Schwarzspeicher – Tobias Radloff (2011)

Über die Weihnachtstage bin ich endlich dazu gekommen, einen Roman zu lesen, den ich von einem Autor selbst überreicht bekommen habe. Tobias Radloff, der zuvor vor allem durch einen Roman und mehrere Abenteuer in der Rollenspielwelt “Das Schwarze Auge” geschrieben hat, hat nun einen tollen Science Fiction Roman veröffentlicht. Da tut es einem ja fast schon leid, dass ich diesen Roman nicht noch vor Weihnachten empfehlen konnte.

Tobias Radloff hat seinen Rollenspiel-Hintergrund sehr stark in die Science Fiction Story eingewoben. Das ist natürlich schön für mich und die entsprechende Zielgruppe, erschwert aber glaube ich Menschen, die nichts mit Rollenspiel zu tun haben etwas den Zugang zur eigentlichen Story. In dieser finden wir uns in einer Welt nach einem fürchterlichen Terroranschlag in Berlin, der mehrere tausend Menschen das Leben kostet. Daraufhin wurde ein enormer technischer Sicherheitsapparat errichtet, deren zentraler Bestandteil den Verbot von lokalen Speichermedien (sog. Schwarzspeicher) miteinschließt. So müssen alle persönlichen Daten in der Staats-Cloud sein und können dort natürlich prima durchsucht werden.

Der Einspieler war wenig mehr als ein Zusammenschnitt der ikonenhaften Bilder von vor drei Jahren. Die pixelige Aufnahme des Tanklastzuges, aufgezeichnet von der Überwachungskamera einer Autowaschanlage in der Karl-Liebknecht-Straße. Schnitt. Die rollende Bombe rast über den Alexanderplatz und in den Fuß des Fernsehturms. Schnitt. Hundert Meter hohe Dieselflammen lecken an der Stahlbetonsäule und bringen die Scheiben des Kugelrestaurants zum Leuchten. Schnitt. Der Turm bricht im Fallen auseinander, und seine schiere Größe verleiht dem Sturz eine perverse Eleganz, die von der getragenen Hintergrundmusik noch unterstrichen wird. [...] Schnitt. Weinende Menschen auf dem Ground Zero, die Gesichter friedhofsgrau von Staub und Entsetzen. Dazu “My heart will go on” von Celine Dion.

Heimlicher Herrscher des neuen Staatsapparates ist der Vorsitzende des neu gegründeten Informations- und Kommunikationsministerium (IKM) Westphal, und gesuchter Verbrecher Ephraim, der nach nur wenigen Tagen als Schuldiger für das Attentat ausgemacht wurde. Die Bevölkerung unterstützt diese Maßnahmen, denn sie hat Angst – eine Angst die auch gerne von Staat und Medien geschürt wird und dazu führt, dass viele Menschen lieber selten ihr HAus verlassen und wenn dann nur in Schutzkleidung. Ein düsteres Szenario also dass sich in einer unbestimmten aber nicht so sehr entfernten Zeit abspielt.

Der Leser folgt dabei verschiedenen Personen, jedoch dreht sich alles um das “Digitale Schaf” Meph, der in einem Internetcafé wohnt und ein mäßig erfolgreicher Pod-Designer ist. Pods sind die neuen Handys, die hat man überall dabei, man ist always on (immer online) und so kann man auch immer auf seine Daten zugreifen. Meph gerät durch Zufall während eines Auslandsbesuchs an einen lokalen Speicherträger und führt diesen unbewusst nach Deutschland ein. Daraufhin setzt sich ein ganzes Überwachungsinstrumentarium in Gang, und für den Staatsgläubigen Meph bricht eine Welt zusammen.

Meph hatte das Risiko mehrmals sorgfältig abgewogen; es war höher als sonst, aber immer noch gering, solange er den Zugriff auf ein paar Minuten beschränkte. Seine Finger bewegten sich beinahe ohne sein Zutun, als er die Adresse eingab. Die vertraute Tür, die er selbst entworfen hatte, erschien vor ihm, und einen Augenblick später war er da, wo er hingehörte.

