Die Bibliothek der verbrannten Bücher

Eine Bibliothek gegen das Vergessen

Mehr als drei Jahrzehnte lang suchte Georg P. Salzmann auf Flohmärkten und in Antiquariaten nach Erstausgaben jener Autorinnen und Autoren, deren Werke zwischen 1933 und 1945 von den Nationalsozialisten geächtet und verboten wurden. Aus seiner „Schatzsuche“ wurde eine Lebensaufgabe. Tausende Bücher kamen zusammen – bald stapelten sie sich nicht nur im Keller seines Wohnhauses in Gräfelfing bei München, sondern auch in Zimmern, Fluren und auf Möbeln. Heute befindet sich die einzigartige Sammlung an der Universitätsbibliothek Augsburg. Seit April 2022 macht die virtuelle Dauerausstellung „Die Bibliothek der verbrannten Bücher“ sie allen Interessierten frei und anschaulich im Netz zugänglich – und führt Salzmanns Anliegen weiter: Literatur vor dem Vergessen zu bewahren. Wir sprachen mit der Augsburger Germanistin und Bibliothekarin Dr. Andrea Voß

Die Ausstellung führt zurück ins Jahr 1933: Welches historische Ereignis steht dabei im Zentrum?

Georg Salzmann (1929-2013) sammelte seit Mitte der 1970er-Jahre die Erstausgaben deutschsprachiger Autorinnen und Autoren, die zurzeit des Nationalsozialismus 1933-1945 verboten und verbrannt wurden, auf sog. Schwarzen Listen (Verbots-/Schmählisten) standen. Zentraler Bezugspunkt waren die NS-Bücherverbrennungen des Jahres 1933. Speziell am 10. Mai 1933 verbrannten – als Höhepunkt der Aktion „Wider den undeutschen Geist“ – in 22 deutschen Universitätsstädten Studenten öffentlich, vor den Augen vieler Schaulistiger Bücher jüdischer und (politisch) oppositioneller Schriftstellerinnen und Schriftstellern. Doch was bis heute oft verkürzt als „die“ Bücherverbrennung erinnert wird – bezogen auf den 10. Mai 1933 in Berlin –, war in Wirklichkeit eine Vielzahl lokaler Aktionen. Bis Jahresende 1933 lassen sich über 160 Bücherverbrennungen in deutschen Städten nachweisen. Getragen wurden sie von verschiedenen eifrigen Akteuren: nationalsozialistischen Studenten, Mitgliedern von SA, SS und Hitlerjugend, lokalen Funktionären, die sich durch demonstratives Handeln als Teil der neuen Ordnung positionieren wollten, sowie dem frisch etablierten Propagandaministerium.

Was war die zentrale Idee hinter der Entwicklung dieser Ausstellung innerhalb der Deutschen Digitale Bibliothek?

Seit 2009 wird Georg Salzmanns Sammlung verb(r)annter Literatur an der Universitätsbibliothek Augsburg betreut. In einem eigenen Leseraum der Teilbibliothek Geisteswissenschaften stehen rund 8.350 Bände zur Einsicht für alle Interessierten bereit; zahlreiche Mehrfachexemplare können zudem ausgeliehen werden. In ihrer Fülle und Konzentration an einem Ort, entfaltet die Sammlung eine beeindruckende Wirkung, wie Besuchende jeden Alters bestätigen. „All diese Bücher sollten verbrannt und nicht mehr gelesen werden? Unfassbar!“ schießt einem unwillkürlich durch den Kopf, wenn man den dicht gefüllten Bücherregalen und vielen Namen verschmähter Autorinnen und Autoren im Lesesaal begegnet. Dieses Erlebnis vor Ort – mit der Möglichkeit, die Regale zu durchbrowsen, einzelnen Bücher herauszuziehen und direkt hineinzulesen – ist unersetzbar. Auch durch eine Online-Ausstellung nicht. Eine solche digitale Präsentation jedoch ist ein wichtiger Baustein, um den Wert der Sammlung und ihr Potenzial für historisch/politische und literarische Bildungsarbeit überregional sichtbar und zugänglich zu machen. Jeder und jede kann sich seit 2022 ohne Hürden (jenseits des Internetzugangs) zur Sammlung, zum Sammler und einzelnen Werken und Aspekten informieren – und anschließend gerne auf die UB Augsburg zukommen mit Fragen oder Ideen für Kooperationsprojekte. Es war Teil des Versprechens an den Sammler, sein Büchererbe nachhaltig in der Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit der Bibliothek zu verankern. Analoges Erlebnis vor Ort und digitales Erkunden gehen nun Hand in Hand.

