»UM SICH ENTFALTEN ZU KÖNNEN, BRAUCHEN KINDER NICHT NUR LIEBE.«
In »Auf die Flügel kommt es an« beschreibt Herbert Renz-Polster, wie Eltern Kindern Orientierung geben können, ohne ihre Selbstständigkeit auszubremsen – und warum innere Stärke, Selbstregulation und soziale Kompetenz dabei eine zentrale Rolle spielen. Wir sprachen mit dem Kinderarzt und Wissenschaftler.
Wurzeln und Flügel – ein Bild, das viele Eltern kennen. Sie schreiben nun ein ganzes Buch über die Flügel. Was macht sie so entscheidend für ein selbstständiges, innerlich starkes Aufwachsen?
Um klar zu sein: Wurzeln und Flügel gehören für die kindliche Entwicklung zusammen. Ich habe aber den Eindruck, dass in den letzten Jahren eher die Wurzeln thematisiert wurden, also Bindung und wie wichtig eine gute Eltern-Kind-Beziehung ist. Ich glaube, das ist angekommen, jetzt sind die Flügel dran, denn es ist doch so: Um sich entfalten zu können, brauchen Kinder nicht nur Liebe, sie müssen auch mit sich selber und ihren Emotionen klarkommen, Selbstregulation entwickeln, und sich auch auf die anderen Menschen einstellen können. Und genau das ist der Fokus in meinem neuen Buch.
Viele Eltern erleben den Alltag als ständiges Austarieren zwischen Nähe, Fürsorge und dem Wunsch, das Kind loszulassen. Wie kann Orientierung geben gelingen, ohne die Selbstständigkeit der Kinder auszubremsen?
Das Schöne und Ermutigende für Familien finde ich Folgendes: Dass wir unseren Kindern nahe sind, ist überhaupt kein Widerspruch dazu, dass sie auch Selbstständigkeit entwickeln, im Gegenteil. Das klappt aber vor allem dann, wenn wir den Entwicklungsstand der Kinder berücksichtigen. Ich sehe manchmal, dass Eltern auch Kleinkindern Entscheidungen überlassen, die diese eigentlich noch gar nicht treffen können – etwa, weil sie dazu auch die Perspektive der anderen Familienmitglieder einnehmen müssten. Das können kleine Kinder aber noch nicht. Entsprechend oft passieren dann »Auffahrunfälle«, und alle in der Familie sind unglücklich. Was ich damit sagen will: Kinder erlernen Selbstbestimmung nicht einfach dadurch, dass sie von Anfang an alles selbst bestimmen. Es ist gut, wenn Eltern wissen, wie sie sich das Familienleben vorstellen und das mit Freude dann auch ihren Kindern zeigen. Das ist die Orientierung, die ich meine.
In Ihrem Buch geht es viel um Selbstregulation, emotionale Reife und soziale Kompetenz. Gab es eine konkrete Alltagsszene – vielleicht aus Ihrer eigenen Familie oder aus Ihrer Arbeit –, in der Ihnen besonders klar wurde, wie wichtig diese »Flügel« für Kinder sind?
In einem Beratungsgespräch ging es vor Kurzem darum, dass Eltern ihren Sommerurlaub abbrechen wollten, weil sie mit ihrem vierjährigen Kind täglich so viele Frust- und Konfliktsituationen auszuhalten hatten und das Kind dann selbst sagte, es wolle nach Hause. Die Eltern erklärten, dass sie den Tagesablauf extra auf die Interessen ihres Kindes abgestellt hätten und sich der ganze Tag eigentlich um die »Bedürfnisse« des Kindes drehe. Hui, denke ich da, da arbeitest du als Mama und Papa ein ganzes Jahr auf diese besondere Zeit als Familie hin, und dann scheitert das daran, dass dein Kind trotz allem Einsatz nicht zufrieden ist und offenbar einfach seine Flügel nicht setzen kann. Ich habe dann darauf hingewiesen, dass das vielleicht auch deshalb nicht passiert, weil die Eltern ihre eigenen Flügel nicht setzen. Ich glaube nämlich ganz fest, es ist ein wirklicher Segen, wenn Eltern auch ihr eigenes Leben mögen und gut pfl egen, sonst wird das Leben mit Kindern zu einer Art Serviceunternehmen. Aber auf die Langstrecke trägt das nicht.
Sie verbinden wissenschaftliche Erkenntnisse mit sehr lebensnahen Beobachtungen. Wie gelingt es Ihnen, komplexe Zusammenhänge so zu erzählen, dass Eltern sich darin wiederfinden – und nicht das Gefühl haben, alles „falsch“ zu machen?
