Wer bin ich und wenn ja wie viele? – Richard David Precht (2009)

Eine philosophische Reise verspricht Richard David Precht auf dem Umschlag dieses Bestsellers. Und genau dies findet man auch im Inneren. Wobei man bei Reise gottseidank nicht Hape Kerkelings Erbauungslektüre befürchten muss, sondern hier wird gewitzt und einfach eine kleine Einführung in die Ideengeschichte des Abendlandes gegeben. Das hatte ich das letzte mal im Wintersemester 2001. ;-)

Richard David Precht, der aus einem dezidiert linken Elternhaus kommt, verbindet seine geisteswissenschaftlichen und psychologischen Erkenntnisse nämlich in sehr guter Kenntnis der neuesten Ergebnisse moderner Hirnforschung – ein Forschungsfeld in dem seit dem das moralische Forschungsverbot vor nicht allzu langer Zeit aufgeweicht wurde enorme Fortschritte erzielt wurden. Aber der Autor weist immer wieder zurecht darauf hin, dass die Naturwissenschaft die Vorgänge im Gehirn so beschreiben kann, dass es die Lebenwirklichkeit von uns allen abbildet. Das Problem: Jedes Gehirn funktioniert ein bisschen anders – kein Wunder bei den zig Milliarden Nervenzellen – und so kann immer nur mit Näherungwerten und Ungenauigkeiten beschrieben werden, was ist.

Noch dazu hat die Geisteswissenschaft einen enormen Vorteil gegenüber der Neuro-Biologie. Sie macht sich schon seit tausenden von Jahren darüber Gedanken, was der Mensch ist und wie er sich unterscheidet. Das ist alles andere als ein triviales Problem. Aber Precht gelingt der Trick beide Augen zuzukneifen und verschiedenste Theorien so zusammen zu präsentieren, dass das Große und Ganze weitgehend plausibel und verständlich ist.

Theorien und Ansichten, die in diesem Buch oft mit recht leichter Hand miteinander verbunden werden, befinden sich in der Praxis der Wissenschaften mitunter in ganz verschiedenen Ordnern in weit von einander entfernten Regalen. (…) Verbunden sind sie [hier] in einer kleinen Weltreise an die Orte des Geschehens. Nach Ulm, wo Descartes in einer Bauernstube die neuzeitliche Philosophie begründete, nach Königsberg, wo Immanuel Kant lebte, nach Vanuatu, wo die glücklichsten Menschen leben sollen und so weiter.

Für mich ein ganz tolles Buch und ich habe auch in der letzten Zeit auf 3sat einige Vorträge und Interviews zu ihm gesehen. Ich denke ich werde auch sein neues Buch Liebe: Ein unordentliches Gefühl mal anschauen, wenn es im Juni als Taschenbuch auf den Markt kommt. Und auch seine Jugendautobiografie Lenin kam nur bis Lüdenscheid die ganz und gar keine Abrechnung mit den 68ern sein soll, klingt sehr spannend.

Das Buch Wer bin ich – und wenn ja wie viele?: Eine philosophische Reise ist bei Goldmann in Broschur für 14,95€ erschienen.

Weitere Blog-Rezensionen:

18. Februar 2010 Sachbücher
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Buchempfehlung von Jan Schuster

The last Lecture – Die Lehren meines Lebens – Randy Pausch (2008)

Nach all den fiktionalen Werken, die Jan so vorstellt, habe ich mir ein nicht-fiktionales Buch herausgesucht, das mich in letzter Zeit doch sehr bewegt hat. Es handelt sich um Randy Pauschs Last Lecture, welches er mithilfe des Autors Jeffrey Zaslow veröffentlicht hat.

Eine Last Lecture ist in angelsächsischer Tradition eine Abschiedsvorlesung eines emeritierten Professors. Geredet wird über das, was der Dozent für wichtig erachtet und als Lebensweisheit oder als Vermächtnis der Nachwelt überlassen würde. So als wäre es die letzte Vorlesung ihres Lebens. Bei den meisten Last Lectures ist das metaphorisch gemeint. Die meisten Dozenten kehren doch hin und wieder zum Rednerpult zurück. Randy Pausch nicht. Er hat metastasierenden Bauchspeicheldrüsenkrebs und im September 2007, dem Monat der Vorlesung noch ca. 3-5 Monate zu leben.

Das Buch handelt diese Vorlesung ab, ohne sie zu wiederholen. Der Autor Zaslow, mit dem Pausch bei stundenlangen Radtouren über Headset telefonierte, beschreibt Pauschs Lebensweisheiten in bitter-schönen kurzen Episoden. Dieses Buch verändert deine Sicht auf die Dinge. Randy Pausch hat eine klare Sicht auf das Leben. Er wird schließlich bald tot sein. Doch ohne in Jammern oder Klagen zu verfallen, arrangiert er sich mit seinem Schicksal und setzt sich letzte Ziele: Randy Pausch hat drei Kinder. Er fragt sich also: Was will ich meinen Kindern, ja was der ganzen Menschheit von mir vermitteln? Und was könnten wir vom Menschen Randy Pausch lernen? Ich glaube, es ist eine ganze Menge.

Dieses Buch ist voll von Lebensweisheiten und wie der Germanist sagen würde “Aphorismen”, also kurzen Sinnsprüchen und Anekdoten mit wahrheitlich-epistemischen Charakter. Für mich gehört es zu den Büchern, die man beruhigt alle Jahre mal wieder zur Hand nehmen wird. Man lernt schließlich nie aus.

PS: Randy Pausch lebt nun schon seit 3 Monaten über dem ärztlich-prognostiziertem Limit. Im Juni 2008 streuten die Metastasen auch in seine Lunge und Bauchraum.

Wenn die Lecture an sich interessiert: Man findet sie leicht bei Youtube und Konsorten. Seit der Aufnahme haben sich 7 Mio. Menschen die Vorlesung angeschaut. Das Buch ist seit April 2008 auch auf Deutsch beim C. Bertelsmann Verlag als Taschenbuch für 9,05€ erhältlich.

5. Juli 2008 Sachbücher
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Buchempfehlung von Florian Sänger
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