Auf der Borderline nachts um halb eins – Joachim Lottmann (2007)

Auf dem Wühltisch in einer modernen Antiquariat in Köln gefunden habe ich dieses Buch mit dem vom Autor und “Journalisten” Joachim Lottmann gegebenen Untertitel Mein Leben als Deutschlandreporter. Natürlich aus dem ebenfalls Kölner Kiepenheuer & Witsch Verlag, der sich ja in jüngster Vergangenheit neben dem Image als Heinrich-Böll-Verlag unter anderem als Popliteraturverlag profiliert hat.

So war ich dann doch gespannt auf den Pop-Journalismus. Und tatsächlich – anders als das Buch eines finnischen Autors, das sich hauptsächlich um Bier drehte und mein Fundstück des Wühltischs nebenan war – ist der Schreibstil und die Thematik von Joachim Lottmann Popliteratur UND irgendwie auch Journalismus. Journalismus schon allein deswegen, weil die abgedruckten kurzen “Erzählungen” jeweils Auftragsarbeiten für Tageszeitungen oder Journals waren. Was er schreibt, ist aber in höchstem Maße subjektiv und er nutzt – im Gegensatz zu den meisten anderen Pop-Autoren – vor allem das Stilmittel der positiven Übertreibung. So wird das übliche ästhetische Lästern in sein Gegenteil verkehrt.

Die unnahbar schöne [Sarah] Wagenknecht dagegen trägt ein perfektes, akkurates, steingrau-stählernes Kostüm mit mattsilbernen Knöpfen, als wäre sie die Allibifrau im Vorstand der Deutschen Bank
Passend dazu die ebenfalls steingrauen Nylons, von denen der linke iene verräterisch wirkende Laufmasche aufweist, die man einfach verfolgen muß bis in den hochsitzenden Rock hinein: Was für herrlich schlanke Beine sie doch hat und wie knapp der Rock sitzt – ohne Laufmasche wäre einem das gar nicht aufgefallen.
Und die makellosen Knie. Aber das Inhaltliche ist wichtiger, vor allem ihr.

Das auch positive Übertreibung entlarvend sein kann, kommt einem immer wieder in den Sinn. Und auch, dass man Dichtung und Wahrheit nicht so genau trennen kann. Zum Beispiel wenn sich Lottmann in Karlsbad als Graf Lottmann in edler Gesellschaft quasi im Auftrag des Spiegels an die adlige Damenwelt heranmacht.

Dieses Buch bei Kiepenheuer & Witsch als Taschenbuch für 9,95€ erschienen.

Wanderer, kommst du nach Spa… – Heinrich Böll (1950)

Als ich mir gestern die Comic-Verfilmung 300 von Frank Miller (u.a. auch Sin City) auf DVD angeschaut habe, hatte ich spontan Lust auch noch einmal die in anagrammatischer Weise eng verbunden Erzählung Wanderer, kommst du nach Spa… von Heinrich Böll in die Hand zu nehmen. Dies ist nun wirklich ein Klassiker der deutschen Trümmerliteratur. Vielleicht zusammen mit Wolfgang Borcherts Hörspiel-Drama Draußen vor der Tür.

In meiner Ausgabe mit Heinrich Bölls frühen Kurzgeschichten hat die Erzählung keine 10 Seiten und ist mir doch sehr gut in Erinnerung geblieben. Der Titel zitiert fragmentarisch ein Distichon von Simonides von Keos (hier in Schillers berühmter Übersetzung), das soll auf dem Gedenkstein für die Spartaner, die sich 480 v. Chr. bei der Verteidigung der Thermopylen gegen die Perser bis auf den letzten Mann aufopferten, gestanden haben:

Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest
uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.

Und das war eben mein Bezug auf den Film 300, der die gleiche Schlacht illustriert. Schlacht ist dabei das Stichwort, denn so kriegerisch wie der Film und das Distichon, so wurde es auch vor dem Krieg an deutschen Schulen gelehrt, um die Jugend anzustacheln. Und Böll beschreibt in Ich-Erzählung (Innerem Monolog) wie ein verwundeter Soldat in eine Schule, die nun Lazarett ist, gebracht wird.

Und während im so viele Dinge bekannt vorkommen in diesem Lazarett wird ihm langsam und langsam bewusst, dass er sich in genau der Schule in seinem kleinem Heimatort befindet, die er selbst vor wenigen Monaten verlassen hat, um in den Krieg zu ziehen. Das verwischte, kriegsverherrlichende Zitat Schillers (“Spa…” ironisch abgeschnitten, denn Spa ist eine Stadt in Belgien, das ja von den deutschen überfallen wurde) gibt ihm dabei letzte Gewissheit, denn er befindet sich im Zeichensaal und dort wurde eben dieses Zitat für Schreibübungen ausgewählt.

Und der Leser wartet und wartet auf die Diagnose, um dann festzustellen, dass der junge Mann keine Arme mehr und nur noch ein Bein hat. Und der Feuerwehrmann, der ihn bis zum Eintreffen des Arztes betreut hat, ist der alte Hausmeister seiner Schule, bei dem man in den großen Pausen seine Milch getrunken hat. Und der Kindersoldat bricht die Erzählung ab:

„Milch“, sagte ich leise…

Kaum in den Krieg hinausgezogen, schon liegt er wieder in seinem Heimatort, den Stätten seiner Kindheit, und ist darüberhinaus in den Zustand eines Säuglings versetzt, nicht fähig sich zu bewegen, um Milch flehend. Viel eindrucksvoller kann auf 8 Seiten keine Anti-Kriegs-Erzählung sein.

Dieses Buch ist mit weiteren Kurzgeschichten Heinrich Bölls als Taschenbuch für 9,00€ bei dtv erschienen.



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