Neue Vahr Süd – Sven Regener (2004)
Sven Regener legt also nach – mit einem Prequel der (nachträglich angekündigten) Trilogie über Frank Lehmann in quietsch-grün. Und der Musiker und Sänger der Band Element of Crime konfrontiert uns erneut mit einem topografischen und gesellschaftlichen Mikrokosmos. Dabei spielt Neue Vahr Süd deutlich vor dem Erstlingswerk Herr Lehmann, das ja mit dem 30. Geurtstag des Protagonisten endet und großartig von Leander Haußmann mit Detlef Buck und Christian Ulmen in der Rolle des Frank Lehmann verfilmt wurde. Die Neue Vahr Süd, ein Vorort Bremens, zu Beginn der Achziger ist dabei das Gegenkonzept des schicken Berlins Ende der Achziger und während wir Frank Lehmann als mehr oder weniger gereiften Kneipengänger bereits kennengelernt haben, versuchen wir auf 600 Seiten zu verstehen wie er zu dem geworden ist.
So sperrig wie der Titel sind auch die Gedankengänge des jungen Herrn Lehmann. Und genauso sperrig auch sein Lebenslauf: Ausbildung zum Speditionskaufmann und dann einfach verpennt den Wehrdienst zu verweigern und das obwohl er selbst von den Schlägern seines Vorort eher so als Hippie-Typ eingestuft wird. Dann gleich am ersten Heimfahrwochenende von den Eltern quasi vor die Tür gesetzt. Und das alles sensibel eingebettet in die Zeit der auseinanderfallenden K-Gruppen, bei denen natürlich alle irgendwie, irgendwann Mitglied waren, nur Frank Lehmann nicht.
Irgendetwas ist schiefgelaufen , dachte er und setzte sich, des Schlenderns durch das Einkaufszentrum Berliner Freiheit müde geworden, auf eine Mauer mit Blick auf den Vorplatz des Bürgerzentrums, soviel ist mal klar. Da unten war zum Beispiel mal der Minigolfplatz, dachte er fahrig, der ist nun auch weg, und Manni auch, und ich ab morgen irgendwie auch, und so müssen sich Arbeitslose vorkommen, dachte er, ich hätte die Lehre nicht machen sollen, das war schon mal ein Fehler, die hat mich irgendwie rausgehauen, aus der Kurve getragen, dachte er, man verliert seine alten Freunde, wenn man eine LEhre macht, jedenfalls die auch der Schule, dachte Frank, und man gewinnt nicht viele neue dazu, genauer gesagt gar keine, dachte er, letztendlich ist nur Martin Klapp übriggeblieben, und der ist untauglich, außerdem bin ich zu alt für die Bundeswehr, dachte er, und alle anderen haben verweigert und fahren Behinderte, wie Ralf Müller, und der ist auch schon fast fertig damit, und danach studieren sie oder was, dachte er, und ich bin gelernter Speditionskaufmann und wohne noch bei meinen Eltern und muß zum Bund, wer konnte damit rechnen …
Konflikte kommen und gehen und einzig Frank bleibt sich treu und seine wichtigste Strategie ist das Dummstellen und die steht der Coming-Of-Age-Konstellation des Buches doch deutlich entegegen. Letztendlich bleibt der Roman jedoch ein großer Spass für den Leser. Wer bereit ist, sich von der Seitanzahl nicht abschrecken zu lassen (Herr Lehmann hatte nur gut 200 Seiten), der wird auf jeden Fall seinen Spaß haben.
Eine Randbemerkung ist mir übrigens auch die Aussage Regeners wert, das Buch sei nach alten Rechtschreibregeln geschrieben, da, was 1980 spiele, auch in der damals üblichen Orthographie stehen solle.
Neue Vahr Süd ist als Goldmann-Taschenbuch für 9,95€ erhältlich.
Schlagwörter: 80er Jahre, APO, Bremen, Bundeswehr, Deutschland, Popliteratur, Punk


