Die Geschichte der Deutschen – Wilhelm von Sternburg (2005)

Der Campus Verlag, für den ich ja mal kurz praktiziert habe, hat eine Reihe von Jugendbüchern ins Leben gerufen, die wundervoll verdichtet und doch unglaublich anschaulich Geschichte erzählt. Und das erstaunlichste daran ist, dass sich diese Bücher auch als Erwachsener immernoch gut lesen lassen. Und das ist tatsächlich ein wenig mehr als nur ein Auffrischen von Wissen und Erinnerungen. Da ich nicht die ganze Serie vorstellen will, konzentriere ich mich auf das erste Buc, das sich – klar – mit der Geschichte der Deutschen befasst.

Gut, ich muss zugeben ich bin ein wenig voreingenommen. Das Nachfolgebuch Cowboys, Gott und Coca-Cola – Die Geschichte der USA habe ich immerhin mitlektoriert, aber als ich nach Ende des – wie immer im Verlagswesen – unbezahlten Praktikums einen Büchergutschein von Büchern des Campus Verlags bekommen habe, war dieses Buch eines der ersten die auf meiner Wunschliste standen. Warum? Ich glaube es liegt tatsächlich nicht nur am Text allein, sondern auch an der Aufmachung und der Illustration. Das Buch ist in Leinen gebunden, was schon mal toll ist und ein großartiges Lesegefühl vermittelt und die Illustrationen, die irgendwie zwischen Comic und Kollage schwanken, sind tatsächlich künstlerisch anspruchsvoll und zugleich treffend.

Zudem ist das Buch eben nicht chronologisch, sondern ausschweifend und setzt auch konsequenterweise auf zahlreiche Exkurse zu wichtigen und markanten Persönlichkeiten der deutschen Geschichte (z.B. Martin Luther, August Bebel, Rudi Dutschke). Die sind dann teilweise 2-3 Seiten lang. Und dass, obwohl Wilhelm von Sternburg ja auf 300 Seiten die deutsche Geschichte von den Kelten und Germanen bis zur Wiedervereinigung erzählen muss. Eigentlich ist da ja nicht viel Platz, sollte man meinen.

Was das Buch nicht hat, sind zitierfähige Passagen, die man hier mal kurz einwerfen könnte. Deshalb blättere ich ganz ans Ende des Buches und schließe mit dem Fazit, dass Wilhelm von Sternburg zieht und die gleichsam mit einer Anspielung auf die Rezension von letzter Woche beginnt:

Geschichte kennt kein Ende. Auch die Krise unserer Tage ist ein Zeichen tiefer Umbrüche, wie sie immer wieder bei den großen Epochenumbrüchen der Weltgeschichte sichtbar werden. Das Schlagwort von der Einen Welt hat ein neues Gewicht erhalten. Handel und Industrie, Finanzpolitik und Börsenspekulationen haben nicht nur zu einer Globalisierung der Wirtschaft, sondern auch zu der Globalisierung der Krise geführt. Die wichtigste Aufgabe der Politik wird es zweifellos werden, die Herrschaft der Ökonomie zu brechen. (…)

Wir wissen es: Aus der Geschichte zu lernen, ist eine schwierige Sache. Jede Zeit stellt ihre Forderungen. Alles ist immer offen. Die Menschen entscheiden über ihr Schicksal und nicht irgendwelche anonymen Mächte. Die Deutschen haben über viele Jahrhunderte hinweg nicht ohne Selbstmitleid alle Krisen und Kriege, Niederlagen und Demütigungen auf die “anderen” geschoben. (…) Frieden hat es in Europa erst gegeben, als die nationale Engstirnigkeit überwunden war. Wo das nicht geschah, starben wieder Menschen im Krieg. Die deutschen Beiträge zu einem gemeinsamen Europa sind beachtlich gewesen. Es waren Schritte, die auch ihre Republik stabilisiert haben. Aber um den Erhalt der Demokratie müssen die Bürger immer kämpfen. Das gilt für jede Generation.

Achja, jetzt bleibt natürlich irgendwie die Frage offen, für welche Altersstufe dieses Jugendbuch denn geeignet ist. Das ist schwierig für mich zu beantworten. Ich glaube mit 15-16 hätte ich es verschlungen, aber wie gesagt, das habe ich mit 25-26 ja auch…

Dieses Buch ist bei Campus in Leinen gebunden für 19,90€ erschienen.

6. Januar 2008 Sachbücher
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Buchempfehlung von Jan Schuster

Faserland – Christian Kracht (1995)

Also, es fängt damit an, daß ich bei Fisch-Gosch in List auf Sylt stehe und ein Jever aus der Flasche trinke. Fisch-Gosch, das ist eine Fischbude, die deswegen so berühmt ist, weil sie die nördlichste Fischbude Deutschlands ist. Am oberen Zipfel von Sylt steht sie, direkt am Meer, und man denkt, da käme jetzt eine Grenze, aber in Wirklichkeit ist da bloß eine Fischbude.

