Das siebte Kreuz – Anna Seghers (1942)

1938: Anna Seghers sitzt im südfranzösischen Exil und beginnt einen Roman, der das Grauen beschreibt, welches sich zeitgleich in ihrer Heimat abspielt. Die Gebürtige Mainzerin schreibt über die ersten Konzentrationslager in Deutschland. Es ist eine fiktive Geschichte, die sie erzählt – das muss man dazu sagen, weil es ja in der heutigen Soldat-James-Ryan-Authentizität-Zeit. Die Handlung spielt mangels Recherche-Möglichkeiten an den Orten, die sie kennt: im Großraum Rhein-Main, was es für mich natürlich subjektiv noch fesselnder macht.

Vielleicht sind in unserem Land noch nie so seltsame Bäume gefällt worden wie die sieben Platanen auf der Schmalseite der Baracke III. Ihre Kronen waren schon früher gekuppt worden aus einem Anlaß, den man später erfahren wird. In Schulterhöhe waren gegen die Stämme Querbretter genagelt, so daß die Platanen von weitem sieben Kreuzen glichen.

Im Jahre 1937 ist die politische Linke in Deutschland geknechtet und zum Großteil in Konzentrationslagern deputiert worden. Georg Heisler gelingt es mit sechs Mitgefangenen aus dem fiktiven Lager “Westhofen” bei Worms zu fliehen. Der Lagerkommandant befiehlt die Entflohenen innerhalb von 7 Tagen zu fangen und lässt für jeden einen Kreuz aufstellen. Ohne viel vorweg zu nehmen – der Titel deutet es ja eh an – eines wird leer bleiben. Seghers fühlt sich dem sozialistischen Realismus verpflichtet, da geht es nicht um irgendwelche Mindfucks oder überraschende Wendungen. Der Roman will aufklären, belehren, darstellen und wirkt manchmal fast wie ein Drama Brecht’schen Ausmaßes.

Die Handlung ist daher auch schlicht konstruiert. Alle sieben Flüchtigen stehen mit ihren unterschiedlichen Berufen und Biographien für verschiedene Soziale Milieus und Geisteshaltungen im Nationalsozialismus. Und es ist auch kein Wunder, dass gerade der Kommunist Georg Heisler die siebentägige Flucht gelingt. Denn er kann sich auf Freunde und ein Netzwerk der sozialistischen Bewegung, aber auch auf gutwillige politisch nicht engagierte Deutsche verlassen. Aus Worms fleiht er Richtung Mainz, will nach Frankfurt gelangen. Dadurch, dass ich viele Orte selbst kenne, wirkt der ganze Roman trotz des pädagogischen Zeigerfingers für mich hyperreal. Carl Zuckmayer hat über Das siebte Kreuz treffenderweise gesagt:

Es ist das einzige epische Werk der gesamten deutschen Exilliteratur, in dem nicht nur mit gerechtem Zorn Partei genommen wird, sondern – aus der Ferne – ein menschlich glaubhaftes Bild des verfinsterten Deutschland gelungen ist.

Wenn man mal den abgegriffenen und falschen Ansatz wählt und fragt: was wollte die Autorin uns damit sagen? (Denn sie wollte uns damit etwas sagen.) Dann kommt man relativ schnell zu dem einfachen Schluss, dass sie der Welt zeigen wollte, dass das nationalsozialistische System verletzbar ist. Noch während des Krieges gab es Übersetzungen in zahlreiche Sprachen. In den USA – dort wo Seghers letzendlich ihr Exil fand und der Roman erstmals in enlgischer, spanischer und deutscher Sprache erschien – kam noch im gleichen Jahr ein Comic (!) zum Buch heraus. Die internationale Rezeptionsgeschichte ist für deutsche Exilliteratur wenn nicht einmalig so doch herausragend. Es ist – auch international – ein gutes Stück Literaturgeschichte, dass sich da auf gut 400 Seiten quasi vor der Haustür vor einem ausbreitet.

