Lenin kam nur bis Lüdenscheid: Meine kleine deutsche Revolution – Richard David Precht (2005)

Dies ist quasi der zweite Teil eines Triptychons, das aus einer Einkaufswut (und einem 20€-Büchergutschein) in einem Bucheinzelhandelsgeschäft der Darmstädter Innenstadt begann. Der erste Teil (Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten) handelte ja vom Ausbleiben der Re-Immigration Lenins von der Schweiz nach Russland. Der zweite Teil behandelt die autobiografische Zeitgeschichte des linken Philosophen und Kulturkritikers Richard David Precht (Wer bin ich und wenn ja wie viele?) und trägt eben passenderweise den Titel Lenin kam nur bis Lüdenscheid.

Tja, Autobiografien sind so ein Sache, bzw. meine Sache ja normalerweise nicht, aber bei dem Titel … Nun gut, spannend ist die Lebensgeschichte und -wirklichkeit der Familie Precht in den 60ern und 70ern für uns Nachgeborene sicherlich. Denn diese Familie war nicht stramm-kommunistisch und in der Arbeiterbewegungverankert – hat also ihr linke Einstellung nicht etwa aus Traditionalismus entwickelt, sondern aus den zeitgeschichtlichen Problemen als Lösungsansatz. Und das, ohne Opportunismus.

Links zu sein, ist heute das Gefühl, definitiv nicht rechts zu sein.

Im Prinzip war es der Vietnamkrieg, der nach den eber hunderttausende Tote verantwortliche Etsablishment wandten. Und dies eben nicht nur aktionistisch, sondern aus voller Überzeugung. Zu ihren eigenen drei Kindern adoptierten sie aus den Krankhäusern Vietnams noch zwei weitere Kinder, die den imperialistischen Feldzug der Amerikaner in Südostasien sonst sicher nicht überlebt hätten. Spannend wie sich die zutiefst bürgerliche Organisation Terre des hommes zunächst aus purer Menschlichkeit gründet und helfen will, wo sie kann. Wie sie dann in das linke “Lager” abdriftet (um dann ganz später wieder völlig unpolitisch zu werden).

Das ist natürlich nur eine Einzeldarstellung, die gleichwohl sehr plastisch und eindrucksvoll ist, auch wenn die Beschreibung des Elternhauses doch spätestens gegen Mitte des Buches nachlässt und die Konturen der Charaktere ungenauer werden. Dafür sind die Rückblicke Prechts auf das wirken der linken Kräfte in Deutschland voll sprachlicher und analytischer Präzision:

Erst Anti-Atomkraftwerke, dann Anti-Flughafenausbau, dann Anti-Pershing-Raketen, dann Kaffeesatz [gemeint ist Nicaragua] und am Ende Regierungspartei mit Außenminister – wie seltsam es ist, alternativ zu sein, eine historische Zappelei ohne Zusammenhalt, vom Zeitgeist hin und hergepustet. Keine aufsteigende Linie und keine absteigende, eigemtlich nicht mal eine Linie. Geschichte ist nicht die Abfolge historischer Ereignisse, sondern von Reaktionen. Die GRÜNEN sind die Partei, an der man es am besten merkt.

Er beschreibt die VEränderung der Linken, von denen die Gesellschaft früher Angst hatte, und die heute komplett kultur- und fortschrittspessimistisch eher selbst vor allem Angst hat. Die Linke war nie kulturpessimistisch. Sie hatte immer an sich, ihre Ideen und den gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Fortschritt geklaubt. Immerhin sorgt jede Maschine, die in der Marktwirtschaft einen Arbeitsplatz vernichtet in einer linken Gesellschaft zu weniger Arbeit und mehr Freizeit für die Arbeiterschaft.

Richard David Precht schreibt also wehmütig über die Vergangenheit. Aber eben auch wehleidig ins Jetzt. Und er unterstreicht wie akuell all die Fragen sind, die die Linke nicht erst in den 60er bis 80er Jahren aufgeworfen hat.

Das Manko an diesem verzeihend lächelnden Rückblick auf die Zeitläufte ist, dass wohl nicht ein einziges jenes Probleme erledigt ist, das die Bewegung von ’68 hervorbrachte. Eine abgelegte Gegenwart, die nie zur Vergangenheit wird, solange rund 840 000 000 Menschen in dieser Welt Hunger leiden. Etwa sechs Millionen Kinder unter fünf Jahren sterben Jahr für Jahr an Unterernährung.
Wer hungert? Warum? Wem gehört was, und weshalb? Die ganz alten Fragen der ganz neuen Zeit sind nicht gelöst. Allein die Sprache der Antworten hat sich abgenutzt, die Parolen sind leer und verbraucht, die Kehlen heiser geschrien.

Tja, und Prechts vietnamesische Adoptiv-Geschwister sie würden wohl auch schon den Kopf schütteln über das, was in ihrer Familie in den 60ern und 70ern passierte. Die (politische) Verortung des Einzelnen ist derzeit eine unendliche Suche in einer Welt ohne Koordinatensystem, so scheint es. Und Richard David Precht selbst zieht auch eher ein ernüchterndes persönliches Fazit.

