Wie ich eines morgens im April das 100%ige Mädchen sah – Haruki Murakami (1996)

Vor einigen Jahren hat mir am legendären letzten Morgen der Buchmesse in Frankfurt in Halle 4 ein Rowohlt-Mitarbeiter 20 Exemplare des Buches eines japanischen Autors in die Arme gelegt. Den Namen des Autors kannte ich nur vom Hörensagen und vollbepackt wie ich war, akzeptierte ich schlussendlich drei Exemplare. Ich habe dieses Buch wohl zwanzig Mal im darauffolgenden Jahr verschenkt und bezeichne meine Ablehnung an jenem Morgen heute noch als einen der größeren und teuersten Fehler in meinem Leben.
Aber mal ehrlich: Ein Titel wie Wie ich eines Morgens im April das 100% Mädchen sah klingt nach übelster Jugendliebeliteratur und einen japanischer Autor bringt jeder erstmal mit Anime-Comics in Verbindung. Wahrscheinlich hatten mich sogar allein die schöne Umschlaggestaltung und das rote Lesebändchen dazu gebracht, gleich drei Exemplare zu nehmen. So oberflächlich können Bücherliebhaber sein. Und um noch eins draufzusetzen, ich erinnere mich, dem Rowohltmitarbeiter in schlimmster Kritikermanier gesagt zu haben: „20 Stück, mein Gott, wenn das Müll ist, wissen sie, wie viel Müll ich dann mit nach Hause geschleppt habe?“
Wie gesagt, einer meiner größten Fehler. Und das Gesicht des Verlagsmitarbeiters werde ich mein Leben lang nicht vergessen.
Und jetzt noch mal: Wie ich eines Morgens im April das 100%ige Mädchen sah ist doch als Titel an sich schon ein Gedicht. Und Japaner gehört als Autoren eine Chance gegeben. Und wenn dann noch die Umschlaggestaltung stimmt. Kaum saß ich im Zug, begann ich meine fast achtzig Kilo Bücher zu sichten und blieb direkt beim 100%igen Mädchen hängen:

Eines schönen Morgens im April komme ich auf einer kleinen Seitenstraße in Harajuku an dem 100%igen Mädchen vorbei.
Ehrlich gesagt, ist sie nicht besonders hübsch. Sie ist weder besonders auffällig, noch ist sie schick gekleidet. Ihre Haare sind hinten vom Schlaf verlegen. Sie ist nicht mehr jung. So an die dreißig wird sie sein, nicht eigentlich ein Mädchen. Aber trotzdem weiß ich schon aus fünfzig Metern Entfernung: Sie ist für mich das 100%ige Mädchen. Bei ihrem Anblick dröhnt es in meiner Brust, und mein Mund ist trocken wie eine Wüste.

Manchmal ist es wirklich der erste Satz, der den Leser an ein Buch bindet. Ihn dazu bringt, Seite um Seite weiterzulesen. Und mit jedem Satz, mit jeder Seite ist man tiefer in der Handlung. Vergisst alles um sich herum. Vergisst seine Mitreisenden und den Ausstieg. Man fühlt sich den Figuren der Handlung oder den Aussagen des Textes verbunden. Oder aber, man hat das Gefühl eines Déjà-Vus. Man hat das Gefühl, hier wird die eigene Geschichte erzählt.

Vielleicht gibt es einen bestimmten Typ Mädchen, der dir gefällt, mit schmalen Fesseln zum Beispiel oder großen Augen, vielleicht stehst du auf schöne Finger oder fühlst dich, warum auch immer, von Mädchen angezogen, die sich beim Essen viel Zeit lassen. Dieses Gefühl meine ich. Auch ich habe natürlich meine Vorlieben. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich im Restaurant begannt auf die Nase des Mädchens am Nachbartisch starre.
Aber den Typ des 100%igen Mädchens kann keiner definieren. An die Form ihrer Nase kann ich mich gar nicht erinnern. Ich weiß noch nicht einmal mehr, ob sie überhaupt eine hatte. Ich weiß nur, dass sie keine nennenswerte Schönheit war. Irgendwie seltsam.

