Roman von einem Feld – Katja Behrens (2008)

18. April 2010 Belletristik, Neueste Literatur
Buchempfehlung von Jan Schuster

Ein Roman über ein Feld zu schreiben – und ja, es geht hier wirklich um ein Feld und seiner Bewohner und die Geschehnisse rundherum – das ist natürlich ein Experiment. Und zwar eines, dass sich zweifelsohne in Naturbeschreibungen ergeben muss. Das hört sich häufig so an:

Über dem Waldrand im Osten des Oberfeldes rötet sich der Himmel. An der Hammelstrift kämpfen zwei Rammler miteinander. Die Häsin, um die es geht, ist nirgends zu sehen. Die Rivalen betrommeln sich mit den Vorderläufen. Ein Flugzeug brummt. Die Hasenmänner fauchen und knurren und pinkeln sich gegenseitig an. Über ihnen gurren die Tauben, gurren und verbeugen sich voreinander.

Auch wenn sich diese Beschreibungen zum Teil Seitenweise ziehen, ist dies natürlich nicht alles, was in dem Roman steckt. Es handelt sich nämlich nicht um irgendein Feld, auch wenn dies zu Beginn des Romans explizit suggeriert wird. Aber es ist viel konkreter, denn es handelt sich um das Oberfeld in Darmstadt – auch ein Grund, warum ich dieses Buch überhaupt gelesen habe. Denn in Darmstadt gab es vor einem Jahr die Aktion “Darmstadt liest ein Buch”, während der verschiedene Darmstädter Bürger ein ganzes Buch am Stück vorlasen – und zwar den Roman von einem Feld.

Und deshalb wird auch nicht nur Naturbeschreibung sondern eine Stadtgeschichte geschrieben. Dabei liegt das Oberfeld eine Jahrhunderte alte Rodung deutlich außerhalb der Stadtgrenzen Darmstadts und seine Bewohner und Angehörige sind deshalb Arbeiter, die einst die Stadtmauer erbauten, und Bauern die zu leiden haben unter den Unbillen des Lebens. Die Beschreibung startet in der Zeit als “die Menschen noch glaubten, die Steine wüchsen in der Erde wie Pflanzen” – zur Zeit als ein Steinbruch errichtet wurde um die Stadtmauer Darmstadts zu bauen.

Es geht um Hildebold und Gumpe, die Alte Trine, die später während des Dreißigjährigen Krieges auf dem Oberfeld geschändet wird. Und um die Anwohner in der Kaiserzeit und des 20. Jahrhunderts – auf der Flucht vor Repressionen der Herrscher und Nazis, oder deren Nutznießer. Ein wirklich interessantes Konglomerat. Und der Roman verfolgt seine Protagonisten auch mal an andere Orte wie die Nervenheilanstalt in Goddelau, oder in den Odenwald, ins amerikanische Exil oder nach Norddeutschland.

Behrens flechtet deren Geschichten aber immer wieder in aktuelle, sowie historische Naturbeschreibungen ein. Ein Konzept, das merklich anstrengen für den Leser ist, aber durch das das Buch eine gute atmosphärische Dichte gewinnt. Überflüssigerweise ist das Buch in Monate statt Kapitel gegliedert, ohne dass die Handlungstränge, die meist chronologisch verlaufen, daran Anstoß nehmen würden.

Ich denke, dass Buch ist auch ohne südhessischen Lokalpatriotismus durchaus ein interessantes Stück Literatur und Zeitgeschehen. Es kommt komplett ohne komplexe Handlungstränge aus und hat daher auch keinen Spannungsbogen im engeren Sinne. Vielleicht ist also doch nur, was ich zu anfangs bereits ahnte, ein interessante schriftstellerisches Experiment.

Der Roman von einem Feld ist seit der “Darmstadt liest ein Buch”-Lesung als Sonderausgabe in Broschur bei S. Toesche-Mittler Verlag für 9,90 € erschienen.

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