Kassandra – Christa Wolf (1983)

Wolfgang Hilbig macht sich ja über die gefühlsduselige Christa Wolf lustig in Helden wie wir. Auch ihre Rolle im November 1989 ist durchaus umstritten. Sie hat sich immer für einen reformistischen politischen Weg ausgesprochen und das war für eine Schriftstellerin, die immerhin so DDR-systemkonform war, dass sie ins Ausland reisen durfte unglaubwürdig.

Einige Jahre zuvor – nämlich 1982/83 – schrieb sie das Buch Kassandra. Autoren der DDR hatten ja oft einen Hang zu antiken Mythen, die waren unverfänglich und ihre vielleicht viel zu leise intellektuelle Systemkritik konnte dort gut chiffriert werden. (Vgl. auch den großartigen Heiner Müller – Die Befreiung des Prometheus aus dem Theaterstück Zement)

Sie schrieb also und sie dozierte – in Frankfurt am Main. 1982 hielt sie die berühmte Frankfurter Poetik-Vorlesung, in der Sie von ihrer Arbeit an Kassandra berichtete und 1983 erschien die Erzählung in einem Band mit den Aufzeichnungen der Vorlesung. Auch in der DDR, allerdings zensiert.

Kassandra ist die trojanische Seherin und Königstochter von König Priamos und Hekabe, der niemand glauben schenkt. Sie kommentiert strikt subjektiv die Ereignisse des Trojanischen Krieges aus ihrer Perspektive. Das ganze ist ziemlich nah am Stream-of-Consciousness Erzählstil und man erfährt alles über das Innenleben und Leiden der jungen Frau, ihrer verschmähten Liebe. In einer brutalen Zeremonie soll sie entjungfert werden, doch Aineias, den sie zum ersten mal erblickt, verschont sie. Und sie verliebt sich in ihn. Die schöne Helena hat man im Troja Wolfs nicht gesehen. Sie scheint als ein Trugbild. Man munkelt man habe sie auf der Überfahrt nach Troja ans Meer verloren.

Ich habe das Buch einst auf einer langen Zugfahrt – im Stehen – gelesen. Es ist einfach eindrucksvoll auch wenn wir 20 Jahre nach der DDR mehr als nur Mühe haben, die Chiffren zu lesen. Die Wucht des Archaischen wirkt einfach ungebrochen. Klar ist, die Erzählung ist Patriachatskritik und Gesellschaftskritik pur. Es gibt einige Figuren, die sich direkt als politische Akteure in der DDR lesen lassen (Priamos -> Der Staat, Hekabe -> Die Partei, Eumelos -> Die Staatssicherheit, Arisbe -> Die Frauenbewegung). Kassandra jedenfalls ist eine Gefangene eines militaristischen Systems des Wettrüstens, von dem Sie sich emotional nicht lossagen kann. Christa Wolf schreibt das natürlich unter autobiografischen Hintergrund und sieht sich selbst als machtfern empfindende Intellektuelle. Daran störte sich ja auch Wolfgang Hilbig.

Am Ende entscheidet sich die entfremdete und entwurzelte Kassandra übrigens nicht für die Flucht aus dem brennenden Troja mit ihrer unerwiderten Liebe Aineas, sondern für ihre (auch emanzipatorisch-feministische) Autonomie – und damit für die Gefangenschaft bei den Griechen unter Agamemnon und ihren sicheren Tod. Eins ist klar, dass Thema wurde von Christa Wolf hoch-komplex und intellektuell fordernd aufgeladen, aber für einen geschulten Geist ist das Werk ein Hochgenuss.

Kassandra ist derzeit als Taschenbuch bei suhrkamp für 7,00 € zu erhalten.

Weitere Blog-Rezensionen:

Homo Faber – Max Frisch (1957)

Homo Faber heute, das ist Schullektüre. Das sind die fragenden Blicke der Schüler der 9ten, 10ten und 11ten Klassen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Buch von Max Frisch, immerhin einer der wichtigsten drei deutschsprachigen Autoren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ist wahnwitzig unbeliebt in den Klassenräumen dieser Welt, und das trotz seiner einfachen Lesbarkeit. Warum ist das so?

Ich muss dazu sagen, dass ich das Buch auch in der Schule absolut prima fand. Wir haben es damals in Kontrast zum antiken Ödipus-Mythos gelesen und das erzeugte tatsächlich einen Spannungsmoment beim Lesen. Letztendlich sehe ich dennoch ein, dass Homo Faber für die Schule nur bedingt geeignet ist. Irgendwo passt die Alt-Herren-Theatralik nicht in Klassenzimmer. Der alternde Protagonist Walter Faber, Technokrat durch und durch, verfasst hier eine Autobiographie des Scheiterns. Sein Technikglaube scheitert, seine “Familie” scheitert, und am Ende scheitert er auch in seiner Menschlichkeit. Blind (im metaphorischen Sinne) geistert er durch die Erste und Dritte Welt, unfähig sich sein Scheitern einzugestehen. Dabei diktiert vor allem vor allem das andere Geschlecht seinen Untergang, am anderen, romantischen und so untechnokratischen Leben. Ich mag dieses hilflose Stakkato in Walter Faber Diktus. Seine Sprache spiegelt seine Lebenswelt so fantastisch wider.

Unsere Reise nach Italien – ich kann nur sagen, dass ich glücklich gewesen bin, weil auch das Mädchen, glaube ich, glücklich gewesen ist trotz Altersunterschied. (…) Wir hatten fantastisches Wetter. Was mir Mühe machte, war lediglich ihr Kunstbedürfnis, ihre Manie, alles anzuschauen. Kaum in Italien, gab es keine Ortschaft mehr, wo ich nicht stoppen mußte: Pisa, Florenz, Siena, Perugia, Arezzo, Orvieto, Assisi. – Ich bin nicht gewohnt, so zu reisen. In Florenz rebellierte ich, indem ich ihren Fra Angelico, offen gesagt, etwas kitschig fand. Ich verbesserte mich dann: Naiv. Sie bestritt es nicht, im Gegenteil, sie war begeistert; es kann nicht naiv genug sein.

Was ich genoß: Campari!

Meinetwegen auch Mandolinen-Bettler -

Was mich interessierte: Straßenbau, Brückenbau, der neue Fiat, der neue Bahnhof in Rom, der neue Rapido-Triebwagen, der neue Olivetti -

Ich kann mit Museen nichts anfangen.

Und so beginnt das ungleiche (und eben doch sehr eng verbandelte Paar – Vater und Tochter, alter Mann und junge Geliebte) ihre Odyssee durch das alte, das antike, das kulturelle Europa. Und wie sich das für die Antike gehört kommt es zur Katastrophe, die nicht ganz so tragisch im Wortsinne ist, wie sie sich anfühlt. Und auch die Teichoskopie (der Mauerblick) zu Ende des Roman lässt ein Germanistenherz höher schlagen. Der totkranke Walter Faber wartet auf seine Krebs-OP und endet mit seinem letzten Eintrag, der technischer und zugleich naiver nicht sein kann:

08.05 Uhr

Sie kommen.

Dieses Buch ist als Suhrkamp-Taschenbuch für 8,00€ erschienen.

15. September 2007 Belletristik, Klassiker
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