Wir – Jewgenij Samjatin (1920)

Es gibt Bücher die will man jahrelang lesen und kommt nicht dazu, dann geraten sie einem in Vergessenheit und tauchen ganz unvermittelt wieder auf. In meiner Jugend habe ich 1984 von George Orwell und Schöne neue Welt von Aldeous Huxley geradezu verschlungen und wollte das Dystopie-Triptychon mit dem Klassiker Wir von Jewgenij Samjatin abschließen. Das ist mir erst kürzlich gelungen. Ich tauschte Wir damals einfach duch Die Memoiren einer Überlebenden von Doris Lessing aus.

Ich, Nr. D-503, der Konstrukteur des Integral, ich bin nur einer der vielen Mathematiker des Einzigen Staates. Meine an Zahlen gewöhnte Feder vermag keine Musik aus Assonanzen und Rythmen zu schaffen. Ich kann nur das wiedergeben, was ich sehe, was ich denke, genauer gesagt, was WIR denken. WIR – das ist das richtige Wort, und deshalb sollen meine Aufzeichnungen den Titel WIR tragen.

Noch 12 Jahre vor Huxley schreibt also der junge Russe Samjatin, den visionären dystopischen Roman, der die aktuellen Entwicklungen seiner Zeit karikiert. Ich muss zugeben, die Art und Weise, wie Huxley die bionische Optimierung der Gesellschaft aufzeichnet erreicht der Roman Wir nicht, auch wenn der Fokus unter anderem durchaus auch auf die technische Weiterentwicklung der Gesellschaft liegt. Dennoch ist das Szenario, das Samjatin enttäuscht von der Oktoberrevolution formuliert, beeindruckend.

Menschen sind Nummern, sie alle Leben das gleiche Leben, tun zur selben Zeit die selben Dinge und Leben in Häusern aus Glas. Neben der sozialen Kontrolle gibt es auch noch Wächter, die auf die Einhaltung des Lebenszyklus achten. Das alles geschieht zur Ehre des “Einen Staates”, der aus einem mehrere Jahrhunderte währenden Weltkrieges hervorgegangen ist. Hier soll mit Logik und mathematischer Genauigkeit das Menschenleben in der Gesellschaft konstruiert werden. Alles andere ist Blasphemie.

Frühling. Aus der wilden, unbekannten Weite jenseits der Grünen Mauer weht der Wind gelben Bütenstaub herüber. Dieser süßliche Staub macht die Lippen trocken(…), alle Frauen, die mir begegnen, haben diese süßen Lippen (die Männer natürlich auch). Das verwirrt das logische Denken ein wenig.

Das hier der Kommunismus von seiner unmenschlichen Seite gezeigt wird ist nicht schwer zu erraten. Der Ich-Erzähler D-503, der dieses Buch als Aufzeichnungen für die Nachwelt in täglichen Eintragungen festhält, ist alles andere als ein Zweifler. Er ist der Konstrukteur des “Integral” – einer Rakete, die bald zum ersten Mal einen Menschen ins Weltall schießen soll. Er genießt dadurch keine Privilegien, doch das komplizierte Zwischenmenschliche kommt ihn in Form einer S-Frau in die Quere. Normalerweise bekommen Bürger des Einen Staates Tickets die Sie gegen Geschlechtsverkehr eintauschen können. Die Anzahl der Tickets richtet sich nach ihrer zuvor bestimmten Libido und der Partner wird mit einem solchen Ticket “abonniert”. Doch D-503 lernt auf einmal zu begehren. Dass das ganze kein individualistisches Erwachen, sondern ein organisierter subversiver Akt ist, bemerkt er jedoch viel zu spät.

Samjatin ist ein Visionär. Im Gegensatz zu Huxley später, ist sein Fortschritt wirklich düster. Eigentlich steht Huxley, auch wenn er sich vieles von Samjatin abschaute (die Reservate mit den Eingeborenen zum Beispiel), nicht in seiner Tradition. Erst George Orwell (auch ihr mit vielen Entlehnungen wie dem Großen Bruder und der Folterkammer) nimmt den Faden wieder auf. Samjatin und Orwell beschreiben beide gescheiterte kommunistische Regimes, die an ihrer Unmenschlichkeit letztendlich zerbrechen müssen. Oder es zumindest sollten.

