Kampfabsage – Ilja Trojanow & Ranjit Hoskoté (2007)

Mit diesem Buch gehen die Sachbuchwochen, die ja auf Schoenerlesen.de offensichtlich schon vor Weihnachten eingebrochen sind, nun zu Ende. Versprochen. Außerdem ist diese Rezension der lebensechte Beweis dafür, dass ich Bücher, die ich geschenkt bekomme (in diesem Fall zum Geburtstag und nicht zu Weihnachten), tatsächlich auch lese UND schätze. Auch wenn ich oft viele andere Bücher nebenher lese und ob meiner Arbeit nur wenige wirklich zu Ende schaffe. Trotzdem schenkt mir mehr Bücher. Unter vielen geschenkten Büchern waren doch einige Perlen dabei, ohne die ich vielleicht nie dazu gekommen wäre, dieses Buch-Blog zu betreiben.

Ich muss jedoch vorneweg schicken (und das, obwohl ein Politik-Professor von mir immer sagte, man muss eine Theorie erst stark machen, bevor man sie zerpflückt, sonst wirkt das nicht! – und da hat er im übrigen Recht), dass diese Buch nun wirklich keine Perle im obigen Sinne ist. Neinnein, da stolperte ich schon weit am Anfang des Buches über eine falsche Erklärung wer denn Prometheus war (nein eben kein Olympier) – und das trübt die Glaubhaftigkeit aller anderer Informationen des Buches, die gar zahlreich sind, gewaltig. Das Buch Kampfabsage ist ein verspätetes Gegenwerk zu Samuel Huntingtons Kampf der Kulturen und resümiert im Subtitel “Kulturen bekämpfen sich nicht – sie fließen zusammen”.

Jaja, sie haben ja recht und so, eigentlich unstrittig. Da gibt es eine Menge Austausch und Kulturen und Religionen haben sich schon immer befruchtet und vermengt. Interessant ist die Betonung auf das Zusammenfließen übrigens auch bezüglich des aus der Mode gekommenen Begriffs des Multi-Kulti resp. Multikulti (wenn sich da auch noch die Grünen von distanzieren, wird es bald die ersten geben, die behaupten, so eine Idee habe es noch nie gegeben). Die Idee nämlich, dass fremde Kulturen eben räumlich zusammenleben und doch ihre Identität behalten können, wird hier vollends bestritten. Ich finde das ja eigentlich einen Aspekt, den man ein wenig wehleidiger darlegen könnte, aber Pustekuchen. Harte Realität laut Trojanow und Hoskoté: alles fließt und in diesem Fall zusammen. Man fragt sich natürlich schon, wo dann die ganzen Unterschiede herkommen, die man so tagtäglich auf den Straßen der Großstädte dieser Welt beobachten kann, und ob das nicht angesichts die Geschwindigkeitsteigerung und Informationspotenzierung auch unangehneme Folgen nach sich ziehen kann (Stichwort: Globalisierung). Geschenkt. Schenken tun sich die Autoren das auch. Da ist keine Perspektive, die sich abzeichnet und alles wirkt wenig zu Ende gedacht.

Zudem wirken viele Informationen einfach sehr stark dahin geworfen. Man merkt den Kapiteln deutlich an, welcher der beiden Autoren ihn denn gerade geschrieben hat. Da wird berichtet über das Zusammenfließen von Jüdischer (also zunächst polytheistischer) und iranischen Religionen (hauptsächlich der monotheistische Zoroastrismus) im babylonischen Exil. Das Zusammenleben der Juden und Christen unter muslimischer Herrschaft auf der iberischen Halbinsel über Jahrhunderte. Die Weiterentwicklung wichtiger philosophischer und kultureller Ansatze durch islamische Gelehrte, während des dunklen Mittelalters in Europa, und die Weiterentwicklung dieser islamischen Bearbeitungen durch Christen in der Renaissance, ohne dass die entsprechenden islamischen Gelehrten in späteren Jahrhunderten bis heute in ihrem Beitrag angemessen respektiert wurden. Dann sind da noch die vielen Kapitel über den Hinduismus, der sich heutzutage ja auch hat von Extremisten verblenden lassen, und dass obwohl viele der hinduistischen Götter ihren Ursprung in ganz anderen Religionen (auch der klassisch-griechischen) haben und durch Händler und Gastarbeiter ins Land gebracht wurden. Die Mitschuld der Briten am Desaster in Indien wird nur kurz thematisiert. Allesamt spannende Themen und nett aufbereitet, wenn – ja wenn da nicht die Quellen wären. Vieles kommt in einem etwas plaudernden Ton daher, und da fallen die kühnen Herleitungen doch etwas schwerer zu glauben. Quellenangaben – leider viel zu selten (und ich viel zu faul nach hinten zu blättern). Und wenn ich jetzt bei Perlentaucher (FAZ-Rezension vom 19.11.07) nachschlage, finde ich die gleiche Kritik, in viel komplizierteren Worten:

Diesen Versuch, statt Huntingtons “Kampf der Kulturen” ein Ineinanderfließen der Kulturen darzustellen, sieht Michael Jeismann als gescheitert an. Den beiden Autoren Ilija Trojanow und Ranjit Hoskote wirft Jeismann “unhistorisches” Vorgehen vor, wenn sie von muslimisch begründeten westlichen Werten schreiben. Dass die Autoren dabei auf die Binsenweisheit von der Wechselseitigkeit kultureller Einflüsse zurückgriffen, erscheint dem Rezensenten dabei eher unproblematisch, verglichen mit der von ihnen gewählten Argumentationsweise. Die nämlich, findet Jeismann, führt zu eben jener “Essentialisierung von ‘Kulturen’”, die zu widerlegen die Autoren angetreten sind. Das Resultat nennt Jeismann das Gegenteil einer politisch-historischen Kulturgeschichte und als solches unfruchtbar.

