Corpus Delicti. Ein Prozess – Juli Zeh (2009)

Juli Zeh, das ist doch diese Literatin, die neulich zusammen mit der Befindlichkeitspopband Slut durch die Gegend tourte, und ein etwas mythisches Plakat zierte die Straßenlaternen von Darmstadt. So so, eine Literatin mit Band.
Ganz ehrlich, ich hatte Juli Zeh nicht auf der Liste, der Autorinnen, die ich als nächstes mal austesten würde. Aber Robin hat mich da eines besseren belehrt und mehrfach von ihr geschwärmt. Der Roman Corpus Delicti sei außerdem ein Kontrapunkt zur aktuellen Überwachungsstaat-Debatte und noch dazu ein Science Fiction.
Also gut. Corpus Delicti handelt von einer Diktatur in der fernen Zukunft, die die Gesundheit des Volkes zum absoluten gesellschaftlichen Wert erhoben hat. Nichts ungesundes ist erlaubt, der gläserne Mensch gibt täglich seine Blutwerte ab, bei Verstößen kommt man vor Gericht, das in höchsten Maße sozial, aber umerzieherisch gebiert. Dort wird argumentieren ein Vertreter des Allgemeinwohls und ein Vertreter des persönlichen Wohls, was zu tun sei, als eine junge Frau Mia Holl ihre Blutwerte eben nicht abgibt.
Das tut die erfolgreiche Biologin und Angängerin der Staatsphilosophie – genannt “die Methode” – deshalb nicht, weil sie in höchstem Maße verwirrt ist, nachdem ihr Bruder umkam. Ihr Bruder war die einzige wirkliche Bezugsperson und der einzige Freiheitsliebende Mensch den sie kannte. Er genoß auch das ungesunde Leben so gut wie es eben ging und starb im Gefängnis. Es wurde ihm ein Mord vorgeworfen, doch er beteuerte seine Unschuld mit Vehemenz. Diese Vehemenz war es, die das Volk gruselte. Obwohl er zweifelsfrei als Täter überführt werden konnte und trotz aller Beweise, gestand er keine Schuld ein. Sollte “die Methode” etwa doch Fehler machen können?
Juli Zeh beschreibt zunächst etwas gewollt verwirrend und esoterisch, wie Mia Holl in ein Verfahren gerät, derer Sie erst spät bewusst und Herr wird. Und in dem sie doch nur die Verliererin sein kann. Mich erinnerte der Schreibstil sehr an Doris Lessing, die hier auch iodeologisch durchaus Pate gestanden haben dürfte. Und auch wenn ich nicht glaube, dass in diesem Buch die antworten auf die aktuellen Überwachungsdebatten zu finden sind, ist dies doch ein bemerkenswerter Versuch, diesen Aspekt mit dem Schönheits- und Gesundheitswahn dieser Zeit zu Ende zu denken. Ein Staat der das (gesundheitliche) Wohl aller Menschen als Legitimation nutzt, braucht keine andere (z.B. demokratische) Legitimation. Oder doch?
Dieses Buch ist als Hardcover bei Schöffling für 19,90€ erschienen.
Schlagwörter: Dystopie, Gesundheit, Science Fiction, Utopie


