Lukas Mi-Sa Nguyễn-Egger

„Manchmal frage ich mich, was mein ‚Meer‘ ist.“

In „Vielleicht im Sommer“ erzählt Lukas Mi-Sa Nguyễn-Egger von Aufbruch, Nähe und der Suche nach sich selbst. Ein Gespräch über Fernweh, leise Anfänge von Freundschaft – und das Meer als Sehnsuchtsort.

Vielleicht im Sommer

Lieber Herr Nguyễn-Egger, Ihr Debüt erzählt von zwei jungen Menschen, die einfach losziehen – raus aus allem. Wissen Sie noch, wann bei Ihnen selbst zum ersten Mal dieser Impuls da war: einfach weg?

Ich denke, jedes Kind hat früher oder später einmal diesen Impuls. Ich war nie mutig genug, meine Tasche zu packen und auszubüxen. Ich war schon immer eher der Typ Tagträumer. Von meinen Lehrern wurde ich ermahnt, wenn ich zu lange aus dem Fenster gestarrt habe. In Gedanken war ich in diesen Momenten immer woanders, da hatte ich dieses Fernweh nach dem Unbekannten und dem Abenteuer. Ich kann mich erinnern, dass ich bereits im Kindergarten diesen Hang dazu hatte, die Welt um mich herum in meiner Fantasie zu verlieren.

Trotz aller Umstände erzählen Sie viel über Nähe, Freundschaft und Zusammenhalt. Was hat Sie daran beim Schreiben besonders interessiert?

Ich wollte darüber schreiben, wie eine Freundschaft entsteht, ohne plakativ darüber zu schreiben, dass eine Freundschaft entsteht. Beziehungen sind immer so einzigartig in ihren Anfängen. Es passiert dabei ganz viel Unausgesprochenes - ich denke, das kennen wir alle - und dem wollte ich nachfühlen.

Freundschaft spielt in Ihrem Roman eine fast existenzielle Rolle. Was kann Freundschaft, was Familie manchmal nicht leisten kann?

Familie ist oft so nah, im Guten wie im Schlechten, dass man das Gefühl verlieren kann, wer man selbst ist. Im schlimmsten Fall geht das so weit, dass man nie lernen durfte, jemand zu sein. Dann braucht man Freunde. Freundschaft ist der freiwillige Raum, in dem wir aus unseren Rollen ausbrechen dürfen.

Sie schreiben sehr nah an Ihren Figuren – fast, als würden Sie sie begleiten. Wie nah ist das an Ihrer eigenen Geschichte?

Meine Fantasie ist sehr lebhaft, es hat sich beim Schreiben also tatsächlich so angefühlt, als würde ich die beiden Jungs begleiten. Die große Geschichte ist fiktiv. Viele der kleinen Episoden und Begegnungen sind inspiriert von eigenen Erlebnissen.

Viele vergleichen „Vielleicht im Sommer“ schon mit „Tschick“. Freut Sie das – oder macht es eher Druck?

Wir haben „Tschick in der Schule gelesen. Und obwohl ich die Schullektüre oft nicht zu Ende gelesen und das Übrige bis heute auch schon wieder vergessen habe, erinnere ich mich noch gut an dieses Buch! Der Vergleich ehrt mich natürlich sehr. „Tschick“ ist aber so groß und hatte so einen riesigen, unerreichbaren Einfluss, ich spüre da keinen Druck. Beim Schreiben war „Tschick“ eine starke Inspiration, die Parallelen sind deutlich und ich hoffe einfach, dass meine Umsetzung jeden Herrndorf-Fan freut.

Sie arbeiten auch mit Jugendlichen aus prekären Lebenssituationen. Was haben Sie von ihnen fürs Schreiben gelernt?

Aktuell arbeite ich im Bereich Inklusion und nicht mehr mit prekären Jugendlichen, aber ich vermisse den Kontakt sehr. Die Begegnungen sind immer so echt und roh, das liebe ich. Beim Schreiben der Dialoge habe ich darauf viel wert gelegt und konnte von meinen Erfahrungen profitieren.

Ihr Buch ist ein Roadtrip Richtung Meer. Was bedeutet dieses „Meer“ für Sie persönlich?

Ich erinnere mich noch an meinen ersten Familienurlaub, wir haben Freunde im Norden besucht und gemeinsam ein Ferienhaus auf der Insel Schiermonnikoog bezogen. Dort habe ich das erste Mal das Meer gesehen und beim Gedanken daran schmecke ich noch immer das Salzwasser. Wenn ich seither das Meer erlebt habe, hat es irgendwas berührt, das ich selbst nicht ganz greifen kann. Manchmal frage ich mich, was mein „Meer“ ist. Ich bin mir sicher, irgendwann werde auch ich dort ankommen.

Gab es ein Buch, das für Sie besonders prägend war?

Mein Lieblingsbuch ist „Jugend ohne Gott“ von Ödön von Horváth. Für „Vielleicht im Sommer“ waren, wie oben erwähnt, „Tschick“ und „Der große Sommer“ von Ewald Arenz inspirierend. Gerade bin ich ein bisschen im „Narnia“-Fieber.

Was wünschen Sie sich, wie Leserinnen und Leser Ihr Buch in der Buchhandlung entdecken?

Ich würde mir wünschen, dass Menschen in der Buchhandlung miterleben, wie mein Roman gerade mit leuchtenden Augen weiterempfohlen wird. Die persönliche Begegnung zwischen Menschen kann kein Cover und kein Marketing ersetzen. Und das wäre für mich der schönste Weg, wie mein Buch entdeckt wird.

Vielen Dank für das Gespräch!

Ödön von Horváth

Jugend ohne Gott

Buch (Softcover)
€ 7,00
Wolfgang Herrndorf

Tschick

Buch (Softcover)
€ 12,00
Buch (Softcover)
€ 14,00
Buch (Softcover)
€ 59,00

Lukas Mi-Sa Nguyễn Egger, geboren 2000 in Pforzheim, wuchs als jüngster Sohn eines vietnamesischen Vaters und einer deutschen Mutter auf und erlebte früh, was es bedeuten kann, kulturell und ökonomisch am Rand der Gesellschaft zu stehen. Seine Erfahrungen in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen aus prekären Verhältnissen sowie seine Masterarbeit über Armut in Deutschland weckten in ihm den Wunsch, denen eine Stimme zu geben, die keine haben. So entstand dieses herausragende Romandebüt. Lukas Mi-Sa Nguyễn Egger lebt und arbeitet in Karlsruhe.

Piper Verlag über den Autoren

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