Der Vorleser – Bernhard Schlink (1995)

Mein erster Weg führte mich von der Blumenstraße, in der wir im zweiten Stock eines um die Jahrhundertwende gebauten, wuchtigen Hauses wohnten, in die Bahnhofstraße. Dort hatte ich mich an einem Montag im Oktober auf dem Weg von der Schule nach Hause übergeben.
Buchanfänge muss man lesen lernen. Wie schlecht es dem 15-jährigem Michael Berg bei Betreten dieses Hauses tatsächlich werden kann/sollte, wird dem Leser von Bernhard Schlinks Der Vorleser und auch ihm selbst leider erst viel zu spät klar. Aber das wäre schon ein Vorgriff.
1995 ist also das Jahr der neuen deutschen Literatur – wir erinnern uns zum Beispiel an den Beginn der Pop-Literatur durch Christian Krachts Faserland. Aber so neu ist diese neue deutsche Literatur eben doch nicht, liest man Der Vorleser. Der Nationalsozialismus ist wohl aus dem Kopf einiger deutscher Autoren (zurecht) nicht wegzudenken, auch 50 nach Ende des letzten Weltkriegs und 5 Jahre nach der deutsch-deutschen Wiedervereinigung nicht. Aber dieses Buch war immerhin das erste deutsche, das es auf Platz 1 der Bestseller-Liste der New York Times schaffte. Denn Schlink wirft Schuld und Sühne, das Dritte Reich und den Holocaust, den Bildungsroman und Analphabetismus zusammen in eine so simple Story, dass es vor Naivität nur so überquillt. Nicht ganz zu Unrecht wurde ihm ob dieser Simplifizierung der Vorwurf der “Kulturpornographie” gemacht.
Das Buch beschreibt eine Liebesbeziehung eines rückblickend autobiographisch erzählenden 15-jährigen Jungen und einer deutlich älteren Straßenbahnschaffnerin Hanna Schmitz, die ihn von der Eingangstür ihres Wohnhauses von seiner Schwäche erlöst und sich um ihn kümmert. Als Gegenleistung entwickelt sich eine Beziehung, die sich zunächst im Vorlesen von Zeitungen festmacht. Natürlich überträgt sich die Erotik des Vorlesens dann auch auf die beiden. Schauplat: Heidelberg und später Frankfurt Anfang der 50er Jahre.
Das Buch trägt den Ekel jetzt nicht gerade auf dem Buchdeckel daher, wie man das z.B. von Elfriede Jelinek kennt. Aber dort, wo man denkt, der Altersunterschied der beiden sei ein Thema, stößt man schnell auf das Geheimnis dieser Frau. Eines Tages ist sie nicht mehr da, und Michael Berg trifft sie erst in dem Gerichtssaal wieder, in dem sie als KZ-Aufseherin angeklagt wird. Das allein nicht genug, denn Hanna ist Analphabetin, und so hatte sie im KZ die Praxis etabliert, dass von ihr KZ-Häftlinge auserkoren wurden, die ihr aus Zeitungen und Büchern vorlesen sollten, genauso schwächlich und unterwürfig wie Michael waren die.
Ich habe nichts offenbart, was ich hätte verschweigen müssen. Ich habe verschwiegen, was ich hätte offenbaren müssen.
Die Ambivalen, die Schlink in die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit einbringt, trifft den Ton der 50er Jahre wohl sehr gut. Andererseits muss man da zurecht immer vorsichtig sein, und die Metaphorik lässt leider ganz andere Schlüsse zu. So hat Hanna aus der Schwäche ihres Nicht-Lesen-Könnens, den einzig ihr möglichen Weg gewählt, an einem sozialen Leben teilzuhaben, in dem sie den schlimmsten aller Wege wählte. Man mag die implizite Entschuldung verneinen, ein Stück Verklärung ist dabei.
Bilder von Hanna, die mir geblieben sind. Ich habe sie gespeichert, kann sie auf eine innere Leinwand projizieren und auf ihr betrachten, unverändert, unverbraucht.
Dieses streitbare Buch ist als Taschenbuch im Diogenes Verlag für 8,90€ erschienen und eine Verfilmung mit Kate Winslet und Ralph Fiennes ist in Planung. Ich bin gespannt.
Schlagwörter: Holocaust, Nachkriegszeit, Nazionalsozialismus, Roman, Zeitgeschichte