Und die Erzählung bleibt ein Gedicht, dem Titel folgend: Aus dem kurzen Blick zwischen zwei Passanten wird ein Gefühlschaos, das einen tagelang beschäftigt, festhält. Das einen dazu bringt, Freunden und sogar Wildfremden zu erzählen, was einem da widerfahren ist. In einem einzigen, „magischen“ Augenblick. Ein Mann, eine Frau – ein Blick. Und beide gehen weiter. Und er weiß, glaubt zu wissen, hofft, ist sich in diesem Moment ganz sicher: Das war sie! Hundertprozentig! Und er hat es ihr nicht gesagt. Weil es lächerlich wäre, ihr das bei der ersten (und wohl einzigen) Begegnung zu sagen? Weil sie ihm nicht glauben würde? Und so lässt er sie vorbeigehen, ohne sie anzusprechen.
Murakamis Erzählungen sind deshalb so stark, weil man sich in den Charakteren bis in die Haarspitze wiederzuerkennen vermag. Und vielleicht auch, weil er nur die eine Seite der Geschichte, die Gedanken des Ich-Erzählers aufschreibt und sich nicht die Mühe macht zu erklären, was die andere Person denkt und damit eigentlich aufzeigt, was für ein Wunder Beziehungen doch sind: Was hat sie wohl gedacht, als er da die Straße entlang kam. Hat sie ihn überhaupt beachtet? Oder war sie in Gedanken? Hat die Begegnung sie genauso aufgewühlt wie ihn? Hat sie es am Ende auch anderen mitgeteilt, verloren im Gewirr ihrer Gedanken, ihrer Schlüsse? Und wie haben die Andern reagiert? Haben sie es verstanden?

“Gestern kam ich an dem 100%igen Mädchen vorbei”, erzählte ich jemandem.
“Hm”, antwortet er, “war sie hübsch?”
“Nein, das nicht.”
“Also dein Typ.”
“Ich weiß es nicht mehr. Ich erinnere mich an nichts. Weder an die Form ihrer Augen, noch daran, ob sie große oder kleine Brüste hatte.”
“Das ist sonderbar.”
“Ja, es ist sonderbar.”
“Na und”, sagte er scheinbar gelangweilt, “hast du was gemacht? Hast du sie angesprochen, oder bist du ihr nachgelaufen?”
“Nein, nichts. Ich bin einfach an ihr vorbeigegangen.”

Dabei hätte er sie ansprechen wollen. Alles erfahren wollen. Etwas über ihr Leben erfahren wollen. Und über seines zu erzählen. Und klären können, welchen unglaulichen Umständen dieses wunderbare Zusammentreffen bedingt haben. Aber während er noch überlegt, wie sie ansprechen, lässt er den Moment verstreichen und sie ist vorbeigegangen.

Sie ging von Osten nach Westen, ich von Westen nach Osten. An einem besonders schönen Morgen im April.

Und er beginnt sich auszumalen, wie es hätte ablaufen können, ach was, müssen: Ein gemeinsames Essen, ein Kinofilm oder vielleicht ein Cocktail an einer Hotelbar. Und dabei alles erzählen. Und am Ende vielleicht miteinander schafen. Ja, sicher sogar. Und der Leser denkt wieder: Wie nachvollziehbar, wie menschlich, wie … ich.
Wie ich eines Morgens im April das 100%ige Mädchen sah enthält noch andere Kurzgeschichten, von denen eine jede für sich es wert gewesen wäre, veröffentlicht zu werden:
Familiensache etwa ist die Geschichte zwei Geschwister, die sich schon seit einigen Jahren eine Wohnung teilen. Ein beide zufriedenstellendes Arrangement: Man belästigt sich nicht, jeder lässt den anderen seiner Wege gehen, sein Leben und seine Beziehungen leben. Bis sich die Schwester verlobt. In einen Mann, der ihrem Bruder zwar nicht wirklich unsymphatisch ist – mit dem er aber auch gar nichts anfangen kann. Und das harmonische Zusammenleben erhält Risse.
Das Schweigen lässt einen Mann auf seine Schulzeit zurückblicken. Anders als seine Klassenkameraden hatte er sich für den Boxsport entschieden. Und ganz zu Beginn in einem unbeherrschten Augenblick einem Mitschüler auf die Nase geschlagen – was er sofort bereute. Doch die Reue hilft nichts; sein Mitschüler sinnt auf Rache. Er lässt sich damit Zeit – doch als die Gelegenheit günstig ist, weiß er sie vernichtend zu nutzen…
Die Lederhosen wandeln sich vom Liebesbeweis zum Trennungsgrund für eine Deutschlandtouristin, die daraufhin ihren Mann und ihr Kind verlässt, weil sie bei der Suche nach etwas so für Japaner und Deutsche so seltsamem und besonderen plötzlich einen anderen Weg in ihrem Leben entdeckt.

