Auferstehung der Toten – Wolf Haas (1996)

Der Sprachwissenschaftler Wolf Haas schreibt einen Krimi – sein erstes Stück Belletristik. Er will es besser machen und kommt aus der theoretischen Perspektive. Will moderne oral literature schreiben. Eigentlich beste Voraussetzungen, um genau dieses Buch nicht zu schreiben.

Auferstehung der Toten ist ein österreichischer Krimi, sein Detektiv ein katastrophal schlecht gelaunter Ex-Polizist (einen Grantler würden die Österreicher ihn nennen), der Erzähler des ganzen kaum der österreichischen Sprache mächtig, ringt er oft nahezu nach Worten. Und doch kommt der Roman in einer Leichtigkeit daher … sagen wir, die Ösis können es dem Detektiv Brenner gar nicht übel nehmen wie er immer (also auch in den vier folgenden Romanen) eines ihrer Mythen nach den anderen auseinandernimmt.

In diesem Fall ist der Ort des Geschehens Zell am See, einidyllisches Skiörtchen in dem leider zwei stinkreiche amerikanische Touristen umgekommen sind. Seit Monaten ist der Fall ungeklärtabgeschlossen und Brenner eigentlich nur noch da, weil die Versicherung der Toten pro forma einen Mann vor Ort haben wollen. Niemand erhofft oder erwartet eine Lösungh des Falles und doch löst ihn Brenner so ganz nebebei, nachdem sich monatelang überhaupt nichts ergeben hatte und er ihn eigentlich auch gar nicht so dringend lösen wollte.

Eine grandiose Szene jagt die nächste. In einer wird Brenner vom örtlichen Taxifahrer zur Verzweiflung gebracht, denn der hat sein Taxi noch nie über 70 km/h beschleunigt. In einer anderen wird erklärt, wie es der örtliche Feuerwehrkommandant trotz eines groben Fehlers bei einem Einsatz schaffen könnte, dennoch wiedergewählt zu werden.

Die Besonderheit ist sicherlich die Erzählweise. Man wird sie vermutlich lieben oder hassen – für mich macht sie alleine das Buch zur Pop-Literatur. Kühn setzt der Erzähler immer wieder die Zeit außer Gefecht, indem er zwar chronologisch Situation für Situation beschreibt (in dieser unnachahmlichen Sprachlosigkeit), aber doch hin und her springt und balanciert, so dass sieder Leser immer erst am Ende einer Situation ein ganzes Bild machen kann. Oder eben auch nicht. Und dabei macht es einen Heidenspaß immer wieder von teils verquerem, teils trivalem an der Nase herum geführt zu werden. Das kann man dem naiven Erzähler einfach nicht übel nehmen. Ganz große Kunst.

Weil zu was haben wir eine Grammatik.

Und immer mit dabei der Germanist. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die deutsche Grammatik die Lösung für den Fall darstellt. Neugierig?

Dieses Buch ist bei Rowohlt als Taschenbuch für 7,95€ erschienen.

Weitere Blog-Rezensionen:

Das Wetter vor 15 Jahren – Wolf Haas (2006)

Dieses Buch war eines der Bücher wegen derer ich auf die letztjährige Buchmesse gefahren bin und es hat sich gelohnt, es dort zu erwerben. Wolf Haas ist oder sollte uns allen ja bekannt sein als Autor der Brenner-Kriminalromane, von denen zwei hervorragend mit Josef Hader verfilmt wurden (Komm, süßer Tod, Silentium). Da die Brenner-Romane im letzten Band (Auferstehung der Toten) einen genialen Abschluss fanden, war klar ein Kriminalroman kann nun nicht mehr kommen und auch die Vermischung von Popliteratur und Populärliteratur, die Haas auf seine lakonische Brenner-Art perfektioniert hatte, schien unwahrscheinlich.

Tatsächlich ist Das Wetter vor 15 Jahren ein literarisches Experiment, denn es handelt vom neuen Buch des Autors Wolf Haas Das Wetter vor 15 Jahren und stellt sich als Interview einer Feullitonistin mit dem Autor des Buches dar. Klingt komplex, macht aber Spaß und eckt an. Gekonnt werden die Handlungsstränge und die Hintergrundinformationen dieser fiktiven Geschichte als wahre Begebenheiten konstruiert und das Gespräch der deutschen Journalistin mit dem österreichischen Autor spiegelt auch den Plot dieses deutsch-österreichischen Dramas wider. Das Buch, das in auf 250 Seiten besprochen wird, handelt von dem Ruhrpott-Nerd Vittorio Kowalski, der alle Wetterdaten seit 15 Jahren auswendig kennt, allerdings nur aus dem österreichischen Bergdorf, in dem er mit seinem Eltern Urlaub zu machen pflegte. Als dieser bei Wetten dass …? einen Auftritt hat und Thomas Gottschalk ihn nach dem ersten Tag seiner mentalen Aufzeichnungen und somit dem letzten Tag seines Jugendlichen Aufenthaltes befragt, findet sich Vittorio wieder in eine alte Liebesgeschichte zurückversetzt. Um einen Kuss zu bekommen, den er nie erhalten hat, fährt er spontan in das Bergdorf, um dort eine schreckliche Entdeckung zu machen … und der Autor hat sich ihm an die Versen geheftet.

Wolf Haas spielt wieder mit der Erzählperspektive, und das auf beiden Ebenen des Buches. Während er mit der Feullitonisten die Perspektivwechsel des fiktiven Romans noch expliziert, wird der Leser etwas ratlos mit dem Sujet zurückgelassen. Ein Interview als Roman bzw. ein Roman als Interview? Ein gewagtes Experiment, das mir jedoch einen Heidenspaß machte und zu keinem Zeitpunkt langweilig wurde. Leicht zu lesen, viel zu staunen gibt es also bei Wolf Haas Das Wetter vor 15 Jahren.

Dieses Buch ist Taschenbuch bei dtv für 8,90€ erschienen.



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