Tobias Radloff setzt die aktuellen Entwicklungen rund um die Medien- und Politiklogik um Angst und Überwachung durch technische Kontrolle gekonnt in einen packenden Thriller um. Obwohl ich anfangs ein wenig die Befürchtung hatte, dass sich der Roman zu platt kulturpessimistisch entwickeln könnte, muss ich doch ein großes Kompliment aussprechen. Hier zeichnet sich durchaus ein differenziertes und glaubwürdiges Bild der technischen Fortentwicklung. Klar, der Anschlag und die Dimension der Auswirkungen auf Staat und Gesellschaft sind massiv und nicht immer vorstellbar, dennoch bleibt die Handlung stets glaubwürdig. Schön, dass Tobias Radloff der Sprung in den klassischen Literaturbetrieb geschafft hat.

Dieses Taschenbuch ist im Spreeside Verlag erschienen und bei Amazon für 9,99€ erhältlich.

Weitere Rezensionen:

 

Eine Jugend in Deutschland – Ernst Toller (1936)

Eine Jugend in Deutschland - Ernst Toller
Ich lernte den Schriftsteller Ernst Toller kennen, da war ich gerade einmal 17 Jahre alt uns suchte Anti-Kriegsgedichte für meine Kriegsdienstverweigerung. Und da gab es ein Gedicht namens “Leichen im Priesterwald”, das mich mit seiner Verzweiflung des Schlachtfeldes stark berührte. Jahre später vertonte ich mit meiner Punkbank dieses höchst unverdauliche und unrhythmische Gedicht. Ich bin mir nicht sicher, ob man es zum Surrealismus, Expressionismus oder als eine Art Neo-Realismus bezeichnen soll.

Jedenfalls habe ich gewusst Ernst Toller ist ein linker Schriftsteller, der – wie so viele – im Ersten Weltkrieg seine Anti-Kriegshaltung gewann, und dass er in Haft war während der Weimarer Republik, und dass er früh starb. Er starb im amerikanischen Exil per Selbstmord und man sagt er habe schon jahrelang auf jede seiner Reisen eine Strick mitgenommen.

Ich war nie allein in den letzten 5 Jahren, in der trostlosen Verlassenheit nie allein. Die Sonne hat mich getröstet und der Mond, Wind, der über eine Pfütze strich und sie wellte zu fliehenden Kreisen, Gras, das im Frühjahr wuchs zwischen Steinen des Hofs, ein guter Blick, ein Gruß geliebter Menschen, Freundschaft der Kameraden, der Glaube an eine Welt der Gerechtigkeit, der Freiheit, der Menschlichkeit, an eine Welt ohne Angst und ohne Hunger.
Ich bin dreißig Jahre.
Mein Haar wird grau.
Ich bin nicht müde.

Dass dieser Ernst Toller deutsche Geschichte geschrieben hat, wusste ich bis vor ein paar Wochen nicht. Aber Toller schrieb während seines 5-jährigen Gefängnisaufenthalts als politischer Häftling im Alter von 30 Jahren eine Autobiographie – und die ist unfassbar mitreißend. Natürlich sind auch die fünf Jahre Gefangenschaft eindrucksvoll, doch die 25 Jahre zuvor fast umso mehr.

Ernst Toller wuchs in Samotschin (heute Polen) auf in einer wohlhabenden jüdischen Familie. Er war Ausgrenzer (gegen die Kinder der Arbeiter und Armen) und Ausgegrenzter (als Jude), soch die materielle Sicherheit seiner Lebensumstände ließen ihn alles mit spielerischer Leichtigkeit erleben. Er geht nach Grenoble (Frankreich) um dort zu studieren. Doch dann bricht der erste Weltkrieg aus. Obwohl er noch auf pazifistischen Demonstartionen der Arbeiterklasse in Grenoble teilgenommen hatte, flieht er nach Deutschland und meldet sich gleich als Kriegsfreiwilliger. Doch die Deutschen halten die Rückkehrer für potentielle Spione. Als Toller an die Front kommt, erlebt er das Leiden der Soldaten. Hier entstehet auch “Leichen im Priesterwald”. Der Priesterwald war eine der blutigsten Kriegsgegenden in Frankreich.

