Morenga – Uwe Timm (1978)

Lesen hat auch immer etwas mit Bildung zu tun und auch “bildende” fiktionale Romane können herausfordern und gleichzeitig aber auch Spass machen.
Ich habe Timms Morenga im Rahmen des Studiums gelesen und ich bin mir sicher, dass ich es wahrscheinlich nie in einem anderen Kontext gelesen hätte, was schade ist, da das Buch für den interessierten Leser wirklich lesenswert ist.

Aber erst einmal zurück:
Frühjahr 1904, den jungen Veterinär Gottschalk zieht es wie so viele seiner Zeitgenossen in die Ferne. Warum nicht Südwestafrika? Schließlich ist das “Terra Nova” und Deutschlands kleines Stück vom Kuchen des Kolonialismus.
In Südwest angekommen sieht sich Gottschalk einerseits mit dem brutal-imperialistischen Gestus sowie dem Rassismus der deutschen Schutztruppler konfrontiert, andererseits zeigt er sich, nicht zuletzt durch den Anstoß seines verkappt anarchistischen Kollegen Wenstrup, angezogen von der fremdartig-faszinierenden Kultur der dort lebenden Nama und Dama-Stämme (früher Hottentotten genannt).
Immer tiefergreifender gehen seine Gedanken und seine Zweifel zum Vorgehen der Deutschen. Was läuft bloß schief in Südwest?

Es handelt sich also um einen historischen Roman über eine Vergangenheit Deutschlands, die leider viel zu oft im Schatten des Nationalsozialismus verschwindet: deutscher Kolonialismus in Afrika und dem wahrscheinlich erstem Völkermord des deutschen Reiches.

Nicht zuletzt die postmoderne Struktur des Romans trägt zu seinem Gelingen bei. Textsorten werden bunt gemischt und in Montagetechnik nebeneinandergestellt. Fantastischer Realismus vermischt sich mit scheinbar historischen Fakten, authentischen Dokumenten und wissenschaftlichen Abhandlungen. Handlungsstränge und Erzählebenen kommen auf und verschwinden wieder, stehen autonom nebeneinander und sind doch verbunden. Timm muss eine wahnsinnige Recherche betrieben haben, um all die Informationen zusammenzutragen.

Die Erzählposition ist und bleibt aber deutsch. Timm selbst sagte später: “Einfühlungsästhetik wäre selbst ein kolonialer Akt.”
Aus neokolonialistischer Sicht war diese Beschränkung das beste, was Timm hätte machen können, narratologisch hat er sich nicht auf dünnes Eis begeben.

Natürlich muss “Morenga” auch kontextuell gelesen werden. Dass Timm 68er ist, stellt kein Geheimnis dar. Nichtdestotrotz finde ich das Buch keinesfalls ideologisch.

Insgesamt ein meisterliches Werk, welches nicht nur wegen der erzählerischen Brillianz der wissenschaftlichen Beschäftigung wirklich wert ist.
Durch die Montage der Kapitel bietet das Buch viel Stoff zum Nachdenken, nicht nur für Geschichtsinteressierte. Auch wenn die Spannung vielleicht etwas zu kurz kommt (machte mir gar nichts aus, es ist schließlich kein Kriminalroman), die feinsinnig und einfühlsamen Episoden, die lebendigen Figuren, die leichte Ironie, die narratologischen Kniffe und der von Zeit zu Zeit aufblitzende Humor machen “Morenga” zu einem Roman der Höhenkammliteratur.

Dieses Buch ist als dtv-Taschenbuch für 10,90€ erschienen.

6. Dezember 2008 Belletristik
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Buchempfehlung von Florian Sänger

Die Kathedrale der Erinnerung – Jack Dann (1995)

Ich kann mich an kein Buch erinnern, dass ich in meiner Jugendzeit gelesen hab, welches mehr Seiten hat als dieses. Jetzt muss man dazu sagen, dass ich ein absoluter Lesemuffel war und ehrlich gesagt auch immer noch bin. (Wie das bei einem graduierten Germanisten geht, verrate ich ich nicht.) Wieso habe ich mich durch diese über 700 Seiten eben nicht durchgequält, sondern sie wirklich gelesen?

Das Buch beschreibt die faszinierende Biographie des Leonardo da Vinci, dem als Querdenker und Wissensbegieriger das Florenz der Medici viel zu eng ist. Er ist getrieben von Neugier und seiner Liebe zur schönen Ginerva, doch eine tragische Wendung führt ihn bis an den Rand der bekannten Welt und darüber hinaus. Seine Erinnerungen sind ein multikultureller Erfahrungsschatz aus dem noch Jahrhunderte später im rückständigen Europa Zukunft geschöpft werden sollte.

Das ganze funktioniert dann im Aufbau tatsächlich so ein bisschen wie Dan Brown – nur halt ohne große, böse Verschwörung. Stattdessen eben mit der Phantasie eine der faszinierensten Vitas der modernen europäischen Geschichtsschreibung weiterzudenken. Wer dieses Buch gelesen hat, braucht keinen Medicus und ähnliche Romane. Jack Dann hat den historisierenden Roman für mich mit diesem Werk festgesteckt. An ihm führt im meinem Bewertungssystem historischer Romane kein Weg vorbei, und das, obwohl es nur pseudo-historisch ist.

Dieses Buch ist bei Bastei-Lübbe broschiert für 6,00€ erhältlich.

8. November 2008 Belletristik, Neueste Literatur
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Buchempfehlung von Jan Schuster
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