Melanie Pignitter

„Bücher haben mehr als 30 Sekunden Zeit.“

Mit ihren Büchern über Selbstwert, Selbstfürsorge und innere Stärke erreicht Melanie Pignitter Millionen Menschen. Im Gespräch erzählt sie, warum ihre Geschichten von Italien, alten Bullis und Sommerleichtigkeit mehr sind als bloße Wohlfühlkulissen, weshalb Bücher heute wichtiger denn je sind und warum echte Selbstliebe oft ganz anders aussieht als die üblichen Social-Media-Parolen.

(c)Laura Melone Wien

Liebe Frau Pignitter, Ihre Bücher haben einen ganz eigenen Look. Wie ist diese Bildsprache entstanden?

Ich würde sagen: aus einer tiefen Sehnsucht heraus, die die meisten Menschen spüren – so auch ich. Die Sehnsucht nach Sommer, Sonne und Leichtigkeit.

Mir war es wichtig, meine tiefen Botschaften über einen leichten Weg zu transportieren – einen, den mehr Menschen mitgehen können und wollen. Ein Sachbuch ist oft wie ein Seminar: sehr wertvoll, aber auch eine Hürde, es wirklich anzugehen.

Die Bildsprache und die Geschichte hingegen laden dazu ein, gemeinsam eine Reise zu unternehmen. Und mal ehrlich – Urlaub gefällt den meisten von uns einfach besser als ein Seminar. Der alte gelbe Bulli erzeugt außerdem so etwas wie Vertrautheit. Er steht für das Alte, das Sichere – für etwas, das schon immer da war und bleiben wird. Für das innere Zuhause, das man überallhin mitnimmt. Viele Menschen, die sich auf persönliche Entwicklung einlassen, haben anfangs Angst, etwas zu verlieren. Der Bulli sagt unterschwellig: Hab keine Angst, alte Muster loszulassen – alles, was wirklich zu dir gehört, bleibt.

Sie erreichen über Social Media unglaublich viele Menschen mit Ihren Themen. Was kann ein Buch, was Instagram nicht kann?

Ganz einfach: Es hat mehr als 30 Sekunden Zeit. Zeit, um zu berühren, sich selbst zu erkennen und genau dort Veränderung anzustoßen, wo es zwickt. Das ist das Geniale an Büchern: Während unsere Welt immer schneller wird, gibt es noch immer diese Geschichten zwischen zwei Buchdeckeln, die jeder in seinem eigenen Tempo lesen darf. Bücher sind ein Ort, an dem Menschen Nein sagen zum schnellen Dopaminkick – und Ja zu einer selbstbestimmten Reise, die, anders als ein 30-Sekunden-Post, oft tief im Herzen bleibt. Außerdem erwecken Bücher Menschen, Emotionen und Kulissen zum Leben – anders und tiefer, als es auf Social Media möglich ist. Oft bekomme ich Feedback wie: „Ich dachte die ganze Zeit, du schreibst über mich.“ Oder: „Ich wollte immer schon nach Italien – jetzt war ich dort, weil ich dein Buch gelesen habe.“ Bücher wirken heute oft wie etwas von gestern – in Wahrheit schaffen sie Lebendigkeit und Verbindung, wie es kaum ein anderes Medium kann.

In Ihren Texten geht es viel um Selbstwert und Selbstfürsorge – Themen, die viele kennen, aber oft schwer umsetzen. Wo beginnt man Ihrer Meinung nach am besten?

Richtig, es geht um Selbstwert und Selbstfürsorge – aber diese Begriffe sind für viele Menschen gar nicht fühlbar. Sie stehen da wie schwere Fachwörter, die scheinbar wenig mit dem eigenen Leben zu tun haben. Und damit sind wir schon beim ersten Schritt: der Erkenntnis, betroffen zu sein. In meinen Büchern sind die Protagonistinnen betroffen, ohne es vorher bewusst zu wissen. Es zeigt sich in ihrem Verhalten und ihren Gedanken. Zum Beispiel in der Angst, dass andere schlecht über einen denken könnten. Im Gefühl, immer etwas leisten zu müssen, um sich wertvoll zu fühlen. Im Perfektionsdrang oder darin, es allen recht machen zu wollen. Sich in solchen Mustern wiederzuerkennen, ist der erste Schritt. Denn all diese Muster haben eines gemeinsam: Sie versuchen, das innere Gefühl „Ich bin nicht gut genug“ und die Angst vor Ablehnung zu kompensieren. Und je nach Thema würde ich keine oberflächlichen Selbstliebe-Übungen wie „Sag dir selbst, dass du dich liebst“ mitgeben, sondern individuelle Strategien – so, wie die Protagonistinnen sie in meinen Büchern sie auf ihrer Reise finden. Ganz allgemein würde ich sagen der erste Schritt ist sich selbst liebevoll zu behandeln. Manchmal hilft dabei die Frage: Wenn du dir selbst die liebevollste Mutter wärst – was würdest du ab sofort anders, nicht mehr oder neu machen?

