»WIR SIND WIE DER ASTEROID – BLOSS ETWAS LANGSAMER.«
In »EDEN« erzählt Marc Elsberg von einer Welt, in der ökologische Kipppunkte, gesellschaftliche Blindheit und technologische Möglichkeiten aufeinandertreffen – und von der Frage, wie viel Wissen wir brauchen, um rechtzeitig zu handeln. Wir sprachen mit ihm über leise beginnende Katastrophen, komplexe Systeme und die Rolle von Wissenschaft und Technik.
»EDEN« beginnt mit scheinbar vereinzelten Phänomenen – tote Fische, ein angriffslustiger Tiefsee-Riesenkalmar an der Wasseroberfläche, lokale Dürren –, die man zunächst noch wegschieben könnte. Warum ist es wichtig, eine globale Bedrohung genau so entstehen zu lassen: leise und Schritt für Schritt?
Globale Bedrohungen treten selten als plötzliche Großereignisse auf. Vielmehr schleichen sie sich oft in unser Leben, anfangs oft kaum bemerkt. Man sieht erste Anzeichen, aber man will sie nicht wahrhaben, aus Zeitmangel, Bequemlichkeit oder weil man denkt: Das betrifft mich nicht, das ist weit weg, ich kann ohnehin nichts tun. Und dann sind die Ereignisse plötzlich da, direkt vor unserer Haustür, groß, mächtig, überwältigend. Und alle tun überrascht. Ein Beispiel, an das sich die Älteren unter uns erinnern: Bei Autofahrten in den Siebzigerjahren war die Windschutzscheibe nach einer Stunde von toten Insekten so verklebt, dass man nicht mehr hindurchsehen konnte, die Scheibenwischer liefen selbst bei Sonnenschein! Aber: Es gab wenigstens noch Insekten! Heute dagegen bleibt die Scheibe fast sauber. Den Autofahrer mag es freuen, aber was das bedeutet, ist vielen nicht klar. Dasselbe sehen wir beim Klima, bei der Bedrohung der Demokratie, bei all den Krisen, die uns derzeit beschäftigen – keine davon kam über Nacht. Sie haben sich seit Jahrzehnten angekündigt.
In >>EDEN<< spielen wissenschaftliche Prognosen und technologische Möglichkeiten eine wichtige Rolle. Warum war es Ihnen wichtig, diese Entwicklungen in die Geschichte einzubeziehen?
Im Zentrum der Geschichte steht die Bedeutung der Natur für unser Leben. Wie wichtig sind Plankton, Bodenorganismen und Insekten für uns alle? Weshalb ist es nicht nur traurig, wenn knuddelige Eisbärenbabys oder Nashörner oder Wölfe aussterben, sondern für die Menschheit gefährlich? Wir Menschen haben das sechste globale Artensterben ausgelöst, wir sind wie der Asteroid, der die Dinosaurier ausgelöscht hat, bloß etwas langsamer. Das ist übrigens auch unsere Chance: Im Gegensatz zu den Dinosauriern können wir die Geschichte noch umschreiben. Die KI in >>EDEN<< prognostiziert lediglich die kommenden Ereignisse. Das können KIs heute in einigen Bereichen schon ganz gut. Während meiner Arbeit am Roman erschien eine Studie, die genau das erstmals für komplexe Ökosysteme zeigte. KI hat heute bereits Einfluss auf unser Leben, und der wird sich noch verstärken. Deshalb muss sie auch Teil meiner Geschichten sein. Das ist sie durch Piero Manzano, der Hauptfigur aus >>BLACKOUT<<, der in >>EDEN<< erstmals wieder auftaucht. Nach dem Blackout hat er sich geschworen, dass ihm die komplexen Systeme der Welt nie wieder um die Ohren fliegen sollen und deshalb diese KI entwickelt. Damit ist er den zwei anderen Hauptfiguren der Geschichte, einer Meeresbiologin und einem Influencer, ein hilfreicher Mentor.
Mit einer Meeresbiologin und einem Influencer treffen sehr unterschiedliche Perspektiven aufeinander. Was erzählen diese Figuren über unsere heutige Art, Wissen, Angst und Aufmerksamkeit zu verbreiten?
Bei Umwelt- und Klimathemen geht es doch inzwischen vielen von uns ähnlich: Man interessiert sich, ist besorgt – und gleichzeitig ermüdet von der Art, wie seit Jahrzehnten darüber gesprochen wird: moralisch, belehrend, langweilig. Auftritt Linus Strand und Sarah Keller – die Jugend! Linus ist ein aufstrebender Lifestyle-Influencer Anfang zwanzig – ein Sunnyboy, der nichts ernst nimmt, dafür immer einen Scherz auf den Lippen hat, permanent auf der Jagd nach dem nächsten Vergnügen und der besten Kameraeinstellung, locker, leicht und ziemlich cool. Mit Klima und Umweltthemen hat er nichts am Hut. In der Karibik trifft er auf Sarah, eine Biologiestudentin, die in einem Luxusresort Tauchtouristen betreut, während sie für ihre Doktorarbeit über Korallen forscht. Sie ist klug, wissenschaftlich präzise und gibt Linus in bester Romantic-Comedy- Manier hinreißend scharfzüngig Kontra. Dann überstürzen sich die Ereignisse: Piero bittet Linus um Hilfe, und plötzlich finden er und Sarah sich wider Willen in einer Abenteuergeschichte wieder, die sie um den halben Globus führt. Mit Unterstützung von Sarah und Piero beginnt Linus, über die sich entfaltenden Katastrophen zu berichten – auf ganz neue Art: mitreißend, amüsant, emotional und gleichzeitig augenöffnend.