Im Prinzip ist das Buch auch klassische Schullektüre … in der DDR gewesen. Ich habe diesen Wälzer tatsächlich ohne Not uns aus freien Stücken während des Studiums relativ flott durchgelesen und es nicht bereut. Als Stück deutsche Geschichte (antifaschistischer Widerstand und sozialistische Wirkungsgeschichte) hat es sogar in den ein oder anderen Literaturkanon geschafft.

Das siebte Kreuz ist derzeit als Taschenbuch bei Aufbau Verlag für 8,50 € zu erhalten.

Weitere Blog-Rezensionen:

25. Juli 2010 Belletristik
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Buchempfehlung von Jan Schuster

Die Vermessung der Welt – Daniel Kehlmann (2005)

Nun habe ich den absoluten Bestseller-Roman doch noch gelesen. Ich hatte es mir ja immer vorgenommen und im November hat sich jemand ich anlässlich meines Geburtstages erbarmt mir das Buch zu schenken auch auf das – zugegeben – recht hohe Risiko hin, dass ich es schon gelsen hatte. In 2 Wochen habe ich mich durch das Buch gewühlt und mich sehr wohl dabei gefühlt. Vielleicht etwas zu wohl? Die etwas sperrige Wortwahl und der (hypotaktische) Satzbau haben irritiert aber nicht gestört. Der Disharmonie der Akteure und Handlungsorte harmonierte. Und am Ende mischte sich unter das Gefühl gut unterhalten worden zu sein ein bisschen eine gewisse Belanglosigkeit.

Doch nochmal zurück. Daniel Kehlmann beschreibt eine Doppelbiographie zweier deutscher Naturforscher und Geographen, die zeitgleich lebten und wirkten – Carl Friedrich Gauß (1777–1855) und Alexander von Humboldt (1769–1859). Beide gingen ihre Naturforschungen aus den verschiedensten Gründen an. Einer aus gut bürgerlicher Familie der andere ein Wunderkind aus dem Arbeitermilieu. Der eine polyglott, reise- und abenteuerlustig, der andere sesshaft, stet und Reisestrapazen schon früh überdrüssig. Einer vermisst die Welt voller Lust und Tatendrang der andere muss dazu genötigt werden.

Im September 1828 verließ der größte Mathematiker des Landes zum erstenmal seit Jahren seine Heimatstadt, um am Deutschen Naturforscherkongreß in Berlin teilzunehmen. Selbstverständlich wollte er nicht dorthin. Monatelang hatte er sich geweigert, aber Alexander von Humboldt war hartnäckig geblieben, bis er in einem schwachen Moment und in der Hoffnung, der Tag käme nie, zugesagt hatte.

So verschieden und doch so ähnlich sind sie sich wiederum. So welt- und menschenfremd. Keine menschlichen Kontakte funktionieren, Gefühle können nur gespielt, nicht aber gefühlt werden.Aber was bleibt von diesem Roman, der mich zunächst etwas ratlos zurückgelassen hat?

Ich habe mir jetzt einige Wochen Zeit gelassen für die Rezension und sehe vor allem Faszinosa (wenn man das so schreibt). Zunächst das Altern zweier Kauze oder Savants oder wie auch immer, die sich in ihrer späten Jugend zu wissenschaftlichen und abenteuerlichen Höchstleistungen begeben um danach subjektiv nur noch abzubauen. Und dann ist das Buch noch eines über das Deutschsein. Während Humboldt in der neuen Welt auf Gabriel Maria Marquez’ Macondo trifft und sich daraus eine erzählerische Melange eines deutschem magischen Realismus entsteht, agiert Gauß hilflos in einem deutschen Vaterland zwischen Napoleon, Hannover und Preußen – zwischen Kleinstaaterei und Großmachtsanspruch. Das ist natürlich schon spannend zu beobachten.

Dieses Buch ist in der als Taschenbuch bei Rowohlt für 9,95€ erschienen.

24. Januar 2009 Belletristik, Neueste Literatur
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