Also, es fängt damit an, dass ich in Finnland sitze, in meinem Studentenwohnheim umgeben von finnischem Wald. Man meint da müssten Studenten wohnen, oder zumindest welche, die Englisch sprechen, aber da sind nur verschlossene Türen, viel Zeit also um die Seminare nach Rückkehr aus dem Erasmus-Semestern zu planen, unter anderem ein Pop-Literatur Seminar, zu dem ich mir dann die Bücher per Ebay ersteigerte und nach Finnland liefern ließ. Waren glaube ich 8 Romane, und Faserland eines davon.
Und was passiert da in diesem Buch, dass mit einem so verkrampften Wortwitz im Titel aufwartet? Es ist eine Tour de farce durch Deutschland, von der Nordspitze bis in den tiefsten Süden (und letztendlich mit der Flucht in die Schweiz endend). Aber das tollste an dem Buch ist, dass zwar alles unheimlich belanglos beschrieben scheint, doch Kracht erreicht eine wahnsinnige Dichte in seiner Bildsprache und macht das über den alten Taschenspielertrick der Pop-Literaten durch Referenzieren. Wieviele (Quasi-)Markennamen stehen da wohl im ersten Absatz (Fisch-Gosch, Jever, List auf Sylt), mmh, tatsächlich “nur” drei. Im zweiten Absatz sind es dann (Barbourjacken, Scampis mit Knoblauchsoße, Salem, Traxxx, P1) noch mal einige. Mit jedem davon vermittelt er dem modernen Leser eine ganze Fülle an sozialen Assoziationen. Das lädt geradezu zur Dekonstruktion ein.
Was der erzähler nicht erzählt, ist, dass er beim Fisch-Gosch mit einer Frau steht, die ihn gut findet. Ihm ist das nicht so wichtig, wie ihm nichts wichtig ist. Er lebt ein Dandy-Leben ohne Sinn und ist auf der Suche nach Grenzen, ästhetischen wie real-körperlichen. Eine gewisse Homoerotik schwingt auf seiner Flucht durch ein Land mit, das seine Realitäten gerne verleugnet, wie auch unser Protagonist sich verleugnet. Ihn auf seiner vergeblichen Mühen sich zu entkommen zu begleiten macht tatsächlich Spaß, so traurig und teilweise widerwärtig abstoßend das alles in Wirklichkeit sein mag. Besonders erwähnenswert finde ich übrigens die Stelle, wenn Kracht den Zukunftsforscher (was immer das sein soll) Matthias Horx auftreten lässt, der auf dem Weg zu einem Trendkongreß in Karlsruhe (!) ist.

Dieser Horx ist so ein Trendforscher aus Hamburg, muß man dazu wissen, der sich immer und überall Notizen macht, und wenn ihm jemand wichtig oder irgendwie trendverdächtig genug ist, dann schreibt Horx auf, was dieser Mensch gesagt hat oder was für Anziehsachen anhat oder so. Der Horx ist immer in so schwarze wallende Mäntel gehüllt und hat ganz schütteres langes weißes Haar, und er sieht tatsächlich haargenau so aus wie der irre Wanderprediger in dem Film Poltergeist 2.
Zum Glück erkennt er mich nicht, obwohl ich ihn schon mehrmals auf einer Party belästigt habe, und zwar haben Nigel und ich uns damals ausgedacht, daß wir ein Musical für Matthias Horx schreiben werden, das wir Horxiana! genannt haben, und das wäre dann so eine Mischung aus Starlight Express und Phantom der Oper, nur daß Matthias Horx eben das Phantom wäre und andauernd auf so Rollschuhen rumfahren müßte und nie zur Ruhe käme, weil ihm keine Trends mehr einfielen.
Na jedenfalls habe ich ihn damit mehr als einmal belästigt, völlig betrunken in irgendwelchen Bars auf ihn eingeredet, das wäre doch da Allergrößte, das müßte man sofort produzieren, nein abfeaturen habe ich damals gesagt, und immer darauf gewartet, daß sich dieser schwachsinnige Horx das jetzt aufschreibt. Ist aber nie passiert, leider.

Eine Station legt der Protagonist auch in Frankfurt ein, viel spannender sind allerdings seine Begegnungen auf einer Burschenschaftsparty in Heidelberg. Das ist ganz großes Kino. 1995 war ein sehr gutes Jahr für die deutsche Literatur und Christian Kracht hat mit diesem Buch wesentliches dazu beigetragen und eine zweite Generation der Popliteraten zur Blüte getrieben ohne je wieder etwas popliterarisches geschrieben zu haben.

Dieses Buch ist als Taschenbuch bei dtv für 7,90€ erschienen.

8. Dezember 2007 Belletristik, Pop-Literatur
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