Ohne Georg Salzmann gäbe es diese Ausstellung nicht: Wer war er – und was hat ihn dazu bewegt, die „Bibliothek der verbrannten Bücher“ aufzubauen?

Georg P(aul) Salzmann wurde 1929 im thüringischen Waltershausen geboren und erlebte in Kindheit und Jugend die Ideologie des Nationalsozialismus als prägende Normalität: Er wuchs in einem „tiefbraunen“ Elternhaus auf und wurde in der Hitlerjugend sozialisiert. Erst mit Kriegsende zerbrach diese Selbstverständlichkeit, als sich der Vater erschoss und Georg Salzmann ehemaligen Häftlingen des Konzentrationslagers Buchenwald begegnete. Salzmanns Büchersammeln setzte aber erst Mitte der 1970er-Jahre ein und folgte zunächst mehr dem Zufall. Beruflich hielt sich der gelernte Finanzkaufmann damals in Bremen auf, als er sich in einem Literaturzirkel erstmals mit dem Leben und Werk des jüdischen Schriftstellers und Arzts Ernst Weiß (1884– 1940) beschäftigte. Weiß‘ Bücher waren zu diesem Zeitpunkt kaum noch im Buchhandel präsent, obwohl der Autor in den 1920er-Jahren erfolgreich publiziert hatte. Im Pariser Exil nahm er sich 1940, verarmt und verzweifelt, das Leben. Von hier aus weitete Salzmann seine Recherchen aus und stieß auf viele weitere Biografien – zum Beispiel jene von Adrienne Thomas, Walter Mehring oder Franz Blei – mit ähnlichem Muster: Erfolg bis 1933 – Vertreibung und Exil – nach 1945 die fehlende Rückkehr in die literarische Öffentlichkeit. Georg Salzmann ließ die Vorstellung nicht mehr los, dass es den Nationalsozialisten tatsächlich gelungen sein könnte, eine ganze Schriftstellergeneration aus dem kulturellen Gedächtnis zu löschen. Er beschloss, weiterzulesen und zu suchen und begann, die Originalausgaben verb(r)annter Werke zu sammeln, um sie für die Nachwelt zu sichern. Mit großem Einsatz durchsuchte er in den folgenden Jahrzehnten regelmäßig Flohmärkte und Antiquariate. Mehrere Tausend Bände kamen zusammen, die ab 1989 im Keller des neu bezogenen Wohnhauses in Gräfelfing bei München Platz fanden. Aus einem anfänglichen Interesse war längst eine Passion, ja eine »Schatzsuche« und Lebensaufgabe geworden.

Wie wird die Sammlung heute im digitalen Raum zugänglich gemacht?

Ganz wesentlich durch die o.g. 2022 eröffnete virtuelle Dauerausstellung zur Sammlung bei der DDB. Außerdem durch eine weitere thematische Ausstellung zu drei Autorinnen aus der Sammlung, die 2023 live gehen konnte und aus einem studentischen Projektseminar hervorging (Kooperation Bibliothek und Augsburger Literaturwissenschaft): „aktuell, poetisch, selbstbestimmt: Wir lesen: Karin Michaëlis, Gertrud Kolmar und Adrienne Thomas.“ (https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/vergessene-autorinnen) Darüber hinaus sind ausgewählte seltene Erstausgaben aus der Sammlung, wo rechtlich möglich, digitalisiert und stehen als hochwertige Scans in den Digitalen Sammlungen der UB Augsburg im Netz für jedermann zur Verfügung: http://digital.bib-bvb.de/collections/UBA/#/collection/DTL-5535

Welche Materialien und Dokumente begegnen Besucherinnen und Besuchern in der Ausstellung konkret?