Dennoch, ich fand das Buch spannend zu lesen, weil es eine ganze Menge, leider nicht ganz so bewiesener, Zusammenhänge zwischen den Kulturen herauskramt und entstaubt. Wo unsere Wurzeln sind, da reichen die Wurzeln des Islam und des hinduismus schon lange hin. Zeit sich auf seine Wurzeln zu besinnen – aber doch bitte ohne Identitäten aufgeben zu müssen.

Dieses Buch ist aus dem Englischen von Heike Schlatterer übersetzt bei Heyne als Taschenbuch für 8,95€ erschienen.

19. Januar 2008 Sachbücher
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Kampf der Kulturen – Samuel P. Huntington (1996)

Francis Fukuyama, amerikanischer Politikwissenschaftler und Vorreiter der erzkonservativen Neocon-Bewegung, hat das Motto für einen Diskurs gesetzt, in dessen Kontext man auch das hier rezensierte Buch von Huntington lesen muss. Es lautet: “It’s the end of History”. Das Ende der Geschichtsschreibung angesichts des Zusammenbruchs des sozialistischen Blocks und dem damit verbundenen einzigen Übrigbleiben der kapitalistischen Märkte. Während Fukuyama mit seiner Theorie vom Ende der Geschichtsschreibung im teleologischen Sinne der weltweiten Demokratisierung nach dem Fall der Sowjetunion schwärmte, tätigte Huntington wie auch der amerikanische Politikberater Robert Kagan ( “Hören wir auf, so zu tun, als hätten Europäer und Amerikaner eine gemeinsame Weltsicht. Amerikaner sind vom Mars, Europäer sind von der Venus.”) eben die richtige Bemerkung, dass Geschichtsschreibung eben nicht am Ende ist.

Huntington selbst beschreibt in diesem streitbaren Buch einen Paradigmenwechsel, den wir so fast jeden Tag erleben. In einer sich globalisierenden und entgrenzenden Weltgesellschaft ist der Bezugspunkt vieler Menschen eben nicht Konsum, der ja durchaus in entgrenztem Sinne ohne Kultur auskommt, sondern vielmehr eine kulturelle Gemeinschaft, die ganz subjektiv definiert wird. Allerdings kann das Subjektive ja empirisch erfasst werden, so sein Denkfehler, und so zeichnet er amüsante Linien quer durch Europakarten – links der Westen, rechts der Osten. Da ist dann ein Teil von Rumänien und Serbien noch westlich, Griechenland und Bulgarien nicht. Auch die Landkarten der Ukraine, die er gesondert betrachtet, ist ganz spannend. Und in Mexiko soll es dasselbe Problem geben.

Klar kann man so argumentieren, auch wenn ich ihm die Detailgenauigkeit absprechen würde, sind ukrainische Wahlergebnisse mit der Ost-West-Spaltung ein Zeichen für ein regional (nicht zwingend kulturell) gespaltenes Land. Aber was ist denn mit deutschen Wahlergebnissen, wo katholischen Regionen eine deutliche CDU-Lastigkeit und evangelischen Regionen eine SPD-Lastigkeit nachgewiesen werden kann?

Der Westen so Huntington werde den Wettkampf mit den anderen Kulturkreisen verlieren (clash of civilizations), weil wir demographisch, ökonomisch und kulturell (er beschreibt dies mit dem Ausdruck Das Verblassen des Westens) zumindest gegen Asien, Indien und den islamischen Kulturkreis alt aussehen. Hört, hört: da ist uns also die islamische Kultur überlegen, weil sie mehr identitätsstiftende Elemente liefert. Eine gewagte These. Werden nicht vielmehr regionale Unterschiede in Ländern wie Ukraine, Mexiko, Jugoslawien und Türkei durch politische Eliten in kulturelle und damit identitätsstiftende Konflikte umzudeuten versucht, um einen persönlichen Nutzen daraus zu ziehen? Diese Fragen lässt das Buch auf knapp 600 Seiten unbeantwortet. Leider.

Weshalb sollte man dieses Buch also trotzdem lesen? Wie man oben lesen kann, ist es mir nicht gelungen auf diesem kurzen Platz eine ausführliche Kritik für dieses Werk zu formulieren. Dafür sollte man es lesen. Auch wenn es furchtbar sozialpädagogisch klingt: Jeder muss für sich Argumente gegen Huntington finden, denn in diesem Buch steckt eine ganze Menge Wahrheit, die eben nicht sein kann, weil sie nicht sein darf. Sich an diesem Buch intellektuell abzuarbeiten, anstatt es als ideologisch abzutun, ist eine enorme Herausforderung, der es sich zu stellen lohnt.

Dieses Buch ist bei Goldmann als Taschenbuch für 13,00€ erschienen.

29. Dezember 2007 Sachbücher
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