Das große Grover Buch – Andreas Mand (1998)

Oder zum Beispiel mit Mädchen. Wenn Mädchen nicht gehorchen, kriegen sie schwuppdiwupp ein Kind, und dann sollst du mal sehen, wie sie das heulende Elend kriegen.

Ja, ist das jetzt ein Kinderbuch, oder was? Moritz Baßler, Literaturwissenschaftler mit dem Spezialgebiet Popliteratur, hält die Grover-Bücher von Andreas Mand, die Anfang der Neunziger als Grovers Erfindung (1990) und Grover am See (1992) erschienen und hier als Sammelband veröffentlicht wurden, gar für die Prototypen der Popliteratur, weil sie die Jugendliche Lebenswirklichkeit referenziert und archiviert. Das ist natürlich Blödsinn. Das Buch ist kurzweilig und die perfekte Klolektüre, die einen aus dem Schmunzeln gar nicht mehr rauskommt. Ganz ohne das Pop-Präfix.

Und jetzt denken bestimmt meine regelmäßigen Leser wieder “schon wieder Uni-Lektüre aus dem Pop-Literaturseminar”. Das stimmt nicht. Zumindest nicht ganz. Denn dieses Buch wurde von besagtem Baßler in einer Sekundärliteratur Der deutsche Pop-Roman besprochen, die ich für ein solches Seminar (vermutlich mal wieder als einer der wenigen im Kurs relativ aufmerksam) gelesen hatte. Ich fand seine Beschreibung lustig und auch wenn es gar nicht so einfach war, die Grover-Geschichten aufzutreiben, weil sie vor wenigen Jahren bereits vergriffen waren, kam ich vor einiger Zeit an ein Grover-Sammelband, das mittlerweile auch wieder halbwegs vergriffen ist. Aber worum geht’s überhaupt?

Ein Kind erzählt aus seinem Leben in einer Pastorenfamilie aus Norddeutschland. Leicht, episodenhaft, unverfänglich. Die große Leistung der Andreas Mand bei seinen Grover-Geschichten, ist es, dass er es schafft, die scheinbar längst vergessene Lebenswelt des Kindes, dass wir mal waren, wieder hervorzuholen. Das passiert einfach so. Wenn Grover seine Geschichtchen erzählt, von seinen Freunden und sich die Beurteilung und Altklugheit durch das Weltwissen geprägt durch Eltern, Kindergarten, Schule, das sind doch genau die Mechanismen in denen ich selbst, meine Eltern von so allerlei Blödsinn überzeugen wollte. Wenn ich mich daran erinnere, wie ich im Alter von vielleicht 7 oder 8 Jahren vehement dagegen sträubte ins Bett zugehen, weil mir meine Eltern eine Sendung Wiso vorenthalten wollte, wie ich damals meinte, in der irrigen Annahme Wiso sei Wetten daß ..?.

An der Haltestelle
An der Haltestelle geht jeder zu seinen Freunden, daß heißt, falls sie da sind. Meistens ist man zu früh, weil man nicht zu spät kommen will.
Wenn man atmet, entstehen kleine Wolken, und wir tun, als wenn wir rauchen. Wir gucken, was für Autos um die Kurve kommen. Wir kennen die Marken vom Autoquartett. Wir gucken auf die jeweiligen Nummernschilder und rechnen uns aus, was sie zu bedeuten haben.
Der Bus ist fast immer überfüllt, aber wenn er direkt vor einem zum Halten kommt, hat man noch eine Chance. Die neben einem wissen es auch und fangen automatisch an zu schubsen. Der Chauffeur ist geladen und schnauzt uns an, während wir an ihm vorbei stürmen. “Das nächste mal fahre ich durch!” droht er uns.
Wenn zwei Busse hintereinander kommen, fährt der erste manchmal durch. Erst täuscht er an, dann fährt er durch. Oder er fährt weiter vor, damit der nächste auch noch Platz hat . Der zweite Bus ist meistens leerer, außer wenn er gerade überholt worden ist. Das muß man alles berücksichtigen. Manchmal denkt man: Och, nehme ich lieber den zweiten. Plötzlich setzt er statt dessen zum Überholen an! Dann ist man endgültig angeschmiert.

Großartig auch die beschriebene Situation wie man sich an einer Ampel als Radfahrer zu verhalten habe, denn da geht es aus Grovers Sicht natürlich nicht um Verkehrsregeln, denn “vor der Ampel kommt es darauf an, daß man solange wie möglich in der Luft bleibt. Dafür gibt es mehrere Methoden,” von denen er selbstverständlich vergisst, mehr als eine auszuführen.

Was man hier schnell merkt: Die Umsetzung, oder Codierung von Visuellem zu Sprache ist durch die kindliche Position des Erzählers besonders. Man muss sich in diese Position hineindenken, aus ihr heraus visualisieren, um den Text freie Entfaltung zu bieten. Oft muss man nach einem Absatz die Augen schließen und sich das ganze in Ruhe noch einmal anschauen, so vertraut und authentisch wirkt das alles. Insofern ist das Buch ein Rollenspiel, auf das ich mich sehr gerne eingelassen habe. Eine prima Gelegenheit in seiner eigenen Vergangenheit zu forschen und sich (und auch die Ursprünge der eigenen heutigen Verhaltensweisen) wieder zu entdecken.

Dieses Buch erschien einst beim Ammann Verlag als Hardcover und ist derzeit leider vergiffen, kann jedoch gebraucht erstanden werden.

