Faserland – Christian Kracht (1995)

Also, es fängt damit an, daß ich bei Fisch-Gosch in List auf Sylt stehe und ein Jever aus der Flasche trinke. Fisch-Gosch, das ist eine Fischbude, die deswegen so berühmt ist, weil sie die nördlichste Fischbude Deutschlands ist. Am oberen Zipfel von Sylt steht sie, direkt am Meer, und man denkt, da käme jetzt eine Grenze, aber in Wirklichkeit ist da bloß eine Fischbude.

Also, es fängt damit an, dass ich in Finnland sitze, in meinem Studentenwohnheim umgeben von finnischem Wald. Man meint da müssten Studenten wohnen, oder zumindest welche, die Englisch sprechen, aber da sind nur verschlossene Türen, viel Zeit also um die Seminare nach Rückkehr aus dem Erasmus-Semestern zu planen, unter anderem ein Pop-Literatur Seminar, zu dem ich mir dann die Bücher per Ebay ersteigerte und nach Finnland liefern ließ. Waren glaube ich 8 Romane, und Faserland eines davon.
Und was passiert da in diesem Buch, dass mit einem so verkrampften Wortwitz im Titel aufwartet? Es ist eine Tour de farce durch Deutschland, von der Nordspitze bis in den tiefsten Süden (und letztendlich mit der Flucht in die Schweiz endend). Aber das tollste an dem Buch ist, dass zwar alles unheimlich belanglos beschrieben scheint, doch Kracht erreicht eine wahnsinnige Dichte in seiner Bildsprache und macht das über den alten Taschenspielertrick der Pop-Literaten durch Referenzieren. Wieviele (Quasi-)Markennamen stehen da wohl im ersten Absatz (Fisch-Gosch, Jever, List auf Sylt), mmh, tatsächlich “nur” drei. Im zweiten Absatz sind es dann (Barbourjacken, Scampis mit Knoblauchsoße, Salem, Traxxx, P1) noch mal einige. Mit jedem davon vermittelt er dem modernen Leser eine ganze Fülle an sozialen Assoziationen. Das lädt geradezu zur Dekonstruktion ein.
Was der erzähler nicht erzählt, ist, dass er beim Fisch-Gosch mit einer Frau steht, die ihn gut findet. Ihm ist das nicht so wichtig, wie ihm nichts wichtig ist. Er lebt ein Dandy-Leben ohne Sinn und ist auf der Suche nach Grenzen, ästhetischen wie real-körperlichen. Eine gewisse Homoerotik schwingt auf seiner Flucht durch ein Land mit, das seine Realitäten gerne verleugnet, wie auch unser Protagonist sich verleugnet. Ihn auf seiner vergeblichen Mühen sich zu entkommen zu begleiten macht tatsächlich Spaß, so traurig und teilweise widerwärtig abstoßend das alles in Wirklichkeit sein mag. Besonders erwähnenswert finde ich übrigens die Stelle, wenn Kracht den Zukunftsforscher (was immer das sein soll) Matthias Horx auftreten lässt, der auf dem Weg zu einem Trendkongreß in Karlsruhe (!) ist.

Dieser Horx ist so ein Trendforscher aus Hamburg, muß man dazu wissen, der sich immer und überall Notizen macht, und wenn ihm jemand wichtig oder irgendwie trendverdächtig genug ist, dann schreibt Horx auf, was dieser Mensch gesagt hat oder was für Anziehsachen anhat oder so. Der Horx ist immer in so schwarze wallende Mäntel gehüllt und hat ganz schütteres langes weißes Haar, und er sieht tatsächlich haargenau so aus wie der irre Wanderprediger in dem Film Poltergeist 2.
Zum Glück erkennt er mich nicht, obwohl ich ihn schon mehrmals auf einer Party belästigt habe, und zwar haben Nigel und ich uns damals ausgedacht, daß wir ein Musical für Matthias Horx schreiben werden, das wir Horxiana! genannt haben, und das wäre dann so eine Mischung aus Starlight Express und Phantom der Oper, nur daß Matthias Horx eben das Phantom wäre und andauernd auf so Rollschuhen rumfahren müßte und nie zur Ruhe käme, weil ihm keine Trends mehr einfielen.
Na jedenfalls habe ich ihn damit mehr als einmal belästigt, völlig betrunken in irgendwelchen Bars auf ihn eingeredet, das wäre doch da Allergrößte, das müßte man sofort produzieren, nein abfeaturen habe ich damals gesagt, und immer darauf gewartet, daß sich dieser schwachsinnige Horx das jetzt aufschreibt. Ist aber nie passiert, leider.

