Die Stadt der Blinden – José Saramago (1995)

Für dieses Buch gab es einen Literatur-Nobelpreis. Zumindest gab es ihn ein Jahr nach Erscheinen dieser wohl eindrucksvollsten Studie der Abgründe der Menschheit seit Albert Camus Die Pest für den portugiesischen Autor José Saramago. Der hatte sich schon seit Jahren einen Ruf als Kommunist, Atheist und wundervollen Romancier gemacht. Vor allem mit seinen vordergründig historischen Romanen aus allen Epochen der portugiesischen Geschichte machte er auf sich aufmerksam und ich persönlich war von der Kurzgeschichte Der Stuhl (1978) ob seiner Imaginations- und Beschreibungskraft so begeistert (auf 35 Seiten beschreibt er lediglich wie ein Stuhl nach hinten umkippt), dass ich noch das ein oder andere epische Werk von ihm hinterherverschlang.

Das Buch erzählt seine Geschichte in einer namenlosen westlichen Großstadt. Im ärgsten Straßenverkehr warten die Autos spannungsgeladen, “nervös wie Pferde” auf das Umschalten der Ampel.

Endlich leuchtete das grüne Licht auf, die Autos fuhren abrupt an, doch sofort bemerkte man, daß nicht alle zugleich losgefahren waren. Das erste Auto in der mittleren Reihe steht, da muß es irgendein technisches Problem geben, vielleicht ist das Gaspedal locker, oder die Schaltung sitzt fest, oder etwas am hydraulischen System ist defekt, die Bremsen sind blockiert, ein Fehler in der Stromversorgung, oder es ist einfach das Benzin ausgegangen, es wäre nicht das erste Mal, daß so etwas vorkommt. Die Gruppe von Fußgängern, die sich erneut auf dem Bürgersteig angesammelt hat, sieht, wie der Fahrer des stehenden Wagens hinter der Windschutzscheibe aufgeregt gestikuliert, während die Autos hinter ihm wütend hupen. Einige Fahrer sind schon auf die Straße gesprungen, bereit, des stehengebliebene Auto auf die Seite zu schieben, damit es den Verkehr nicht mehr behindert, sie klopfen heftig gegen die geschlossenen Scheiben, der Mann im Auto wendet ihnen das Gesicht zu, zur einen, dann zur anderen Seite, man sieht, daß er etwas ruft, an der Bewegung der Lippen sieht man, daß er ein Wort wiederholt, nicht eins, nein, in Wirklichkeit drei, wie man erfahren wird, wenn endlich jemand die Tür öffnen kann, Ich bin blind.

Die Reaktion der Passanten zeigt die Anlehnung an Homo Faber unter umgekehrten Vorzeichen – auch die Blindheit an sich ist in Anlehnung an Ödipus ja das zentrale Motiv bei Max Frischs Werk. Waren es in den 50er Jahren die technikgläubige, die den Bezug zur Menschlichkeit zu verlieren drohten, ist es in den 90ern die technisierte Gesellschaft als Ganzes.

Es ist nicht nur dieser eine Mann der erblindet. Die weiße Blindheit geht wie eine Epidemie in dieser Stadt um. Die ersten Opfer werden noch in Quarantäne gebracht. Unser Protagonist ist der erste Blinde, der mit seiner Frau schon bald abgeholt wird, um in eine evakuierte Schule gebracht zu werden. Doch seine Frau täuscht die Blindheit nur vor, denn sie will ihren Mann nicht alleine lassen in dieser Welt des Chaos. Das hilft natürlich ungemein in einer Quarantänestation in der nur Blinde sind, denn niemand möchte auch nur irgendeine Art von physischem Kontakt zu den Stigmatisierten. Sie sieht die Dramen und Grausamkeiten wie sie wirklich sind. Denn schon bald gilt die brutale Macht des Stärkeren, und als die täglichen Essensversorgungen nicht mehr kommen, gibt es in ihrer Unwissenheit über die Ereignisse außerhalb der Quarantäne natürlich nur noch einen Ausweg: der Ausbruch.