Wer meine Bücher kennt, der weiß, dass mein Blick immer wieder auch in die Menschheitsgeschichte geht, und da ist eines klar: Dieses riesige Projekt Kindheit ist eigentlich für eine ganz andere Welt „gedacht“ als der, in der wir jetzt eben gelandet sind - Stichwort etwa das fehlende „Dorf“. Wir erziehen gewissermaßen mit einem Handicap und schlagen uns durch so gut es eben geht. Und manche haben da gute Karten auf der Hand, andere weniger gute – und niemand teilt sich diese Karten selber aus. Zudem bin ich im Lauf der Zeit skeptisch geworden, was dieses „falsch“ angeht – Gutes und Problematisches liegt bei uns Menschen oft arg eng beieinander.
Wenn Sie an Ihr eigenes Aufwachsen oder an Ihre Erfahrungen als Vater denken: Welche Erkenntnis über das Fliegenlernen von Kindern hätten Sie Ihrem jüngeren Selbst gern früher mitgegeben?
Ich glaube diese Tipps hätten sich vor allem um die Pubertät gedreht, diesen Schleudergang, bei dem du auf einmal dein Kind nicht mehr verstehst und dann meinst, das liegt an deinem Kind. Ich hätte jemand gebraucht, der mich dazu gezwungen hätte, jeden Tag eine Stunde mit meinen Kindern Ballerspiele zu spielen, um damit auch Vorurteile wegzuballern …
Was lesen Sie selbst gern, wenn Sie gerade nicht schreiben oder forschen?
Ach, ich lese auch in der „Freizeit“ gerne Fachliteratur – das toppt so manchen Krimi! Und meine Frau und ich verbringen jeden Abend im Bett mit einem Lesestündle, Doro liest, ich höre zu. Und ja, das sind meist Romane, oder auch Biografien – gerade lesen wir etwa Arundhati Roy >>Meine Zuflucht und mein Sturm<<. Ein wunderbares Buch, eine Mischung aus Biografie und Roman eigentlich. Doro gibt dann immer wieder einen schwer zu interpretierenden Seufzer von sich, irgendwo zwischen Schmerz und Sehnsucht: Ja, das ist Indien (sie ist in Indien aufgewachsen). Und ich sage dann: Wenn ich so gut schreiben könnte wie Arundhati Roy, dann würde ich gerne dein Leben aufschreiben, das ist mindestens so spannend. Sie lacht dann, und das freut mich.
Was wünschen Sie sich, dass Eltern fühlen oder denken, wenn sie Ihr Buch in einer Buchhandlung entdecken und mit nach Hause nehmen?
Ich würde mir wünschen, dass sie durch das Buch blättern und als erstes die Symbole entdecken, also diesen Reigen an Bildern, mit dem ich meine persönliche Haltung zu Familie und Erziehung beschreibe. Und dass sie dann neugierig werden und vielleicht auch immer wieder auf diese Symbole zurückkommen. Ich habe mir beim Schreiben dieser »Flügelimpulse«, wie ich sie auch nenne, tatsächlich immer vorgestellt, ich »rede« mit den Eltern.
Welche Rolle spielen für Sie Buchhandlungen als Orte der Orientierung – gerade für Eltern, die nach Haltung, nicht nach schnellen Rezepten suchen?
Ich sehe es ja an mir selber, wenn ich online stöbere: Du musst dich stark an Informationen orientieren, die ja auch ein Stückweit werbend oder sogar manipulierend sind, eben die Kundenrezensionen, die Beschreibungen des Verlags, vielleicht mal ein bestimmtes Sahnestückchen als Leseprobe. Aber du kriegst dann doch einen ganz anderen Eindruck, wenn du das ganze Buch durchblättern kannst, hier reinlesen, dort reinlesen – und dann daneben auch gleich noch ganz ähnliche Bücher stehen. Ich wundere mich zum Beispiel, wenn ich die Bestsellerlisten anschaue, da sind manche Bücher drin, die werden vielleicht einfach reflexartig gekauft, weil der Titel vielleicht super klingt oder die eben oben stehen. Ich bin mir sicher viele von denen würden sofort rausfliegen, wenn die KäuferInnen da mal 10 Minuten reinschauen könnten.
Haben Sie eine Buchhandlung, zu der Sie immer wieder zurückkehren – und was macht sie für Sie besonders?
Ich bin gesundheitsbedingt leider nicht arg mobil, aber mein Herz schlägt nach wie vor für den stationären Buchhandel, ich konnte in den letzten Jahren zwei tolle Abendveranstaltungen mit Ravensbuch hier in Ravensburg machen. Wenn ich Bücher online bestelle, dann bestelle ich gerne auch über genialokal.de, dem Zusammenschluss der unabhängigen Buchläden. Und für meine eigenen Enkel bin ich froh, dass sie auch den Zauber von Bibliotheken entdeckt haben und dort richtige Schätze entdecken!