Eine Station legt der Protagonist auch in Frankfurt ein, viel spannender sind allerdings seine Begegnungen auf einer Burschenschaftsparty in Heidelberg. Das ist ganz großes Kino. 1995 war ein sehr gutes Jahr für die deutsche Literatur und Christian Kracht hat mit diesem Buch wesentliches dazu beigetragen und eine zweite Generation der Popliteraten zur Blüte getrieben ohne je wieder etwas popliterarisches geschrieben zu haben.

Dieses Buch ist als Taschenbuch bei dtv für 7,90€ erschienen.

Unterm Rad – Hermann Hesse (1906)

Unterm Rad

Mein erstes Buch, dass mir am Herzen liegt ist Unterm Rad vom Literaturnobelpreisträger 1946 Herrmann Hesse. Das liegt vor allem daran, dass ich es erst vor kurzem gelesen habe und ich schon früher von Hesses Sidharta begeistert war. Nun seit Jahren also wieder mal ein Buch von Hesse gelesen, das ist schon eine kleine Offenbarung.

Unterm Rad ist zunächst eine gemütliche kleine Erzählung aus dem bäuerlich-handwerklich geprägten Schwarzwald um die Jahrhundertwende. Es erzählt die Geschichte von Hans Giebenrath, dem besten Schüler eines beschaulichen Dorfes, der ob seiner Fähigkeiten im Lateinischen und Griechischem vor allem von den Lehrern und Gelehrten geachtet wird, jedoch vor geraumer Zeit den Kontakt zu Gleichaltrigen verloren hat. So viel Potential in ihm steckt, so wenig Zeit lässt ihm sein Umfeld für seine Kindheit. Er wird auf ein Landesinternat geschickt, die einzige Möglichkeit für ein Kind ohne reiches Elternhaus zu einer Gelehrtenfamilie, und während ich als Leser schon befürchtete einen Paukerroman in den Händen zu halten, dreht und windet Hesse den Erzähler zum Ankläger.

Zunächst die Anklage, weil Hans seine sechswöchigen Ferien nicht am Fluss beim Angeln verbringen kann, sondern genötigt wird Privatstunden beim Lehrer und Stadtpfarrer zu nehmen, die natürlich nur das Beste für ihn wollen. Dann wieder die homoerotische Beschreibung des Jungeninternats, letztendlich wieder das Handwerkerdorf. Ein Plot, der sich nie zu lange an einer Stelle aufhält sich agil windet und doch den roten Faden des Niedergangs eines überdurchschnittlich begabten Jungens nie aus den Augen verliert. Im Internet lernt Hans den jugendlichen Schöngeist und Außenseiter Hermann Heilner kennen und die doch schwüle Beschreibung ihres Verhältnisses ist natürlich nicht der einzige Hinweis auf ein gewisses Autobiographisches Element in diesem Charakter. Letztendlich wird Heilner aber von der Schule geworfen und Hans hat dort niemanden mehr. Was ihn am Ende genau unters Rad bringt – die Lehrer, Hermann Heilner, oder eine kurze Affäre mit dem Nachbarsbesuch Emma – es bleibt das Geheimnis dieser wundervollen Geschichte.

Es ist ein Anti-Bildungsroman, den uns Hesse hier mit einer erstaunlich engagierten Erzählweise präsentiert. In seinen Werken wimmelt es ohnehin von Stilformen des Bildungsromans – allerdings ist er immer dabei die klassischen Elemente der Belehrung zu durchbrechen und stattdessen den humanistischen Weltgeist in den Vordergrund zu stellen. So ist Hesse zurecht einer der meist gelesenen deutschen Autoren weltweit.

Dieses Buch war in der SZ-Bibliothek als Hardcover für 4,90€ erschienen, aber bereits vergriffen. Ich empfehle die Hardcoverausgabe des Suhrkampverlages für 6 €.



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