Die Charaktere, die einem bei Murakami begegnen, sind neben ziemlich phantastischen Gestalten wie den TV-People, tanzendenen Zwergen oder Monstern vor allem Menschen des Alltags, die aber in irgendeiner Form am Rande stehen. Trotz ihrer sozialen Defizite fallen sie in der Masse nicht großartig auf, aber sie eignen sich eigentlich nicht zum Leben in der Masse, wie Murakami zeigt. Oft sind es nur Kleinigkeiten, die diese Andersartigkeiten demonstrieren; und genau im Schildern dieser Kleinigkeiten liegt seine große Stärke.
Zum Entdecken der großen Kraft der Erzählungen dieses Autors eignen sich seine Kurzgeschichtensammlungen Wie ich eines Morgens im April das 100%ige Mädchen sah und Der Elephant verschwindet. Und spätestens danach wird man alles lesen wollen.

Kabale und Liebe – Friedrich Schiller (1784)

Mein Name ist Miller.

Der Stadtmusikant Miller, die heimliche Hauptfigur dieses Werkes, schreit sein Motto in die Welt hinaus. Umhüllt von einem kraftvollen Romeo und Julia-Plot lässt der damals noch junge, stürmende und drängende Autor Friedrich Schiller zwei Parallelwelten aufeinander prallen.

Das “bürgerliche Trauerspiel” ist ein Paradevertreter des Sturm und Drang, quasi der ästhetischen 68er-Bewegung des 18. Jahrhunderts. Es ist so einfach gestrickt, fast einfältig – heute würde man vielleicht straight sagen -, dass es dem Leser nun wirklich nicht schwer fällt Gut und Böse auf die Hauptakteure des Bürgertum und der Aristokratie zu verteilen. Dort die Intriganten, hier die Opfer. Diese einfache, ja eben einfältige Differenzierung macht einen so kraftvollen Umgang mit Personenkonstellationen möglich, dass es so förmlich kracht.

Gerne erinnere ich mich an die Verfilmung von Leander Haußmann mit August Diehl als Ferdinand und einigen sehr bekannten Gesichtern des deutschen Films. Es ist so romantisch wie selbstzerstörerisch und aufopferungsvoll hier im Namen der Liebe und des geschundenen Bürgertums aufbegehrt wird. Da gehen die kleinbürgerlichen Aufstiegshoffnungen ja fast unter, wenn den Aristokraten als Negativum der Soldatenverkauf ins ferne Amerika angelastet wird.

Auch sprachlich setzt Schiller mit diesem Werk gewaltiges um. Derbe Sprache – wie man sie auch aus Die Räuber kennt – wechseln sich mit den gehobenen Sprachniveau des Adels ab. Und während Ferdinand im vollen Pathos nach seinem Recht zu Lieben und seiner Ehre als selbstbestimmtes Wesen schmachtet, ist Luise Miller um Meilen weniger emotional ausgearbeitet. Für sie gibt es tatsächlich nur die Liebe. Herzzerreißend und revolutionär.

Halten zu Gnaden. Ich heiße Miller, wenn Sie ein Adagio hören wollen–mit Buhlschaften dien’ ich nicht. So lang der Hof da noch Vorrath hat, kommt die Lieferung nicht an uns Bürgersleut’. Halten zu Gnaden. (…) Deutsch und verständlich. Halten zu Gnaden. Euer Excellenz schalten und walten im Land. Das ist meine Stube. Mein devotestes Compliment, wenn ich dermaleins ein pro memoria bringe, aber den ungehobelten Gast werf’ ich zur Thür hinaus–Halten zu Gnaden. (…) Das war nur so meine Meinung, Herr–Halten zu Gnaden.

Dieses Buch ist als Reclamheft für 2,60€ erschienen.



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