Herz der Finsternis – Joseph Conrad (1899)

Nicht nur für mich ist das Herz der Finsternis von Joseph Conrad ja untrennbar verbunden mit Francis Ford Coppolas geniales Vietnam-Epos Apokalypse Now. Noch dazu kommt der Song The End von The Doors. Zusammen bilden sie eine der berüchtigsten Umarbeitungen eines Romans der Jahrhundertwende. Der Roman entzieht sich beim Lesen ganz und gar einer zeitlichen Einordnung. Mir war bis ich es endlich nachschlug nicht klar, dass er schon 1899 und damit in der Hochzeit des Kolonialismus geschrieben wurde. Eindrucksvoll.

“Ich dachte an die frühen Zeiten,als die Römer erstmals hierher kamen, vor neunzehnhundert Jahren – gestern also (…) Stellt euch vor, wie dem Befehlshaber soclh einer stattlichen – wie heißen sie gleich? – Triere im Mittelmeer zumute gewesen sein muss, der plötzlich nach Norden versetzt wird; eilig bringt man ihn über Land durch Gallien, und dann erhält er den Befehl über eines dieser Schiffe, welche die Legionäre anscheinend zu Hunderten in ein, zwei Monaten zu bauen pflegten, wenn dem zu glauben ist, was in den Büchern steht. Stellt ihn euch vor, wie er mit Vorräten oder mit Befehlen oder was sonst diesen Fluss hinauffährt: das Ende der Welt, eine bleifarbene See, ein rauchfarbener Himmel, ein Schiff, das so unbeweglich ist wie eine Ziehharmonika. Sandbnänke Marschen, Wälder, Wilde.”

Joseph Conrad beschreibt in seinem Werk die Reise seines Protagonisten, des Ich-Erzählers Marlowe, der als Brite bei einer französischen Handelkompanie anheuert, um Flussschiffer zu werden. Er soll nach Afrika reisen, um dort als Kapitän eines Flussdampfers Handelsrouten ins Landesinnere abzufahren. Was er erlebt ist aber das totale Grauen. In Afrika herrscht der Kolonialismus auf grausamste Art und Weise. Die Einwohner Afrikas werden auf überlste unterdrückt, ausgenutzt, versklavt. Die europäischen Herrenmenschen nehmen sie nicht einmal als Menschen wahr. Ein System der Ausbeutung soll immer neue Rohstoffe aus dem Landesinneren bergen. Und dabei werden alle – und insbesondere die Europäer – wahnsinnig, wenn sie nicht zuvor an Krankheiten sterben.

Sie starben langsam – das war sehr deutlich. Sie waren keine Feinde, sie waren keine Verbrecher, sie waren nichts Irdisches mehr – nichts als schwarze Schatten der Krankheit und des Hungers, die durcheinandergeworfen in der grünlichen Düsternis lagen. Herangeschleppt aus allen Schlupfwinkeln der Küste, mit der ganzen Rechtmäßigkeit zeitlicher Verträge, verloren in einer unfreundlichen Umgebung, versorgt mit unzulänglicher Nahrung, begannen sie dahinzusiechen, wurden arbeitsuntauglich und erhielten die Erlaubnis davonzukriechen, um sich auszuruhen. Diese todgeweihten Gestalten waren frei wie die Luft

Marlow tritt seine Reise in das Herz Afrikas an von der man schwören könnte, dass sie dort für immer enden würde, wenn Joseph Conrad seinen Ich-Erzähler seine erlebte Geschichte nicht auf einem wohlbehüteten Schiff in der Themse erzählen ließe. Marlow reist zu einem Dämon – dieser Dämon heißt Kurtz und ist der erfolgreichste Elfenbein-Agent im Herzen des Landes und der einzige namentlich erwähnte Charakter der Erzählung. Von ihm raunt man sich Geschichten zu, er ist ein Phantom und Marlow wird von ihm magisch angezogen, doch als Marlow ihn tatsächlich trifft, übersteigt die grausame Realität seine schlimmsten Vorstellungen.

Dieses Epos des Kolonialismus greift Coppola später in Apokalypse Now auf, und zieht schickt die Parallele zwischen britischen und amerikanischen Imperialismus. Und The Doors singen “the snake is long” – ein Zitat aus dem Roman – und meinen den Fluss Me Kong oder eben doch den afrikanischen Fluss der in das Herz der Finsternis führt. Ein Psychogramm. Joseph Conrad jedenfalls fuhr als Sohn polnischer Eltern nach der dritten Teilung Polens für die Britische Krone zur See, wurde sogar Kapitän und schöpft seine Geschichten aus seiner eigenen Erfahrung aus dem Kongo und den malaiischen Inseln. Die Grausamkeiten seiner Schilderungen sind vor diesem Hintergrund also erschreckend real.

Dieses Buch ist in zahlreichen Ausgaben erschienen und mittlerweile gemeinfrei, also ist der Nachdruck kostenlos, so dass es da auch Reclam-Heftchen gibt.

