Schmuggler von Ideen. Das sagt noch nichts über die geschmuggelte Ware. Auch Rassisten bringen ihr Publikum zum Lachen. Das Exil hat für mich zwei Gesichter, einmal musste ich den Schmerz ertragen, dass ich meine geliebte Stadt Damaskus nie wieder betreten und meine Mutter nie wiedersehen durfte. Auf der anderen Seite hat mich das Exil von der Sippe und der Diktatur befreit. Hier schrieb ich meine Romane so wie ich es wollte und nicht wie es ein Herrscher genehmigte. Deshalb musste ich nach einem Schmuggler Ausschau halten, der diese Komplexität in Herz und Geist der Leserschaft unauffällig liefert.

Sie haben einmal gesagt, dass Geschichten Brücken bauen können. Glauben Sie, dass Literatur heute noch dieselbe verbindende Kraft hat wie früher – oder ist sie vielleicht sogar wichtiger geworden?

Geschichten – ob Erzählungen oder Romane – bauen Brücken und sie werden es immer tun, aber die Zeit ist schwieriger geworden: Der beste Sender schafft es nicht, Menschen zu erreichen, wenn ihr Empfänger ausgeschaltet ist. Daher muss man die Kinder von den ersten Jahren ihres Lebens humorvolle Bücher zeigen, vorlesen und ihnen auch mündlich erzählen. Auch die Schule muss das Lesen und Erzählen attraktiv für die Schüler gestalten. Ohne die Brücken der Literatur werden die Menschen vereinsamt und Hinter den Gittern ihrer Vorurteile sitzen bleiben.

Ihr neuer Roman, „Das Mosaik der Frauen“, versammelt viele Lebensgeschichten, die sich zu einem großen Ganzen fügen. Was hat Sie an diesem Bild des Mosaiks besonders gereizt?

Mosaikbilder haben mich immer fasziniert. Und ich erkannte bald die Beziehung zwischen dem einzelnen winzigen Stein und dem monumentalen Bild, sei es eine Vase, eine historische Schlacht, ein religiöses Bild oder eine Liebesszene. Das ist ein Abbild unseres Lebens, wo viele zum Gesamtbild der Gesellschaft beitragen. Da auch die Seele einer einzigen Person nicht aus einem Stück besteht, sondern von vielen Menschen mit einer kleinen oder großen Zahl Mosaiksteine gestaltet wird, war der Gedanke geboren eine Person erzählen zu lassen, wie Frauen seinen Charakter und seine Seele Stein für Stein aufgebaut haben. Bei den meisten Menschen sind es Frauen, die das schaffen, auch wenn manch ein Mann mit schwachem Bewusstsein das leugnet.

Viele unterschiedliche Frauen und ihre Lebensgeschichten stehen im Mittelpunkt. Wie sind diese Figuren entstanden – und was hat Sie an ihren Geschichten besonders interessiert?

Die Lebensläufe und Liebesgeschichten der Frauen haben mehrere Quellen. Sie stammen Sowohl aus meinen persönlichen Erfahrungen als auch aus vielen Erlebnissen meiner Freund:innen, Bekannten und Leser:innen, die mir ihr kuriose Erlebnisse erzählten, wofür auch die Widmung mit dem Dank im Buch vorne steht. Ich habe viele Jahren als Dolmetscher gearbeitet, und da lernte ich viele Menschen und ihre Geschichten kennen. Ich genieße es bis heute, Geschichten zu hören und das kitzelt die Zunge der Erzähler:innen und sie spüren es und erzählen dann sehr offen.

Welche Geschichte über Syrien würden Sie heute der Welt erzählen wollen – eine, die unbedingt gehört werden sollte?

Der Unterschied zwischen einem Journalisten und einem Romancier ist: Der erste lebt von der Unmittelbarkeit, der zweite von der Distanz. Distanz hat nichts mit Kälte, sondern mit der Ruhe und der gründlichen langfristigen Beobachtung zu tun. Ich werde wie bisher in der Stille recherchieren und mit Distanz weiterschreiben aber nicht über die aktuellen Entwicklungen. Revolutions- und Kriegsromane haben mich immer gelangweilt.