22. Dezember 2007 Belletristik, Neueste Literatur
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Buchempfehlung von Jan Schuster

Faserland – Christian Kracht (1995)

Also, es fängt damit an, daß ich bei Fisch-Gosch in List auf Sylt stehe und ein Jever aus der Flasche trinke. Fisch-Gosch, das ist eine Fischbude, die deswegen so berühmt ist, weil sie die nördlichste Fischbude Deutschlands ist. Am oberen Zipfel von Sylt steht sie, direkt am Meer, und man denkt, da käme jetzt eine Grenze, aber in Wirklichkeit ist da bloß eine Fischbude.

Also, es fängt damit an, dass ich in Finnland sitze, in meinem Studentenwohnheim umgeben von finnischem Wald. Man meint da müssten Studenten wohnen, oder zumindest welche, die Englisch sprechen, aber da sind nur verschlossene Türen, viel Zeit also um die Seminare nach Rückkehr aus dem Erasmus-Semestern zu planen, unter anderem ein Pop-Literatur Seminar, zu dem ich mir dann die Bücher per Ebay ersteigerte und nach Finnland liefern ließ. Waren glaube ich 8 Romane, und Faserland eines davon.
Und was passiert da in diesem Buch, dass mit einem so verkrampften Wortwitz im Titel aufwartet? Es ist eine Tour de farce durch Deutschland, von der Nordspitze bis in den tiefsten Süden (und letztendlich mit der Flucht in die Schweiz endend). Aber das tollste an dem Buch ist, dass zwar alles unheimlich belanglos beschrieben scheint, doch Kracht erreicht eine wahnsinnige Dichte in seiner Bildsprache und macht das über den alten Taschenspielertrick der Pop-Literaten durch Referenzieren. Wieviele (Quasi-)Markennamen stehen da wohl im ersten Absatz (Fisch-Gosch, Jever, List auf Sylt), mmh, tatsächlich “nur” drei. Im zweiten Absatz sind es dann (Barbourjacken, Scampis mit Knoblauchsoße, Salem, Traxxx, P1) noch mal einige. Mit jedem davon vermittelt er dem modernen Leser eine ganze Fülle an sozialen Assoziationen. Das lädt geradezu zur Dekonstruktion ein.
Was der erzähler nicht erzählt, ist, dass er beim Fisch-Gosch mit einer Frau steht, die ihn gut findet. Ihm ist das nicht so wichtig, wie ihm nichts wichtig ist. Er lebt ein Dandy-Leben ohne Sinn und ist auf der Suche nach Grenzen, ästhetischen wie real-körperlichen. Eine gewisse Homoerotik schwingt auf seiner Flucht durch ein Land mit, das seine Realitäten gerne verleugnet, wie auch unser Protagonist sich verleugnet. Ihn auf seiner vergeblichen Mühen sich zu entkommen zu begleiten macht tatsächlich Spaß, so traurig und teilweise widerwärtig abstoßend das alles in Wirklichkeit sein mag. Besonders erwähnenswert finde ich übrigens die Stelle, wenn Kracht den Zukunftsforscher (was immer das sein soll) Matthias Horx auftreten lässt, der auf dem Weg zu einem Trendkongreß in Karlsruhe (!) ist.

Dieser Horx ist so ein Trendforscher aus Hamburg, muß man dazu wissen, der sich immer und überall Notizen macht, und wenn ihm jemand wichtig oder irgendwie trendverdächtig genug ist, dann schreibt Horx auf, was dieser Mensch gesagt hat oder was für Anziehsachen anhat oder so. Der Horx ist immer in so schwarze wallende Mäntel gehüllt und hat ganz schütteres langes weißes Haar, und er sieht tatsächlich haargenau so aus wie der irre Wanderprediger in dem Film Poltergeist 2.
Zum Glück erkennt er mich nicht, obwohl ich ihn schon mehrmals auf einer Party belästigt habe, und zwar haben Nigel und ich uns damals ausgedacht, daß wir ein Musical für Matthias Horx schreiben werden, das wir Horxiana! genannt haben, und das wäre dann so eine Mischung aus Starlight Express und Phantom der Oper, nur daß Matthias Horx eben das Phantom wäre und andauernd auf so Rollschuhen rumfahren müßte und nie zur Ruhe käme, weil ihm keine Trends mehr einfielen.
Na jedenfalls habe ich ihn damit mehr als einmal belästigt, völlig betrunken in irgendwelchen Bars auf ihn eingeredet, das wäre doch da Allergrößte, das müßte man sofort produzieren, nein abfeaturen habe ich damals gesagt, und immer darauf gewartet, daß sich dieser schwachsinnige Horx das jetzt aufschreibt. Ist aber nie passiert, leider.

Eine Station legt der Protagonist auch in Frankfurt ein, viel spannender sind allerdings seine Begegnungen auf einer Burschenschaftsparty in Heidelberg. Das ist ganz großes Kino. 1995 war ein sehr gutes Jahr für die deutsche Literatur und Christian Kracht hat mit diesem Buch wesentliches dazu beigetragen und eine zweite Generation der Popliteraten zur Blüte getrieben ohne je wieder etwas popliterarisches geschrieben zu haben.

Dieses Buch ist als Taschenbuch bei dtv für 7,90€ erschienen.

8. Dezember 2007 Belletristik, Pop-Literatur
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