Weitere Rezensionen:

10. März 2012 Belletristik
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Buchempfehlung von Jan Schuster

Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten – Christian Kracht (2008)

Und nun wieder zu einem düsteren Buch und einem grauen Land. Das sich zugegeben in einer Parallelwelt befindlich noch düstererer und grauer darstellt als es in Wirklichkeit ist. Der Schweizer Christian Kracht hat nach Faserland und 1979 seinen dritten Roman geschrieben und diesmal eben spielt die Handlung (größtenteils) in der Schweiz. Genauer: in der Schweizer Sowjet Republik (SSR).

Kracht entwirft mit großzügigen Collage-Effekten eine Geschichte und Geschichtsschreibung, in der Lenin vor knapp 100 Jahren den Zug nach Russland verpasste und stattdessen seine Weltrevolution in der Schweiz durchführte. Das war im Jahr 1917, seitdem herrschen 96 Jahre Krieg. Nördlich der Linie Straßburg-Heidelberg droht das faschistische deutsch-englische Bündnis, im Süden die ebenfalls faschistischen Italiener. Im Osten, jenseits von “Schweizerisch-Salzburg”, verlaufen die Grenzen eines Koreanisch-Minsker Reiches. Die Hindustanis gelten als mögliche Verbündete, doch mit dem Großaustralischen Reich haben auch sie einen gefährlichen Gegner im Nacken. Die Amexikaner haben sich aus dem Prozess der Geschichtsschreibung schon lange in ihre eigene Mythik zurückgezogen. (Man munkelt die gefiederte Schlange Quetzalcoatl sei zurückgekehrt.)

Die Schweiz hat die zivilisatorischen Fortschritt leninistischer Prägung nach Zentralafrika exportiert und dort ein Musterland am Fuße des Kilimandscharo geschaffen. Dem schwarzen Kontinent wurde eine sozialistisch-schweizerisch Kolonie abgerungen. Aus ihr wird der militärische (und kulturelle) Nachschub für den Krieg in Europa rekrutiert.

Und so folgen wir dem Schweizer Schwarzafrikaner, der als Politkommissar im verschneiten Schweiz den jüdischen Polen Oberst Brazhinsky verfolgt, der Verdacht erregt hat. Die Manschen, das Land sind merkwürdig verzerrt: moralisch-menschlich. Es wird beiläufig menschenverachtend gemordet, und unmotiviert altruistisch Leben gerettet. Ein ethischer Kompass scheint noch irgendwie vorhanden zu sein, aber verstehen kann ihn der Leser nicht. Es ist eine Reise ins Herz der Finsternis (Joseph Conrad). The snake is long.

Der Ich-Erzähler folgt Brazhinsky in der Schweizer Kernland, das Réduit. Ein (auch real existierendes) unterirdisches Höhlensystem in das Alpenmassiv gehauen. Uneinnehmbar, auch nicht durch das Bombardement deutscher Luftschiffe. Eine sich stetig weiter mäandernde groteske Alpenfestung. Die V2-esken Raketen, die den sowjetischen Sieg bringen sollen, bleiben allerdings ein Hirngespinst, genauso wie die Idee Brazhinsky einfach festnehmen zu können. Er hat die Kunst des “räumlichen Sprechens” entwickelt, bereit zur Manipulation. Der Heiland.

Das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung schreibt: “Wenn es noch irgendjemanden gibt, der Literatur um des Stils und nicht um der Information willen liest, aus purer Freude an der Wirkung von Sätzen, Rhythmen und Adjektiven, hier findet er seinen Text.” und bestätigt mich damit in meinen Glauben an Kracht. Er dekonstruiert den Historizismus unserer Zeit. Die Schrift scheint einem umgekehrten Menetekel gleich einfach zu verschwinden. Das Wort, das heilige Wort scheint auch im anti-religiösen Schweizer Sowjet-Kommunismus hell und immer heller. Sozialismus in menschlichem Antlitz? Nein. Gesellschaftliches Scheitern in mystisch-ekligem Gewand.

Christian Kracht selbt spricht übrigens von einem Triptychon Faserland, 1979 und Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. Das ist insofern spannend, als dass beide anderen Romane sehr real und eben keine Sujets in einer alternativen Wirklichkeit haben. Aber der Titel Faserland war schon 1995 eine Anspielung auf den Roman Fatherland von Robert Harris, der in einer alternativen Realität angesiedelt ist, in dem Hitler den 2. Weltkrieg gewonnen hat (die Handlung spielt zu Hitlers 75. Geburtstag im Jahr 1964 in einem Berlin, das nach Albert Speers Plänen umgebaut wurde).

Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten ist seit Juni 2010 als 160-seitiges Taschenbuch bei dtv für 8,90 € erschienen.

Weitere Blog-Rezensionen:

5. Juli 2010 Belletristik, Neueste Literatur, Science Fiction
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