Zum Schluss mit Blick auf den Buchhandel: Ihre Bücher werden seit vielen Jahren besonders im unabhängigen Buchhandel empfohlen. Welche Bedeutung haben diese Orte für Sie – und gibt es Begegnungen mit Buchhändlern, die Ihnen in Erinnerung geblieben sind?

Die Orte, die Buchhandlungen und das Publikum bleiben in bester Erinnerung in meinem Gedächtnis gespeichert, vor allem weil die Literaturkritik in diesem Land bei meinen ersten Büchern liebevoll eine Schweigemauer um mein Werk gelegt hat, damit mich der Erfolg nicht verdirbt. Ich habe mit den Buchhandlungen bis zu 150 Lesungen pro Roman veranstaltet und das kluge Publikum hat selbstständig erfahren, was die Bücher erzählen. Bis zu 200 Bücher signierte ich nach manchem Erzählabend und die Mundpropaganda ist immer noch die effektivste Werbung. Das hat meine Literatur gerettet und den Weg zu über 30 Sprachen freigemacht.

Haben Sie eine Buchhandlung, zu der Sie immer wieder zurückkehren – und was macht sie für Sie besonders?

Da gibt es keinen klaren Favoriten, vielmehr bin ich froh um alle Buchhandlungen, die mich immer wieder freundlich empfangen haben: Ich habe in 43 Jahren über 2800 Erzählabende gehalten und bin, wie mein Steuerberater berechnete, über 470.000 km gereist. D.h. ich habe die Erde elfmal erzählend umkreist. Dabei habe ich mich in über 150 Buchhandlungen wohlgefühlt. Die Buchhändler:innen waren gastfreundlich, engagiert, sehr offen, sodass das Gespräch mit ihnen und ihren Mitarbeiter:innen nach der Lesung für mich informativ und sehr wichtig war. Das ist für mich ein Traumbild, das durch die Buchhändler:innen und das Publikum zur Realität wurde. Dafür bin ich, solange ich lebe, dankbar.

Vielen Dank für das Gespräch!

© Arne Wesenberg

Rafik Schami wurde 1946 in Damaskus geboren und lebt seit 1971 in Deutschland. Sein umfangreiches Werk wurde in 35 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, so u.a. mit dem Hermann-Hesse-Preis, dem Nelly-Sachs-Preis, dem Preis »Gegen Vergessen – Für Demokratie«, dem Gustav-Heinemann-Friedenspreis, der Carl-Zuckmayer-Medaille und zuletzt der Grimm-Bürgerdozentur. Im Hanser Kinder- und Jugendbuch erschien u.a. »Das ist kein Papagei« (illustriert von Wolf Erlbruch, 1994), »Die Sehnsucht der Schwalbe« (2000), »Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm« (2003, illustriert von Ole Könnecke), »Der Kameltreiber von Heidelberg« (2006, illustriert von Henrike Wilson), »Das Herz der Puppe« (2012, illustriert von Kathrin Schärer), »Meister Marios Geschichte« (2013, illustriert von Anja Maria Eisen), »Elisa oder Die Nacht der Wünsche« (2019, illustriert von Gerda Raidt), »Der beste Zufall der Welt« (2026, illustriert von Annette Swoboda); im Erwachsenenprogramm des Verlages »Die dunkle Seite der Liebe« (Roman, 2004), »Das Geheimnis des Kalligraphen« (Roman, 2008), »Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte« (2011), »Sophia oder Der Anfang aller Geschichten« (Roman, 2015), »Die geheime Mission des Kardinals« (Roman, 2019), »Mein Sternzeichen ist der Regenbogen« (Erzählungen, 2021) und »Wenn du erzählst, erblüht die Wüste« (Roman, 2023).

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