Vgl. PM von 2022: „An ausgewählten Beispielen können Besucherinnen und Besucher die Werke und Schicksale der verfemten Autorinnen und Autoren im Netz entdecken. Neben anschaulichen Literaturexponaten bietet die Schau einführendes Wissen zu den NS-Bücherverbrennungen 1933, zum Exil in der NS-Zeit und der deutschsprachigen Exil-Literatur 1933-1945. Ein eingebetteter Dokumentarfilm zeigt, wie und warum Georg Salzmann zu den verbrannten Büchern und seiner Sammelpassion fand.“

  • Beispiel: Salzmanns Exemplar von Stefan Zweigs „Schachnovell“: Es ist Nummer 107 von nur 250 bzw. 300 Stück der deutschen Erstausgabe. Sie wurde in Buenos Aires bei Pigmalión verlegt und am 7. Dezember 1942 gedruckt – ein Dreivierteljahr nach Zweigs Selbstmord im Exil. Den Einbanddeckel ziert eine Vignette, gestaltet vermutlich von Clément Moreau oder dem als Carybé bekannten Illustrator. Die seltene Erstausgabe ist auch digital verfügbar.
  • Beispiel: Irmgard Keun – Bestsellerautorin der ausgehenden Weimarer Republik, deren Werke 1933 auf die Schwarze Liste gesetzt wurden. Als Autorin des Exils steht Keun exemplarisch für die Bibliothek der verbrannten Bücher. Insgesamt 52 Bände von und über Keun finden sich in den Regalen des Leseraums. Die ersten und frühen Ausgaben ihrer Werke, einige Übersetzungen und Forschungsliteratur reihen sich in der alphabetischen Aufstellung ein zwischen den Ausgaben anderer Verfemter wie Erich Kästner, Alfred Kerr, Hermann Kesten und Egon Erwin Kisch.
  • Beispiel: Franz Werfels „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ (1933) – ein internationaler Erfolg, übersetzt in mehr als 30 Sprachen. Für Georg Salzmann war dieser Roman ganz persönlich eines der lesenswertesten und wichtigsten Bücher seiner Sammlung.

Welche Auswirkungen hatten die Bücherverbrennungen auf die Autorinnen und Autoren, deren Werke gezeigt werden?

Die seit 1933 auf Schwarze Listen gesetzten Autorinnen und Autoren mussten oftmals ins Exil flüchten, wurden teilweise inhaftiert und in den folgenden Jahren verfolgt und ermordet. Ein nahtloses Wiederanschließen an Erfolge und die literarische Öffentlichkeit war ihnen, sofern sie überlebt hatten, häufig nicht möglich – zahlreiche Autorinnen und Autoren gerieten in Vergessenheit. Unter ihnen waren der Satiriker Walter Mehring (1896-1981) ebenso wie Franz Blei (1871-1942), ein früher Vermittler der literarischen Moderne, der arm und krank in einem unsteten Exil lebte. Auch Adrienne Thomas (1897-1980), deren Antikriegsroman „Die Katrin wird Soldat“ (1930) große Aufmerksamkeit fand, verlor nach ihrer Flucht vor der Gestapo den Anschluss an den literarischen Betrieb. Der einst vielgelesene Berliner Romancier Georg Hermann (1871-1943) steht ebenfalls für diese Entwicklung: Nach der Emigration in die Niederlande wurde er von den Nationalsozialisten deportiert und in Auschwitz ermordet. Mit den Schwarzen Listen wurden Bücher nicht nur verbrannt, sondern systematisch aus dem Buchhandel und den Bibliotheken entfernt; viele Autorinnen und Autoren verloren ihre Verlage und damit gesichertes Einkommen. Ab Nov. 1933 regelten die Reichskultur- und die Reichsschrifttumskammer, was gelesen, geschrieben und verbreitet werden durfte. Im Ausland mussten die Exilierten unter oft prekären Bedingungen ein neues Leben beginnen und verloren ihr angestammtes Publikum. Beispiel Irmagard Keun: Ihre Bücher wurden als zersetzende und undeutsche „Asphaltliteratur“ verunglimpft und ihr Name im Frühjahr 1933 auf die Schwarzen Listen gesetzt. Nachdem die Reichsschrifttumskammer 1936 Keuns Aufnahmeantrag endgültig abgelehnt hatte, blieb ihr wie vielen anderen Schriftstellerinnen und Schriftstellern nur das Exil. Ihre Zeit im Exil (Belgien und Niederlande) wurde allerdings eine überaus produktive literarische Schaffensphase. (Zitat „Ich kann’s ja noch garnicht glauben, dass ich nun nicht mehr im Nazi-Land bin und wirklich frei schreiben, sprechen, atmen kann.“ Irmgard Keun am 5. Mai 1936 an Arnold Strauss, zitiert nach: Das Werk, Band 2 (2017), S. 745.) Doch eingeholt von den Nazis floh Keun 1940 zurück nach Deutschland, wo sie bis 1945 in ihrem ihr „grau und trostlos und schauerlich“* gewordenen Heimatland als Autorin verstummen musste. Nach Kriegsende erschienen zwar noch ein Band mit Gedichten und Liedern aus dem Exil und ein letzter Roman. An ihren Erfolg der Vorkriegszeit konnte Keun, die nun wieder in Köln lebte, allerdings nie wieder anknüpfen. Geplagt von Depressionen, Schreibkrisen, ihrer Vergangenheit und den veränderten Zeitumständen arbeitete sie nun vor allen Dingen als Rundfunkautorin und für Zeitschriften.

