Imperium – Christian Kracht (2012)


Christian KRacht wird immer wieder vorgeworfen, er hätte nationalsozialistische Tendenzen in seinem Werken. Das beginnt schon mit seinem Erstlingswerk Faserland, dass einen von der westlichen Konsumgesellschaft gelangweilten Snob durch Deutschland reisen lässt, in 1979 endet der Protagonist in einem chinesischen Gefangenenlager und erweist sich als “guter” Gefangener, in Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten geht es dann einmal tatsächlich um eine alternative Realität in dem ein totalitäres deutsch-englisches Bündnis die Welt versucht zu unterjochen. Und jetzt eben Imperium.

Christian Kracht erzählt die Geschichte des Aussteigers August Engelhardt aus Nürnberg, der sich um die Jahrhundertwende in die deutschen Kolonien aufmacht, weil er dort hofft, sein Leben als Veganer in Ruhe führen zu können. Und doch wird er, der sich dort ausschließlich von “der göttlichen Frucht” der Kokosnuss ernährt, zum Messias – zumindest für einige wenige. Obwohl dies nun wirklich wenig Berührungspunkte mit dem Nationalsozialismus hat, greift Kracht in die Autoren-Trickkiste wechselt kurzerhand disruptiv die Erzählperspektive und sieht sich geneigt folgendes festzustellen.

einer von Millionen an der Westfront explodierenden, glühenden Granatsplitter bohrt sich wie ein weißer Wurm in die Wade des jungen Gefreiten der 6. Königlich Bayerischen Reserve-Division, lediglich ein paar Zoll höher, zur Hauptschlagader hin, und es wäre wohl gar nicht dazu gekommen, daß nur wenige Jahrzehnte später meine Großeltern auf der Hamburger Moorweide schnellen Schrittes weitergehen, so, als hätten sie überhaupt nicht gesehen, wie dort mit Koffern beladene Männer, Frauen und Kinder am Dammtorbahnhof in Züge verfrachtet und ostwärts verschickt werden, hinaus an die Ränder des Imperiums, als seien sie jetzt schon Schatten, jetzt schon aschener Rauch.

Und an einer anderen Stelle bemüßigt er sogar seinen Protagonisten eines richtig zu stelle:

Engelhardt teilte nicht jene aufkommende Mode der Verteufelung des Semitischen, die der fürchterliche Richard Wagner mit seinen Schriften und seiner schwülstig-komischen Musik wenn nicht initiiert, dann aber allerorten salonfähig gemacht hatte. Es war doch wohl strikt abzulehnen, über Menschen aufgrund ihrer Rasse zu urteilen.

Und das in einem Buch, das an und für sich keinen thematischen Zusammenhang mit dem Nazi-Deutschland hat. Wie immer von Christian Kracht sprachlich höchst brilliant und auf den Punkt dargebracht. August Engelhardt pachtet sich im deutschen Deutsch-Neuguinea – ohne Geld, denn das hat er sich zuvor stehlen lassen – eine kleine Kokosnuss-Plantage und lebt seinen Traum. Die Eingeborenen arbeiten für ihn, er kann als Nudist leben, und die Mangelerscheinung, die durch seine Mono-Ernährung auftreten bemerkt er kaum.

220px-WP_August_Engelhardt_und_Max_LützowEr reist nach Fidschi, weil dort ebenfalls ein Aussteiger Mittenzwey behauptet sich alleine von Licht ernähren zu können, allerdings kann Engelhardt dies als Lüge aufdecken. Er schreibt Briefe an veganische Gesinnungsgenossen und beschreibt, wie das Leben mit der Kokosnuss die Welt verändern kann. Einige kommen auch und überstehen kaum die beschwerliche Anreise. Und auch Engelhardt hat immer stärkere Wahnvorstellungen. Das ist also sein Weg heraus aus

dieser vergifteten, vulgären, grausamen, vergnügungssüchtigen, von innen heraus verfaulenden Gesellschaft, die lediglich damit beschäftigt ist, nutzlose Dinge anzuhäufen, Tiere zu schlachten und des Menschen Seele zu zerstören

Als der erste Weltkrieg ausbricht, nehmen australische Soldaten, die deutsche Kolonie im Pazifik ohne größere Kämpfe ein. August Engelhardt wird enteignet, doch er verzichtet auf das Geld und verschwindet. Erst nach dem zweiten Weltkrieg finden ihn amerikanische Soldaten auf einer einsamen Insel im Pazifik. So bringt er es sogar noch nach Hollywood.

Die Geschichte des August Engelhard will aber auch den Status Aussenseiter der Gesellschaft in dieser Zeit erforschen. Ich persönlich habe mich schon immer gefragt, wie so verrückte Menschen wie Rudolf Steiner, Moritz Schreber, und von mir aus den selbsternannten Propheten Joseph Smith, in solch einer Zeit schon so früh so verrückt werden konnten. Und erfolgreich Menschen hinter sich scharen. Wie eine Nudistenbewegung vor mehr als 120 Jahren entstand. Das wirkt alles ein wenig erklärbarer nach dieser Lektüre.

