DAS LITERATURHAUS HAMBURG – EINE JUNG GEBLIEBENE INSTITUTION

Wein Spezial – von und mit Jens Priewe

Ich mag die Engländer, wirklich. Aber ein bisschen komisch sind sie schon. Manchmal wenigstens. Der Restaurantkritiker der seriösen Londoner Tageszeitung The Times – ein Engländer natürlich – hat dafür selbst ein paar Beispiele aus seinem Erfahrungsschatz geliefert – schmunzelnd. Er erinnert sich an eine elegante Dame, die in einem der vornehmsten Restaurants der Stadt speiste, plötzlich den Kellner heranwinkte und ihn bat: „Nehmen Sie bitte den Fisch zurück, er starrt mich so an...“ Oder der Geschäftsmann, der sich ernsthaft bei der Bedienung beschwerte: „Das Hühnchen wollte ich medium.“ Ein Gast von der Statur eines John Wayne, dessen Business-Anzug vor Selbstbewusstsein fast zu platzen drohte, verweigerte in einem Londoner Grand Hotel den Aperitif mit den Worten: „Ihr Champagner prickelt zu stark.“

Kellner ist ein ehrenwerter Beruf.

Aber manchmal möchte ich nicht in der Kellner-Haut stecken – nicht nur in England nicht. Jede Nation ist auf ihre Weise komisch, aus der Sicht der Anderen jedenfalls: die biederfröhlichen Holländer, die streitlustigen Franzosen, die lärmigen Italiener, die übermäßig höflichen Japaner und die Österreicher, die immer einen derben Schmäh auf Lager haben – die Wiener zumindest. Und die Deutschen? Selbstsicher, aber humor- und phantasielos, so heißt es. Nehmen wir das Beispiel Urlaub: In Restaurants, in denen sie sich wohl fühlen sollen, muss unbedingt Wiener Schnitzel auf der Speisekarte stehen, Currywurst mit Pommes möglichst auch, Tomaten mit Mozzarella sowieso – egal ob in Thailand, in der Türkei oder in Cuxhaven. Auf fremdartige Gerichte und Zubereitungsarten reagieren viele mit Skepsis. Mutig geht anders.

Umso mehr ließ mich der deutsche Gast aufhorchen, der in einem Bozner Restaurant am Nebentisch saß und Schlutzkrapfen bestellte. Schlutzkrapfen? Das sind halbmondförmige Teigtaschen mit Spinatfüllung, die in zerlassener Nussbutter serviert werden – eine leckere Südtiroler Spezialität. Der Gast bestellte sie allerdings zum Dessert. Vermutlich wusste er nicht genau, was sich hinter dem Namen des Gerichts verbirgt und hat sich von der Bezeichnung „Krapfen“ irreführen lassen. Krapfen heißt in Süddeutschland ein rundes Siedegebäck, das mit Marmelade gefüllt und mit Puderzucker bestäubt ist – eine typische Karnevalsspezialität. Anderswo in Deutschland heisst es „Berliner“. Schlutzkrapfen haben mit einem Berliner soviel zu tun wie ein Tirolerhut mit einer Prinz-Heinrich-Mütze, was der Gast am Nebentisch aber partout nicht glauben wollte. Der Kellner hatte alle Mühe, ihm zu erklären, dass Schlutzkrapfen kein Dessert sind. Am Ende gelang ihm das Kunststück – im Gegensatz zu dem englischen Kellner, dessen eigensinniger Gast auf Hühnchen medium bestand. In einem anderen Gasthaus, auch in Südtirol, beobachtete ich eine Szene, die ebenfalls nicht einer gewissen Komik entbehrte.

Diesmal ging es um Wein.

Das Oberhaupt einer mehrköpfigen deutschen Familie hatte seine erwachsenen Töchter samt Schwiegersöhnen zum Essen eingeladen und bestellte mutig zwei Flaschen Goldmuskateller zur Forelle. Diesmal war der Kellner weniger aufmerksam und nahm die Bestellung an. Er brachte die beiden Flaschen, schenkte ein und verschwand. So bekam er nicht mehr mit, wie die Gesichtszüge der Töchter erstarrten, als sie einen Probeschluck nahmen, dann auch die der Mutter und der Schwiegersöhne. „Papa, der Wein ist ja süß...“, zischte eine der Töchter über den Tisch. Der Vater, der zeigen wollte, dass er nicht nur Pinot Grigio und Prosecco kennt, wehrte sich verzweifelt. „Aber gut ist er doch ...“ stammelte er. „Doch nicht zur Forelle, Papa“ hörte ich die Tochter sagen, womit sie leider recht hatte.

Zur Forelle trinkt man überall auf der Welt einen trockenen Wein, und Goldmuskateller ist der typische Südtiroler Dessertwein. Er wird aus spät gelesenen, teilweise schon geschrumpelten Trauben erzeugt und zu einem Apfelstrudel oder Mohnschmarrn gereicht. Das Komische war, dass die ganze Familie tapfer den falschen Wein zum richtigen Gericht trank. Man hatte ihn ja bestellt. Ein Italiener hätte sich den Wein kalt stellen lassen und später zum Dessert getrunken. Ein Franzose hätte sich eine Gänsestopfleber dazu bestellt. Ein Amerikaner hätte den Korken auf die Flaschen gemacht und sie mit nach Hause genommen. Aber zur Forelle hätten sie alle einen schönen trockenen Weißen getrunken.

Südtirol hat tolle Weißweine, angefangen mit Weißburgunder über Sauvignon bis zu Chardonnay. Sie gehören heute zu den besten Weißweinen Italiens. „So ist es kein Wunder, dass die Fachwelt Südtiroler Weine seit Jahren mit hohen Bewertungen feiert“, schreibt Otto Geisel in seinem äußerst lesenswerten Buch „Das neue Südtirol“. In ihm geht es nicht nur um Wein, sondern auch um die landestypische Küche, die nirgendwo auf so hohem Niveau gepflegt wird wie in dieser kleinen Alpenprovinz inmitten schneebedeckter Dolomitengipfel. Also um Topfennocken, Heusuppe, Kloazenravioli mit Graukäse, Bries mit Steinpilzen, Schüttelbrot – und ja, Schlutzkrapfen. Wer dieses Buch liest, gerät – das garantiere ich – nie mehr in komische Situationen.

Weine

Das neue Südtirol - 50 kulinarische Entdeckungen aus Küche und Weinkeller
Otto Geisel
Christian Verlag
Hardcover, 224 Seiten
ISBN 978-3-95961-183-1
Euro 29,99 (D), 30,60 (A)

Tipps & Tricks für Weintrinker

Wie lange vorher die Flasche öffnen?
Schwere Rotweine sollten, nachdem der Korken gezogen wurde, atmen. Sie benötigen Sauerstoff, um ihr volles Aroma zu entfalten. Es reicht aber nicht, die Flasche eine Stunde oder zwei Stunden vor dem Genuss zu öffnen. Der Wein muss dekantiert werden: langsam in eine Karaffe umgegossen und aus dieser serviert werden. Fehlt eine Karaffe, kann man den Wein auch vorsichtig in eine leere Weinflasche um- und zurückfüllen. Der Effekt ist der Gleiche.

Von: Jens Priewe