Ihre Thriller verbinden reale Forschung, Politik und Technik sehr eng mit der Handlung. Wie tief steigen Sie in die Recherche ein, bevor aus Fakten schließlich Spannung wird?
Bei diesem Thema bin ich schon seit Ewigkeiten tief drin und fasziniert! Die Natur hat mich immer schon begeistert, schon zu Schulzeiten streifte ich im »Freigegenstand Biologie« Nachmittage lang durch die Weingärten, Wälder und Bäche meiner Jugend, beobachte von Steinfliegenlarven bis zum Breitwegerich alles, was zu beobachten und bestimmen war. Diese Faszination ist geblieben, bis heute. Wer sich ernsthaft für Natur interessiert, landet automatisch auch bei Forschung, Studien und Daten. Recherche ist für mich keine Pflichtübung, sondern eine Folge von Neugier. Je tiefer man eintaucht, desto erstaunlicher wird alles – selbst die kleinsten, scheinbar unscheinbaren Dinge. Bis heute kann ich einer Raupe stundenlang zusehen, wie sie sich Millimeter für Millimeter vorwärtstastet und -schiebt, gib mir an einem tropischen Riff eine Taucherbrille und einen Schnorchel und ich bin den ganzen Tag unter Wasser glücklich!
Viele Leserinnen und Leser schließen Ihre Romane mit dem Gefühl, dass das Erzählte erschreckend nah ist. Was wünschen Sie sich, dass nach der letzten Seite von »EDEN« hängen bleibt: Verunsicherung, Nachdenklichkeit – oder vor allem das Bewusstsein, dass diese Geschichte näher an der Realität ist, als man zunächst glaubt?
Am meisten würde ich mir wünschen, dass eine neue Aufmerksamkeit für die Natur bleibt – für ihre Schönheit, ihre Bedeutung und ihre Fragilität. Dieses erneute Hinschauen, auch auf Details, die man sonst übersieht. Und das Bewusstsein, wie wichtig Wissen und Wissenschaft sind, um Zusammenhänge zu verstehen. Denn nur wer versteht, kann sinnvoll handeln. Nicht aus Angst, sondern aus Erkenntnis.
Neue Technologien spielen in >>EDEN<< eine Rolle. Wann und wofür nutzen Sie selbst KI – und wann ganz bewusst nicht?
KI ist in >>EDEN<< ein nützliches Instrument, das uns bei manchen Dingen helfen kann – und bei anderen nicht. Und so benütze auch ich sie: überall, wo es um Wissen und um Recherche geht, wobei man da immer noch nachkontrollieren muss. Für das Entwerfen und Schreiben von komplexen Geschichten wie meinen ist sie einfach noch nicht gut genug, da verwende ich sie nicht. Und wo ich sie nach wie vor auch nicht benütze, ist überall, wo es um Gefühle geht, denn die hat und kann KI nicht.
Was lesen Sie selbst gern, wenn Sie gerade nicht an einem eigenen Buch arbeiten?
Alles mögliche, von Krimis und Thrillern über Klassiker und zeitgenössische Literatur bis hin zu Graphic Novels. Entscheidend ist weniger das Genre als die Frage, ob ein Text neugierig macht und etwas in Bewegung setzt.
Welche Rolle spielen Buchhandlungen für Sie als Orte der Entdeckung – gerade bei Stoff en, die Zeit, Konzentration und Neugier verlangen?
Für mich sind Buchhandlungen genau das: Orte des Entdeckens. Orte des Stöberns, des Zufalls, der Überraschung. Orte, an denen Gedanken ohne Ziel umherwandern dürfen – jenseits von Algorithmen und Empfehlungen. Gerade für Bücher, die Zeit und Neugier verlangen, fi nde ich sie unverzichtbar.
Zum Schluss: Wem würden Sie »EDEN« besonders ans Herz legen – und warum ist gerade jetzt der richtige Moment für dieses Buch?
»EDEN« ist für Leserinnen und Leser, die Spannung suchen und gleichzeitig spüren, dass mit unserer Welt etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist – auch wenn sie es vielleicht noch nicht genau benennen können. Viele Entwicklungen, über die lange abstrakt gesprochen wurde, werden plötzlich konkret: Klima, Artensterben, Ressourcen, gesellschaftliche Spannungen – all das verdichtet sich. »EDEN« erzählt davon nicht als ferne Zukunftsvision, sondern als Geschichte unserer Gegenwart. Deshalb ist jetzt genau der richtige Moment für dieses Buch.