Ich habe es mir zur Pflicht gemacht, in meinen Aufzeichnungen nichts zu verschweigen. Darum muss ich an dieser Stelle bemerken – so betrüblich es auch ist -, dass selbst in unserem Staat der Prozess der Verhärtung, der Kristallisation des Lebens noch nicht abgeschlossen ist. Wir sind noch einige Schritte von Ideal entfernt. Das Ideal ist dort, wo nichts mehr geschieht (das ist klar), bei uns hingegen … Was sagen Sie dazu: Heute las ich in der Staatszeitung, dass übermorgen der Tag der Gerechtigkeit auf dem Platz des Würfels stattfindet. Also hat wieder irgendeine Nummer den Lauf der großen Staatsmaschine gehemmt, wieder ist etwas Unvorhergesehenes geschehen, nicht Vorausrechenbares geschehen.

Keine einfache Kost, etwas dröge zwischendurch, aber ein Meilenstein politischer Literatur. Samjatin, der einer der führenden Kulturschaffenden der Oktoberrevolution und der Bolschewiki überhaupt war, wurde, als der Roman nach Jahren auch auf russisch erschien, stark angefeindet und konnte nur, weil Stalin ein guter Bekannter war auf seine Ausweisung hoffen. Er starb noch vor dem Zweiten Weltkrieg im Exil in Paris.

Dieses Buch ist derzeit schwierig zu bekommen, aber bei Amazon hat man eigentlich immer auch gute gebrauchte Versionen.

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26. November 2011 Belletristik, Science Fiction
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Buchempfehlung von Jan Schuster

Eine Jugend in Deutschland – Ernst Toller (1936)

Eine Jugend in Deutschland - Ernst Toller
Ich lernte den Schriftsteller Ernst Toller kennen, da war ich gerade einmal 17 Jahre alt uns suchte Anti-Kriegsgedichte für meine Kriegsdienstverweigerung. Und da gab es ein Gedicht namens “Leichen im Priesterwald”, das mich mit seiner Verzweiflung des Schlachtfeldes stark berührte. Jahre später vertonte ich mit meiner Punkbank dieses höchst unverdauliche und unrhythmische Gedicht. Ich bin mir nicht sicher, ob man es zum Surrealismus, Expressionismus oder als eine Art Neo-Realismus bezeichnen soll.

Jedenfalls habe ich gewusst Ernst Toller ist ein linker Schriftsteller, der – wie so viele – im Ersten Weltkrieg seine Anti-Kriegshaltung gewann, und dass er in Haft war während der Weimarer Republik, und dass er früh starb. Er starb im amerikanischen Exil per Selbstmord und man sagt er habe schon jahrelang auf jede seiner Reisen eine Strick mitgenommen.

Ich war nie allein in den letzten 5 Jahren, in der trostlosen Verlassenheit nie allein. Die Sonne hat mich getröstet und der Mond, Wind, der über eine Pfütze strich und sie wellte zu fliehenden Kreisen, Gras, das im Frühjahr wuchs zwischen Steinen des Hofs, ein guter Blick, ein Gruß geliebter Menschen, Freundschaft der Kameraden, der Glaube an eine Welt der Gerechtigkeit, der Freiheit, der Menschlichkeit, an eine Welt ohne Angst und ohne Hunger.
Ich bin dreißig Jahre.
Mein Haar wird grau.
Ich bin nicht müde.

Dass dieser Ernst Toller deutsche Geschichte geschrieben hat, wusste ich bis vor ein paar Wochen nicht. Aber Toller schrieb während seines 5-jährigen Gefängnisaufenthalts als politischer Häftling im Alter von 30 Jahren eine Autobiographie – und die ist unfassbar mitreißend. Natürlich sind auch die fünf Jahre Gefangenschaft eindrucksvoll, doch die 25 Jahre zuvor fast umso mehr.

Ernst Toller wuchs in Samotschin (heute Polen) auf in einer wohlhabenden jüdischen Familie. Er war Ausgrenzer (gegen die Kinder der Arbeiter und Armen) und Ausgegrenzter (als Jude), soch die materielle Sicherheit seiner Lebensumstände ließen ihn alles mit spielerischer Leichtigkeit erleben. Er geht nach Grenoble (Frankreich) um dort zu studieren. Doch dann bricht der erste Weltkrieg aus. Obwohl er noch auf pazifistischen Demonstartionen der Arbeiterklasse in Grenoble teilgenommen hatte, flieht er nach Deutschland und meldet sich gleich als Kriegsfreiwilliger. Doch die Deutschen halten die Rückkehrer für potentielle Spione. Als Toller an die Front kommt, erlebt er das Leiden der Soldaten. Hier entstehet auch “Leichen im Priesterwald”. Der Priesterwald war eine der blutigsten Kriegsgegenden in Frankreich.