Und was ist aus uns geworden? Louise und Marcel sind unpolitisch, und Hanna wird konservativer, je älter sie wird. Ihre Kinder beherrschen die Tischsitten, die es bei uns nicht gab. Geblieben aber ist ihr Credo, den Mehrheiten nicht zu trauen und im Zweifelsfall lieber auf der Seite der Minderheiten zu stehen. Auch Georg misstraut jeder Mehrheitsmeinung. [...] Und was bin ich? Ein linker Konservativer, halb zynischer Träumer und halb verträumter Zyniker?

Lenin kam nur bis Lüdenscheid ist derzeit als Taschenbuch im List Verlag für 8,95 € zu erhalten.

Das siebte Kreuz – Anna Seghers (1942)

1938: Anna Seghers sitzt im südfranzösischen Exil und beginnt einen Roman, der das Grauen beschreibt, welches sich zeitgleich in ihrer Heimat abspielt. Die Gebürtige Mainzerin schreibt über die ersten Konzentrationslager in Deutschland. Es ist eine fiktive Geschichte, die sie erzählt – das muss man dazu sagen, weil es ja in der heutigen Soldat-James-Ryan-Authentizität-Zeit. Die Handlung spielt mangels Recherche-Möglichkeiten an den Orten, die sie kennt: im Großraum Rhein-Main, was es für mich natürlich subjektiv noch fesselnder macht.

Vielleicht sind in unserem Land noch nie so seltsame Bäume gefällt worden wie die sieben Platanen auf der Schmalseite der Baracke III. Ihre Kronen waren schon früher gekuppt worden aus einem Anlaß, den man später erfahren wird. In Schulterhöhe waren gegen die Stämme Querbretter genagelt, so daß die Platanen von weitem sieben Kreuzen glichen.

Im Jahre 1937 ist die politische Linke in Deutschland geknechtet und zum Großteil in Konzentrationslagern deputiert worden. Georg Heisler gelingt es mit sechs Mitgefangenen aus dem fiktiven Lager “Westhofen” bei Worms zu fliehen. Der Lagerkommandant befiehlt die Entflohenen innerhalb von 7 Tagen zu fangen und lässt für jeden einen Kreuz aufstellen. Ohne viel vorweg zu nehmen – der Titel deutet es ja eh an – eines wird leer bleiben. Seghers fühlt sich dem sozialistischen Realismus verpflichtet, da geht es nicht um irgendwelche Mindfucks oder überraschende Wendungen. Der Roman will aufklären, belehren, darstellen und wirkt manchmal fast wie ein Drama Brecht’schen Ausmaßes.

Die Handlung ist daher auch schlicht konstruiert. Alle sieben Flüchtigen stehen mit ihren unterschiedlichen Berufen und Biographien für verschiedene Soziale Milieus und Geisteshaltungen im Nationalsozialismus. Und es ist auch kein Wunder, dass gerade der Kommunist Georg Heisler die siebentägige Flucht gelingt. Denn er kann sich auf Freunde und ein Netzwerk der sozialistischen Bewegung, aber auch auf gutwillige politisch nicht engagierte Deutsche verlassen. Aus Worms fleiht er Richtung Mainz, will nach Frankfurt gelangen. Dadurch, dass ich viele Orte selbst kenne, wirkt der ganze Roman trotz des pädagogischen Zeigerfingers für mich hyperreal. Carl Zuckmayer hat über Das siebte Kreuz treffenderweise gesagt:

Es ist das einzige epische Werk der gesamten deutschen Exilliteratur, in dem nicht nur mit gerechtem Zorn Partei genommen wird, sondern – aus der Ferne – ein menschlich glaubhaftes Bild des verfinsterten Deutschland gelungen ist.

Wenn man mal den abgegriffenen und falschen Ansatz wählt und fragt: was wollte die Autorin uns damit sagen? (Denn sie wollte uns damit etwas sagen.) Dann kommt man relativ schnell zu dem einfachen Schluss, dass sie der Welt zeigen wollte, dass das nationalsozialistische System verletzbar ist. Noch während des Krieges gab es Übersetzungen in zahlreiche Sprachen. In den USA – dort wo Seghers letzendlich ihr Exil fand und der Roman erstmals in enlgischer, spanischer und deutscher Sprache erschien – kam noch im gleichen Jahr ein Comic (!) zum Buch heraus. Die internationale Rezeptionsgeschichte ist für deutsche Exilliteratur wenn nicht einmalig so doch herausragend. Es ist – auch international – ein gutes Stück Literaturgeschichte, dass sich da auf gut 400 Seiten quasi vor der Haustür vor einem ausbreitet.

Im Prinzip ist das Buch auch klassische Schullektüre … in der DDR gewesen. Ich habe diesen Wälzer tatsächlich ohne Not uns aus freien Stücken während des Studiums relativ flott durchgelesen und es nicht bereut. Als Stück deutsche Geschichte (antifaschistischer Widerstand und sozialistische Wirkungsgeschichte) hat es sogar in den ein oder anderen Literaturkanon geschafft.

Das siebte Kreuz ist derzeit als Taschenbuch bei Aufbau Verlag für 8,50 € zu erhalten.

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