1916/17 kann Toller dem Krieg entgehen – als Kriegsverweigerer verbringt er mehrere Monate im Zuchthaus – und bringt sich aktiv in die Schriftsteller Szene ein. Die jungen Schriftsteller suchen einen politischen Führer, doch da ist keiner, der sich gegen die kaiserliche Kriegspolitik und das Leid der Jugend Europas erheben will.

Als in Deutschland die Revolution ausbricht ist Toller an vorderster Front dabei und er ist politisch ein gefragter Mann und ist drauf und dran zu einem der wenigen politisch unabhängigen Linken zu werden. Und dann bricht in München die richtige Revoltion los – die Münchner Räterepublik entsteht und Toller ist einer der großen Köpfe. Er schildert wie Inkompetenz und gegenseitige Zwistigkeiten und Feindschaften den Untergang schon früh besiegeln. Allerdings ist es auch unfassbar mit welcher Hingabe und welcher Menschenliebe sich überall Soldaten- und Arbeiterräte bilden. Die Sozialdemokraten (von Toller konsquent Rechtssozialisten genannt) verraten die revolutionäre Sache. Dem Chaos und der äußeren militärischen Bedrohung der Freikorps und der Gegenregierung im Bamberg werden die Räte und Komissionen nicht Herr. Toller engagiert sich auf verschiedensten Positionen, wird gar zum General der revolutionären Rotgardisten.
Mitte: Max Weber, rechts davon Ernst TollerAls die weißen Regierungstruppen eintreffen muss er fliehen. Mehere Wochen kann er sich versteckt halten. In der Zwischenzeit gab es tausende standrechtlicher Erschießungen, die Medien hetzen gegen die Sozialisten. Als Toller auffliegt sind die schlimmsten Misshandlungen zwar schon vorbei, aber er war die Nummer Zwei der gesuchten Personen. Es findet ein Schauprozess statt, die Richter sind noch vom Kaiser benannt. Welche Verfassung haben die Revolutionäre eigentlich umzustürzen versucht? Die kaiserliche war nicht mehr gültig, eine neue gab es noch nicht. Die Liste seiner Füsprecher vor Gericht ist lang und prominent: sein Freund Thomas Mann spricht, Rainer Maria Rilke, Max Weber setzt sich für ihn ein, Hugo Haase ist sein Verteidiger.

Toller wird zu 5 Jahren verurteilt, dort schreibt er seine größten Werke (z. B. Masse Mensch, Das Schwalbenbuch). Eine Amnestie, die der Reichstag nach dem Tod Walther Rathenaus ausspricht findet überall in Deutschland Anwendung – nur nicht in Bayern, die sich gegen das Reichsgesetz wehren. Hier werden die Gefangenen weiter misshandelt, da ist keine Hoffnung.

Währedndessen schwingt sich ein Adolf Hitler in Deutschland auf. Selten bekommen die politischen Häftlinge eine Zeitung zu lesen. Der Autobiogrfie ist noch ein Vorwort angehängt, das Toller 1933 geschrieben hat.

Wer den Zusammenbruch von 1933 begreifen will, muss die Ereignisse der Jahre 1918 und 1919 in Deutschland kennen, von denen ich hier erzähle.

Schreibt er. Das Buch erscheint noch 1933 im Exil in Amsterdam.

Die Sprache der ersten Kapitel ist so frohgemut, liest man das Vowort nicht, man könnte es glatt für den Vorläufer eines Andreas Mand halten. Aus anekdotenhaften Beschreibung der Jugend Tollers entwickelt sich ein Wunderbuch der Zeitgeschichte. Ohne Pathos. Lesebefehl für jeden der sich wirklich mit der Geschichte Deutschlands beschäftigen will.
Eine Jugend in Deutschland ist derzeit als Hardcover bei Anaconda für 2,99 € zu erhalten.

Weitere Blog-Rezensionen:

audible.de
buecher.de - Bücher - Online - Portofrei

Schönerlesen.de

Buchempfehlungen

Empfehlungen