Die Vermessung der Welt – Daniel Kehlmann (2005)

Nun habe ich den absoluten Bestseller-Roman doch noch gelesen. Ich hatte es mir ja immer vorgenommen und im November hat sich jemand ich anlässlich meines Geburtstages erbarmt mir das Buch zu schenken auch auf das – zugegeben – recht hohe Risiko hin, dass ich es schon gelsen hatte. In 2 Wochen habe ich mich durch das Buch gewühlt und mich sehr wohl dabei gefühlt. Vielleicht etwas zu wohl? Die etwas sperrige Wortwahl und der (hypotaktische) Satzbau haben irritiert aber nicht gestört. Der Disharmonie der Akteure und Handlungsorte harmonierte. Und am Ende mischte sich unter das Gefühl gut unterhalten worden zu sein ein bisschen eine gewisse Belanglosigkeit.

Doch nochmal zurück. Daniel Kehlmann beschreibt eine Doppelbiographie zweier deutscher Naturforscher und Geographen, die zeitgleich lebten und wirkten – Carl Friedrich Gauß (1777–1855) und Alexander von Humboldt (1769–1859). Beide gingen ihre Naturforschungen aus den verschiedensten Gründen an. Einer aus gut bürgerlicher Familie der andere ein Wunderkind aus dem Arbeitermilieu. Der eine polyglott, reise- und abenteuerlustig, der andere sesshaft, stet und Reisestrapazen schon früh überdrüssig. Einer vermisst die Welt voller Lust und Tatendrang der andere muss dazu genötigt werden.

Im September 1828 verließ der größte Mathematiker des Landes zum erstenmal seit Jahren seine Heimatstadt, um am Deutschen Naturforscherkongreß in Berlin teilzunehmen. Selbstverständlich wollte er nicht dorthin. Monatelang hatte er sich geweigert, aber Alexander von Humboldt war hartnäckig geblieben, bis er in einem schwachen Moment und in der Hoffnung, der Tag käme nie, zugesagt hatte.

So verschieden und doch so ähnlich sind sie sich wiederum. So welt- und menschenfremd. Keine menschlichen Kontakte funktionieren, Gefühle können nur gespielt, nicht aber gefühlt werden.Aber was bleibt von diesem Roman, der mich zunächst etwas ratlos zurückgelassen hat?

Ich habe mir jetzt einige Wochen Zeit gelassen für die Rezension und sehe vor allem Faszinosa (wenn man das so schreibt). Zunächst das Altern zweier Kauze oder Savants oder wie auch immer, die sich in ihrer späten Jugend zu wissenschaftlichen und abenteuerlichen Höchstleistungen begeben um danach subjektiv nur noch abzubauen. Und dann ist das Buch noch eines über das Deutschsein. Während Humboldt in der neuen Welt auf Gabriel Maria Marquez’ Macondo trifft und sich daraus eine erzählerische Melange eines deutschem magischen Realismus entsteht, agiert Gauß hilflos in einem deutschen Vaterland zwischen Napoleon, Hannover und Preußen – zwischen Kleinstaaterei und Großmachtsanspruch. Das ist natürlich schon spannend zu beobachten.

Dieses Buch ist in der als Taschenbuch bei Rowohlt für 9,95€ erschienen.

24. Januar 2009 Belletristik, Neueste Literatur
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Und immer wieder die Zeit – Alan Lightman (1992)

Angenommen, die Zeit ist ein Kreis, in sich gekrümmt. Die Welt wiederholt sich, exakt, endlos.

Das ist Science Fiction ohne Fiction. Albert Einstein hat sich damals im Schweizer Patentamt in Bern diese und viele andere Fragen gestellt und sie auf eine Weis beantwortet, die ihn auch über 100 Jahre später zu eine Legende der Naturwissenschaft macht. Alan Lightmann, selbst ein Physiker am MIT, schreibt auf, was Einstein wohl geträumt haben mag, wenn er in seine spezielle Relativitätstheorie in Tagträume eintauchte.

Letztendlich ist das Buch natürlich trotzdem Fiktion, denn die Welt, die Einstein sich denkt, ist natürlich weit weg von uns bekannten Konventionen. Wenn Geschwindigkeit den Alterungsprozess abschwächen kann, werden natürlich immer höher Hochhäuser gebaut werden müssen, in denen die Reichen ganz oben wohnen können. Welche Auswirkungen könnte es geben, wenn der Mensch die Zeit überwinden könnte? Denn immerhin ist Zeit relativ, eine Revolution! ZWei Uhren ticken ungefähr in der gleichen Geschwindigkeit.

Es gibt einen Ort an dem die Zeit still steht. Regentropfen hängen in der Luft. Uhrpendel schweben in halben Schwung. Hunde heben die Schnauze in stummen Geheul. (…) Nähert sich ein Reisender diesem Ort aus beliebiger Richtung, so verlangsamen sich seine Bewegungen mehr und mehr. Die Abstände seines Herzschlages werden größer, seine Atmung wird langsamer, seine Temperatur sinkt, seine Gedanken lassen nach, bis er das leblose Zentrum erreicht und erstarrt. Denn dies ist der Mittelpunkt der Zeit.

Gedanken verschlungen in der Schweizer Provinz. Zusammen mit seinem Freund Besso verbringt Einstein ein Leben fernab der wissenschaftlichen Zentren der Welt und wird mit seiner uns allen bekannten schlurigen Art der Physiker des 20. Jahrhunderts werden. Tatsächlich darf doch gewaltig bezweifelt werden, dass Einstein tatsächlich eine derartige Poesie entwickelte wie Alan Lightman uns das aufzeigt. Aber die Unbedarftheit und die Konsequenz der Gedankenwelt Einsteins in diesem Buch macht einfach Spaß beim lesen.

Wer pilgert wohl zum Zentrum der Zeit? Eltern mit Kindern und Liebende.

Ich habe dieses Buch schon oft – und mit Vorliebe an Naturwissenschaftler insbesondere Physiker verschenkt. Es ist ein kleines, aber feines Buch über die Poesie der Physik, als Taschenbuch bei Knaur für 7,95€.

17. November 2007 Belletristik, Neueste Literatur
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