Die verlorene Ehre der Katharina Blum – Heinrich Böll (1974)

Es gibt nicht wenige, die behaupten Heinrich Böll hätte niemals den Literaturnobelpreis gewinnen dürfen. Da gehören wichtige Literaturkritiker dazu und auch einer meiner Literaturprofs, den ich ja schon häufiger erwähnte. Sein Werk wirkt rückblickend so profan, seine Erzählweise ist nicht originell, alles an ihm ist etwas dröge. (Nicht zuletzt auch seine Buchtitel.) Ich hielt Böll immer zwei Bücher zu Gute: Ansichten eines Clowns und Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder Wie Gewalt entstehen und wo sie hinführen kann – so der vollständige Titel. (Der Roman Gruppenbild mit Dame ist zum Beispiel viel, viel anstrengender.)

Personen und Handlungen dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit der Praktiken der “Bild”-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.

Das literarische Werk Bölls ist eine Abrechnung. Seine Gegner sind deren drei: die verlogene Nachkriegsgesellschaft, die katholische Kirche und die Bild-Zeitung. Letztere wird in diesem Buch, das zwei Jahre nach seiner Nobelpreis-Ehrung erscheint, im Kontext der Berichterstattung der Bild-Zeitung über die Gewalt in der 1970er Jahren erörtert. In einem Interview äußerte Böll im selben Jahr: „Die Gewalt von Worten kann manchmal schlimmer sein als die von Ohrfeigen und Pistolen.“ Und unter diesem Motto auch die Erzählung von Katharina Blum.

Die 27-jährige Haushälterin Blum lernt auf einer Party Ludwig Götten kennen und verliebt sich. Gemeinsam verbringen sie die Nacht bei ihr. Doch Götten wird eines Banküberfalls und Mordes verdächtigt und beschattet. So gerät Katharina Blum in das Blickfeld der Polizei, die ihre Wohnung stürmt, nachdem sie Götten zur Flucht verholfen hat. Der Vorwurf des Banküberfalls stellt sich später als falsch heraus, aber da hat das Unheil schon längst seinen Lauf genommen. Die ZEITUNG vorverurteilt  Ludwig Götten und schreibt über das “Flittchen” Katharina Blum. Sie behauptet, die beiden hätten sich schon Jahre gekannt und die junge Frau sei Mittäterin. Die Aussagenverfälschungen und Gemeinheiten der ZEITUNG-Reporter nehemen ebenso wie die hasserfüllten Anrufe und Zuschriften immer mehr zu. Katharina Blum verabredet sich mit dem verantwortlichen ZEITUNG-Reporter Werner Tötgens und tötet ihn. Dann stellt sie sich der Polizei.

Man merkt schon: einfacher Plot, einfache Anklage. Aber die Erzählstruktur ist gar nicht so unkomplex. Böll imitiert einen Erzähler des “guten” Journalismus, der versucht, die tatsächlichen Ereignisse zu rekonstruieren, Quellen recherchiert und benennt. Diese Hermeneutik des Erzählens steht also im krassen Widerspruch zur Handlung. Was jetzt den größeren Reiz ausmacht. Vermutlich doch eher der Plot. Die Wirkungsgeschichte ist jedenfalls so gewaltig, dass man sich die gut hundert Seiten auf jeden Fall mal zu Gemüte führen sollte.

Die verlorene Ehre der Katharina Blum ist bei dtv als Taschenbuch für 5,90€ erschienen.

Lenz – Georg Büchner (1839)

Germanisten nehmen es ja – mir bis heute ziemlich unverständlich – mit Gattungen ganz genau. Ich sitze also in meiner letzten, mündlichen Magisterprüfung, eines meiner 6 Prüfungsthemen “Georg Büchner”, halte den Anfang von Lenz in der Hand, habe schon angefangen ihn poetologisch und ästhetisch auseinanderzunehmen, da pfeift mich mein Prof zurück, wie man denn die Gattung beschreiben könne. Ich, um einen Scherz bemüht: “Fragment”. Das hat leider nicht gewirkt. An dieser Stelle musste ich dann mindestens zwei Definitionen der Gattung Novelle explizieren, weil dies natürlich keine ist. *würg*

Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg.