Ihre Leser:innen fühlen sich oft sehr direkt angesprochen. Schreiben Sie eher für sich selbst – oder haben Sie diese Community beim Schreiben im Kopf?

Als ich mit dem Schreiben begonnen habe – das ist viele Jahre her – habe ich tatsächlich vorerst nur für mich geschrieben. Genauer gesagt: um zu überleben. Schreiben hat mich durch die schwerste Phase meines Lebens und durch eine schwere Krankheit getragen. Und heute schreibe ich natürlich auch noch für mich, weil es meine größte Leidenschaft ist – weil ich dabei Zeit, Sorgen und alles rund um mich vergessen kann. Bei mir wirkt das definitiv besser als jede Meditation. Aber ich schreibe auch für und über all die wundervollen Frauen, mit denen ich seit Jahren arbeiten darf. Für und über meine Schwester, meine Freundinnen, meine Mama und viele mehr. Und beim Schreiben spüre ich tatsächlich, wie nah wir uns alle sind.

Der Begriff „Selbstliebe“ wird inzwischen überall verwendet. Was bedeutet er für Sie ganz konkret – jenseits von schönen Worten?

Ganz einfach: Sei die Person, mit der du selbst am liebsten in den Urlaub fahren würdest. Nicht im Sinne von „optimiere dich bis zum perfekten Bikinibody“, sondern eher so: Wenn deine beste Freundin plötzlich drei Pickel mehr im Gesicht, zwei Kilo mehr auf den Hüften, eine schräge Eigenschaft – zum Beispiel, sich ständig zu entschuldigen – und pro Tag zehn Selbstzweifel hätte, würdest du dann weniger gern mit ihr in den Urlaub fahren? Vermutlich nicht. Selbstliebe bedeutet also, zu lernen, dich in einem genauso liebevollen Licht zu sehen, wie du deine beste Freundin, dein Kind oder deinen Partner meist siehst.

Gab es beim Schreiben Ihres neuen Buches einen Gedanken oder eine Erkenntnis, die Sie selbst überrascht hat?

Überrascht hat mich, wie sicher ich bei „Wiedersehen mit mir selbst zwischen Pasta und Limoncello“ beim Schreiben war. Kein Zweifel, ob die Protagonistin, die Geschichte oder die Muster den Leserinnen entsprechen und gefallen – sondern eine tiefe innere Sicherheit. Es war ein bisschen so, als hätte ich die zukünftigen Leserinnen auf meinen Schultern sitzen gehabt und ihre Themen gespürt. Gleichzeitig habe ich mich dabei ertappt, dass ich – genau wie meine Protagonistin Lena – noch immer ziemlich schlecht darin bin, mir Arbeitspausen zu gönnen. Aber vielleicht ist das gar nicht so schlimm, wenn man seine Arbeit so sehr liebt wie ich das Schreiben.

Ihre Bücher leben stark von Ihrer Community – gleichzeitig werden sie auch im Buchhandel entdeckt. Wie wichtig sind Ihnen diese beiden Wege?

Meine Community ist vor einigen Jahren rein online entstanden – und ich bin unglaublich dankbar dafür. Wenn ich mir die Follower- und Reichweitenzahlen anschaue, denke ich oft: Wow. So richtig begreifen konnte ich das alles erst, als ich mein erstes Buch im Buchhandel gesehen habe. Ich stand davor und dachte: Jetzt ist es real. Der Buchhandel und das haptische Buch sind für mich enorm wichtig. Sie sind das zarte Band zwischen mir und meinen Leserinnen, das bleibt – selbst wenn der Algorithmus sich wieder einmal anders entscheidet.

Unabhängige Buchhandlungen sind oft Orte, an denen man genau solche Themen zufällig findet. Welche Rolle spielt dieses „Entdecken“ für Sie?

Für mich und meine Bücher bedeutet das unglaublich viel. Es ist, als würden Buchhandlungen zu meinem Buch sagen: Komm, dich nehme ich mit. Du bekommst ein Zwischenzuhause, weil ich mir sicher bin, dass sich jemand in dich verlieben wird. Das ist ein großer Vertrauensvorschuss – und eine wunderbare Möglichkeit, neue Leserinnen zu erreichen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Wiedersehen mit mir selbst zwischen Pasta und Limoncello