Wanderer, kommst du nach Spa… – Heinrich Böll (1950)

Als ich mir gestern die Comic-Verfilmung 300 von Frank Miller (u.a. auch Sin City) auf DVD angeschaut habe, hatte ich spontan Lust auch noch einmal die in anagrammatischer Weise eng verbunden Erzählung Wanderer, kommst du nach Spa… von Heinrich Böll in die Hand zu nehmen. Dies ist nun wirklich ein Klassiker der deutschen Trümmerliteratur. Vielleicht zusammen mit Wolfgang Borcherts Hörspiel-Drama Draußen vor der Tür.

In meiner Ausgabe mit Heinrich Bölls frühen Kurzgeschichten hat die Erzählung keine 10 Seiten und ist mir doch sehr gut in Erinnerung geblieben. Der Titel zitiert fragmentarisch ein Distichon von Simonides von Keos (hier in Schillers berühmter Übersetzung), das soll auf dem Gedenkstein für die Spartaner, die sich 480 v. Chr. bei der Verteidigung der Thermopylen gegen die Perser bis auf den letzten Mann aufopferten, gestanden haben:

Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest
uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.

Und das war eben mein Bezug auf den Film 300, der die gleiche Schlacht illustriert. Schlacht ist dabei das Stichwort, denn so kriegerisch wie der Film und das Distichon, so wurde es auch vor dem Krieg an deutschen Schulen gelehrt, um die Jugend anzustacheln. Und Böll beschreibt in Ich-Erzählung (Innerem Monolog) wie ein verwundeter Soldat in eine Schule, die nun Lazarett ist, gebracht wird.

Und während im so viele Dinge bekannt vorkommen in diesem Lazarett wird ihm langsam und langsam bewusst, dass er sich in genau der Schule in seinem kleinem Heimatort befindet, die er selbst vor wenigen Monaten verlassen hat, um in den Krieg zu ziehen. Das verwischte, kriegsverherrlichende Zitat Schillers (“Spa…” ironisch abgeschnitten, denn Spa ist eine Stadt in Belgien, das ja von den deutschen überfallen wurde) gibt ihm dabei letzte Gewissheit, denn er befindet sich im Zeichensaal und dort wurde eben dieses Zitat für Schreibübungen ausgewählt.

Und der Leser wartet und wartet auf die Diagnose, um dann festzustellen, dass der junge Mann keine Arme mehr und nur noch ein Bein hat. Und der Feuerwehrmann, der ihn bis zum Eintreffen des Arztes betreut hat, ist der alte Hausmeister seiner Schule, bei dem man in den großen Pausen seine Milch getrunken hat. Und der Kindersoldat bricht die Erzählung ab:

„Milch“, sagte ich leise…

Kaum in den Krieg hinausgezogen, schon liegt er wieder in seinem Heimatort, den Stätten seiner Kindheit, und ist darüberhinaus in den Zustand eines Säuglings versetzt, nicht fähig sich zu bewegen, um Milch flehend. Viel eindrucksvoller kann auf 8 Seiten keine Anti-Kriegs-Erzählung sein.

Dieses Buch ist mit weiteren Kurzgeschichten Heinrich Bölls als Taschenbuch für 9,00€ bei dtv erschienen.

26. Juli 2008 Belletristik, Klassiker
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Die verlorene Ehre der Katharina Blum – Heinrich Böll (1974)

Es gibt nicht wenige, die behaupten Heinrich Böll hätte niemals den Literaturnobelpreis gewinnen dürfen. Da gehören wichtige Literaturkritiker dazu und auch einer meiner Literaturprofs, den ich ja schon häufiger erwähnte. Sein Werk wirkt rückblickend so profan, seine Erzählweise ist nicht originell, alles an ihm ist etwas dröge. (Nicht zuletzt auch seine Buchtitel.) Ich hielt Böll immer zwei Bücher zu Gute: Ansichten eines Clowns und Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder Wie Gewalt entstehen und wo sie hinführen kann – so der vollständige Titel. (Der Roman Gruppenbild mit Dame ist zum Beispiel viel, viel anstrengender.)

Personen und Handlungen dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit der Praktiken der “Bild”-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.

Das literarische Werk Bölls ist eine Abrechnung. Seine Gegner sind deren drei: die verlogene Nachkriegsgesellschaft, die katholische Kirche und die Bild-Zeitung. Letztere wird in diesem Buch, das zwei Jahre nach seiner Nobelpreis-Ehrung erscheint, im Kontext der Berichterstattung der Bild-Zeitung über die Gewalt in der 1970er Jahren erörtert. In einem Interview äußerte Böll im selben Jahr: „Die Gewalt von Worten kann manchmal schlimmer sein als die von Ohrfeigen und Pistolen.“ Und unter diesem Motto auch die Erzählung von Katharina Blum.

Die 27-jährige Haushälterin Blum lernt auf einer Party Ludwig Götten kennen und verliebt sich. Gemeinsam verbringen sie die Nacht bei ihr. Doch Götten wird eines Banküberfalls und Mordes verdächtigt und beschattet. So gerät Katharina Blum in das Blickfeld der Polizei, die ihre Wohnung stürmt, nachdem sie Götten zur Flucht verholfen hat. Der Vorwurf des Banküberfalls stellt sich später als falsch heraus, aber da hat das Unheil schon längst seinen Lauf genommen. Die ZEITUNG vorverurteilt  Ludwig Götten und schreibt über das “Flittchen” Katharina Blum. Sie behauptet, die beiden hätten sich schon Jahre gekannt und die junge Frau sei Mittäterin. Die Aussagenverfälschungen und Gemeinheiten der ZEITUNG-Reporter nehemen ebenso wie die hasserfüllten Anrufe und Zuschriften immer mehr zu. Katharina Blum verabredet sich mit dem verantwortlichen ZEITUNG-Reporter Werner Tötgens und tötet ihn. Dann stellt sie sich der Polizei.

Man merkt schon: einfacher Plot, einfache Anklage. Aber die Erzählstruktur ist gar nicht so unkomplex. Böll imitiert einen Erzähler des “guten” Journalismus, der versucht, die tatsächlichen Ereignisse zu rekonstruieren, Quellen recherchiert und benennt. Diese Hermeneutik des Erzählens steht also im krassen Widerspruch zur Handlung. Was jetzt den größeren Reiz ausmacht. Vermutlich doch eher der Plot. Die Wirkungsgeschichte ist jedenfalls so gewaltig, dass man sich die gut hundert Seiten auf jeden Fall mal zu Gemüte führen sollte.

Die verlorene Ehre der Katharina Blum ist bei dtv als Taschenbuch für 5,90€ erschienen.

20. Mai 2008 Belletristik
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