Georg Salzmann verstand seine Sammlung auch als Auftrag an kommende Generationen: Wie gelingt es der Ausstellung heute, besonders junge Menschen für dieses Kapitel der Literaturgeschichte zu sensibilisieren?

Der Ausstellung allein gelingt das sicher nicht. Natürlich können sich junge Leute die reich bebilderte Schau ansehen und sich aus ihr heraus weiter informieren (viele weiterführende Links). Noch eindrücklicher wird es jedoch, wenn die Online-Schau nur der Einstieg ist, um einmal persönlich vor Ort in Augsburg die Sammlung zu besuchen und/oder sich intensiver mit einzelnen Autorinnen und Autoren bzw. Werken näher zu beschäftigen, z.B. für eine eigene Ausstellung an der Schule, eine Lesung anlässlich des Jahrestages der NS-Bücherverbrennungen oder im Rahmen einer Projekt/Hausarbeit in der Oberstufe. Das alles ist bereits vielfach geschehen. Zahlreiche Schülerinnen und Schüle und auch Augsburger Studierende haben seit 2010 (Eröffnung des Lesesaals) die Sammlung im Rahmen einer Führung und/oder Projektkooperation besichtigt, mithin Literatur- und Zeitgeschichte unmittelbar erfahren. Einige konnten Georg Salzmann noch persönlich kennenlernen. Viele Schülerausstellungen und Projektarbeiten wurden geschrieben. Heute kann man dem Sammlungsbegründer, der 2013 verstorben ist, „wieder begegnen“, wenn man sich den halbstündigen Dokumentarfilm „Schatzsuche“ (BR, 1990) ansieht. Er ist exklusiv im Rahmen der Online-Ausstellung zugänglich (in keiner Mediathek oder sonst im Netz zu finden). Hier hört und sieht man den NS-Zeitzeugen und passionierten Sammler Salzmann noch selbst sprechen, begleitet ihn auf „Bücherjagd“ und in seinen Archivkeller in Gräfelfing. Das „macht Eindruck“, weil es eine persönliche Verbindung herstellt, die Bilder von Büchern und erläuternde Texte – auch wenn sie noch so kurzweilig verfasst sind – nicht bieten können.

Welche konkreten Möglichkeiten haben Schulen, Studierende oder Literaturinteressierte, sich aktiv an Projekten der Ausstellung zu beteiligen?

Die UB Augsburg freut sich über jede Kontaktaufnahme oder Nachfrage zu einzelnen Autorinnen und Autoren oder Werken. Wir unterstützen im Rahmen unserer (zeitlichen) Möglichkeiten insbesondere schulische Initiativen und kooperieren seit mehreren Jahren mit verschiedenen Bildungspartnern (z.B. Verbrannte Orte e.V. und das NS-Dokuzentrum in München). Lehrkräfte können eine Führung anfragen oder Ideen für anderweitige Projekte einbringen. An der Universität Augsburg stehe ich in enger Verbindung zu den Lehrenden und Forschenden der Germanistik und Vergleichenden Literaturwissenschaft, bin regelmäßig in Seminaren (zuletzt im Mai 2026 zum Seminarthema „Verbotene Kinder- und Jugendliteratur“) zu Gast und komme mit Studierenden ins Gespräch zur Sammlung, den in ihr enthaltenen Biografien und Werken.

Vielen Dank für das Gespräch!

Alle Informationen finden Sie hier: Bibliothek der verbrannten Bücher