Imperium wird demnächst bei Fischer als Taschenbuch erscheinen und und dann für ca. 10€ zu haben sein.

Weitere Rezensionen:

Herz der Finsternis – Joseph Conrad (1899)

Nicht nur für mich ist das Herz der Finsternis von Joseph Conrad ja untrennbar verbunden mit Francis Ford Coppolas geniales Vietnam-Epos Apokalypse Now. Noch dazu kommt der Song The End von The Doors. Zusammen bilden sie eine der berüchtigsten Umarbeitungen eines Romans der Jahrhundertwende. Der Roman entzieht sich beim Lesen ganz und gar einer zeitlichen Einordnung. Mir war bis ich es endlich nachschlug nicht klar, dass er schon 1899 und damit in der Hochzeit des Kolonialismus geschrieben wurde. Eindrucksvoll.

“Ich dachte an die frühen Zeiten,als die Römer erstmals hierher kamen, vor neunzehnhundert Jahren – gestern also (…) Stellt euch vor, wie dem Befehlshaber soclh einer stattlichen – wie heißen sie gleich? – Triere im Mittelmeer zumute gewesen sein muss, der plötzlich nach Norden versetzt wird; eilig bringt man ihn über Land durch Gallien, und dann erhält er den Befehl über eines dieser Schiffe, welche die Legionäre anscheinend zu Hunderten in ein, zwei Monaten zu bauen pflegten, wenn dem zu glauben ist, was in den Büchern steht. Stellt ihn euch vor, wie er mit Vorräten oder mit Befehlen oder was sonst diesen Fluss hinauffährt: das Ende der Welt, eine bleifarbene See, ein rauchfarbener Himmel, ein Schiff, das so unbeweglich ist wie eine Ziehharmonika. Sandbnänke Marschen, Wälder, Wilde.”

Joseph Conrad beschreibt in seinem Werk die Reise seines Protagonisten, des Ich-Erzählers Marlowe, der als Brite bei einer französischen Handelkompanie anheuert, um Flussschiffer zu werden. Er soll nach Afrika reisen, um dort als Kapitän eines Flussdampfers Handelsrouten ins Landesinnere abzufahren. Was er erlebt ist aber das totale Grauen. In Afrika herrscht der Kolonialismus auf grausamste Art und Weise. Die Einwohner Afrikas werden auf überlste unterdrückt, ausgenutzt, versklavt. Die europäischen Herrenmenschen nehmen sie nicht einmal als Menschen wahr. Ein System der Ausbeutung soll immer neue Rohstoffe aus dem Landesinneren bergen. Und dabei werden alle – und insbesondere die Europäer – wahnsinnig, wenn sie nicht zuvor an Krankheiten sterben.

Sie starben langsam – das war sehr deutlich. Sie waren keine Feinde, sie waren keine Verbrecher, sie waren nichts Irdisches mehr – nichts als schwarze Schatten der Krankheit und des Hungers, die durcheinandergeworfen in der grünlichen Düsternis lagen. Herangeschleppt aus allen Schlupfwinkeln der Küste, mit der ganzen Rechtmäßigkeit zeitlicher Verträge, verloren in einer unfreundlichen Umgebung, versorgt mit unzulänglicher Nahrung, begannen sie dahinzusiechen, wurden arbeitsuntauglich und erhielten die Erlaubnis davonzukriechen, um sich auszuruhen. Diese todgeweihten Gestalten waren frei wie die Luft

Marlow tritt seine Reise in das Herz Afrikas an von der man schwören könnte, dass sie dort für immer enden würde, wenn Joseph Conrad seinen Ich-Erzähler seine erlebte Geschichte nicht auf einem wohlbehüteten Schiff in der Themse erzählen ließe. Marlow reist zu einem Dämon – dieser Dämon heißt Kurtz und ist der erfolgreichste Elfenbein-Agent im Herzen des Landes und der einzige namentlich erwähnte Charakter der Erzählung. Von ihm raunt man sich Geschichten zu, er ist ein Phantom und Marlow wird von ihm magisch angezogen, doch als Marlow ihn tatsächlich trifft, übersteigt die grausame Realität seine schlimmsten Vorstellungen.

Dieses Epos des Kolonialismus greift Coppola später in Apokalypse Now auf, und zieht schickt die Parallele zwischen britischen und amerikanischen Imperialismus. Und The Doors singen “the snake is long” – ein Zitat aus dem Roman – und meinen den Fluss Me Kong oder eben doch den afrikanischen Fluss der in das Herz der Finsternis führt. Ein Psychogramm. Joseph Conrad jedenfalls fuhr als Sohn polnischer Eltern nach der dritten Teilung Polens für die Britische Krone zur See, wurde sogar Kapitän und schöpft seine Geschichten aus seiner eigenen Erfahrung aus dem Kongo und den malaiischen Inseln. Die Grausamkeiten seiner Schilderungen sind vor diesem Hintergrund also erschreckend real.

Dieses Buch ist in zahlreichen Ausgaben erschienen und mittlerweile gemeinfrei, also ist der Nachdruck kostenlos, so dass es da auch Reclam-Heftchen gibt.

Weitere Rezensionen:

10. März 2012 Belletristik
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