1916/17 kann Toller dem Krieg entgehen – als Kriegsverweigerer verbringt er mehrere Monate im Zuchthaus – und bringt sich aktiv in die Schriftsteller Szene ein. Die jungen Schriftsteller suchen einen politischen Führer, doch da ist keiner, der sich gegen die kaiserliche Kriegspolitik und das Leid der Jugend Europas erheben will.

Als in Deutschland die Revolution ausbricht ist Toller an vorderster Front dabei und er ist politisch ein gefragter Mann und ist drauf und dran zu einem der wenigen politisch unabhängigen Linken zu werden. Und dann bricht in München die richtige Revoltion los – die Münchner Räterepublik entsteht und Toller ist einer der großen Köpfe. Er schildert wie Inkompetenz und gegenseitige Zwistigkeiten und Feindschaften den Untergang schon früh besiegeln. Allerdings ist es auch unfassbar mit welcher Hingabe und welcher Menschenliebe sich überall Soldaten- und Arbeiterräte bilden. Die Sozialdemokraten (von Toller konsquent Rechtssozialisten genannt) verraten die revolutionäre Sache. Dem Chaos und der äußeren militärischen Bedrohung der Freikorps und der Gegenregierung im Bamberg werden die Räte und Komissionen nicht Herr. Toller engagiert sich auf verschiedensten Positionen, wird gar zum General der revolutionären Rotgardisten.
Mitte: Max Weber, rechts davon Ernst TollerAls die weißen Regierungstruppen eintreffen muss er fliehen. Mehere Wochen kann er sich versteckt halten. In der Zwischenzeit gab es tausende standrechtlicher Erschießungen, die Medien hetzen gegen die Sozialisten. Als Toller auffliegt sind die schlimmsten Misshandlungen zwar schon vorbei, aber er war die Nummer Zwei der gesuchten Personen. Es findet ein Schauprozess statt, die Richter sind noch vom Kaiser benannt. Welche Verfassung haben die Revolutionäre eigentlich umzustürzen versucht? Die kaiserliche war nicht mehr gültig, eine neue gab es noch nicht. Die Liste seiner Füsprecher vor Gericht ist lang und prominent: sein Freund Thomas Mann spricht, Rainer Maria Rilke, Max Weber setzt sich für ihn ein, Hugo Haase ist sein Verteidiger.

Toller wird zu 5 Jahren verurteilt, dort schreibt er seine größten Werke (z. B. Masse Mensch, Das Schwalbenbuch). Eine Amnestie, die der Reichstag nach dem Tod Walther Rathenaus ausspricht findet überall in Deutschland Anwendung – nur nicht in Bayern, die sich gegen das Reichsgesetz wehren. Hier werden die Gefangenen weiter misshandelt, da ist keine Hoffnung.

Währedndessen schwingt sich ein Adolf Hitler in Deutschland auf. Selten bekommen die politischen Häftlinge eine Zeitung zu lesen. Der Autobiogrfie ist noch ein Vorwort angehängt, das Toller 1933 geschrieben hat.

Wer den Zusammenbruch von 1933 begreifen will, muss die Ereignisse der Jahre 1918 und 1919 in Deutschland kennen, von denen ich hier erzähle.

Schreibt er. Das Buch erscheint noch 1933 im Exil in Amsterdam.

Die Sprache der ersten Kapitel ist so frohgemut, liest man das Vowort nicht, man könnte es glatt für den Vorläufer eines Andreas Mand halten. Aus anekdotenhaften Beschreibung der Jugend Tollers entwickelt sich ein Wunderbuch der Zeitgeschichte. Ohne Pathos. Lesebefehl für jeden der sich wirklich mit der Geschichte Deutschlands beschäftigen will.
Eine Jugend in Deutschland ist derzeit als Hardcover bei Anaconda für 2,99 € zu erhalten.

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