Ein Buchanfang für die Ewigkeit. Es ist mir unerklärlich wie man einen derart schönen Text mit einer Gattungsdiskussion belegen kann. Selbst in einer Magisterprüfung nicht, schon gar nicht, wenn man weiß, dass man sich am Ende zähneknirschend auf das nichtssagende (fragmentarische) Erzählung einigen muss, weil eine Novelle nach Goethe ja etwas Unerhörtes erzählt und die Leidensgeschichte des Sturm-und-Drang-Autoren Jakob Michael Reinhold Lenz auch Dank eines Berichts und Psychograms des Pfarrers Johann Friedrich Oberlin nicht unbekannt war und ist. Unbefriedigend für alle Beteiligten. Dabei ist es die Ästhetik, die einen schon auf den ersten anderthalb Seiten des Reclam-Heftchens in Beschlag nimmt. Es ist die Naturwerdung eines Menschen, der sich seinem Wahn hingibt und durch einen Wald stürzt auf der Suche nach Heilung, nach Abgeschiedenheit, Erlösung und sich selbst. Und er wird sie nicht finden.

Es war ihm alles so klein, so nahe, so naß; er hätte die Erde hinter den Ofen setzen mögen. Er begriff nicht, daß er so viel Zeit brauchte, um einen Abhang hinunterzuklimmen, einen fernen Punkt zu erreichen; er meinte, er müsse alles mit ein paar Schritten ausmessen können. Nur manchmal, wenn der Sturm das Gewölk in die Täler warf und es den Wald herauf dampfte, und die Stimmen an den Felsen wach wurden, bald wie fern verhallende Donner und dann gewaltig heranbrausten, in Tönen, als wollten sie in ihrem wilden Jubel die Erde besinnen, und die Wolken wie wilde, wiehernde Rosse heransprengten, und der Sonnenschein dazwischen durchging und kam und sein blitzendes Schwert an den Schneeflächen zog, so daß ein helles, blendendes Licht über die Gipfel in die Täler schnitt; oder wenn der Sturm das Gewölk abwärts trieb und einen lichtblauen See hineinriß und dann der Wind verhallte und tief unten aus den Schluchten, aus den Wipfeln der Tannen wie ein Wiegenlied und Glockengeläute heraufsummte, und am tiefen Blau ein leises Rot hinaufklomm und kleine Wölkchen auf silbernen Flügeln durchzogen, und alle Berggipfel, scharf und fest, weit über das Land hin glänzten und blitzten riß es ihm in der Brust, er stand, keuchend, den Leib vorwärts gebogen, Augen und Mund weit offen, er meinte, er müsse den Sturm in sich ziehen, alles in sich fassen, er dehnte sich aus und lag über der Erde, er wühlte sich in das All hinein, es war eine Lust, die ihm wehe tat; oder er stand still und legte das Haupt ins Moos und schloß die Augen halb, und dann zog es weit von ihm, die Erde wich unter ihm, sie wurde klein wie ein wandelnder Stern und tauchte sich in einen brausenden Strom, der seine klare Flut unter ihm zog.

Das ist so unfassbar lyrisch arrangiert. Mit falschen Allegorien und Metaphern durchsetzt, die vom Autor bewusst gebrochen werden, und für eine Unruhe beim lesen sorgen, die eine – oder zumindest mich mitreist. Zugegeben: das sprachliche und Intensität-Niveau der ersten Absätze kann Büchner natürlich nicht halten, denn auch in kurzen Erzählungen gibt es eben Erzählrythmen, aber die Verzweiflung eines Intellektuellen wurde zuvor nie so authentisch und belebt beschrieben wie in diesem Werk.

Achja, und der Vollständigkeit halber: Natürlich ist Lenz ein Fragment posthum aus seinem Nachlass veröffentlicht. Allein der Anfang lässt schon vermuten, dass womöglich eine Fassung existierte oder am Ende existieren sollte, die chronologisch-dokumentarischer aufgebaut war/ist. Die Büchner-Forschung ist hier ganz gut zerstritten. Aber so sind sie halt, die Germanisten.

Georg Büchners Lenz ist bei Reclam mit dem Hessischen Landboten für 1,60€ erschienen.



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