Die Stadt der Blinden ist ein großartig spannendes Buch zu dem es übrigens auch eine tolle Hörspielfassung vom NDR (Regisseur: Alexander Schuhmacher) gibt. Natürlich lässt die Blindheit als Motiv viel Raum für Interpretationen und Aphorismen. Das nutzt José Saramago – gottseidank – nicht mit dem Vorschlaghammer aus. Ein Buch, welches ich zurecht als Hardcover besitze. Es ist aber auch preisgünstig bei rororo als Taschenbuch für 9,95€ zu haben.

10. November 2007 Belletristik, Neueste Literatur
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Die Memoiren einer Überlebenden – Doris Lessing (1974)

Vor 10 Jahren habe ich mal eine Philosophieseminar besucht, organisiert von der Schülervertretung meiner Schule. Das Thema erinnere ich gar nicht mehr so genau, aber es war sehr existenzialistisch, oder zumindest kam es abends zu einem Gespräch zwischen dem Dozenten und mir über Albert Camus’ Der Mythos von Sisyphos und andere Bücher, in denen sich Gesellschaften auflösen. José Saramago hatte Die Stadt der Blinden gerade erst veröffentlicht, aber ich hatte da einige Wochen zuvor dieses Buch gelesen, das mir von meiner Mutter geschenkt wurde und von dem ich wusste, dass deren Autorin vor allem für Frauenliteratur bekannt war.

Clevererweise erwähnte meine Mutter damals, dass die Autorin Doris Lessing auch Science Fiction schrieb. Und im U4-Text (also hinten drauf) wurde das Buch auf eine Stufe mit George Orwells 1984 gestellt, von der FAZ-Feuilleton. Nun liebe ich George Orwells 1984 und hatte mir in diesem Zusammenhang auch Aldous Huxleys Schöne neue Welt reingezogen – also war dieses Buch mein nächstes Opfer. Und es hat bei mir definitiv einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Und ich schwärmte dem Dozenten vor, dieses Buch würde das Zerfallen einer Gesellschaft so wunderschön, mystisch (eben weiblich) und doch gleichzeitig brutal beschreiben, in einer so rückwärts gewandten Erzählweise, die einen doch immer über das Ende im Unklaren lasse, obwohl es der Titel ja schon fast verrät.

Wir erinnern uns alle noch an diese Zeit. Sie war für mich nicht anders als fü andere. Trotzdem erzählen wir uns immer wieder in allen Einzelheiten von den Dingen, die wir erlebt haben, und es ist, als wollten wir durch das ständige Wiederholen, das Zuhören, sagen: “Also war es für Sie auch so? Dann stimmt es also doch, ja es war so, es muß so gewesen sein, ich habe mir nicht bloß alles eingebildet.”

Schon dieser Beginn des Buches markiert die zwei Hauptelemente, die es für mich so unwiderstehlich machten: diese Magie der Sprach- und Begriffslosigkeit , und die Gemeinschaft als Überlebensnotwendigkeit. Wie bereits oben kurz erwähnt beschreibt das Buch die schleichende Auflösung einer Gesellschaft. Keiner weiß, wie oder warum es begann, das erste was zusammenbricht sind die (zwischenmenschlichen) Informationssysteme. Menschen wandern durch die Straßen der Städte, Stadtflucht. Unsere Protagonisten bleibt in ihrem Wohnblock, in dem sich – wie auch in der ganzen Straße – das Leben auflöst. Kinderbanden übernehmen die Macht in den Straßen. Und plötzlich wohnt da ein Mädchen, Emily, bei ihr in der Wohnung. Wo kam es her? Wo gehen sie zusammen hin? Was bedeutet dieses ‘zusammen’, wenn alles andere auseinander geht, Infrastrukturen sich in nichts auflösen?

Eine merkwürdige Zeit ist das. Während alles zerfällt, bauen sich immer jüngere Kindergruppen brutal hierarchische Herrschaftssysteme auf. Wo soll das alles hinführen? Der Titel verrät, dass unsere Protagonistin den gesellschaftlichen Super-GAU überleben wird. Doch es ist ein erschütternder emotionaler Weg dorthin, und ich kann jedem nur empfehlen sie auf diesem Weg als Leser zu begleiten. Ich habe das Buch als Science Fiction gelesen. Man kann es tatsächlich auch als Frauenbuch lesen – und dass nicht nur weil die beiden Hauptfiguren Frauen sind.

Dieses Buch erscheint als Taschenbuch bei S.Fischer für 8,45€.

Weitere Rezensionen:

13. Oktober 2007 Belletristik, Fantasy
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