Morenga – Uwe Timm (1978)

6. Dezember 2008 Belletristik
Buchempfehlung von Florian Sänger

Lesen hat auch immer etwas mit Bildung zu tun und auch “bildende” fiktionale Romane können herausfordern und gleichzeitig aber auch Spass machen.
Ich habe Timms Morenga im Rahmen des Studiums gelesen und ich bin mir sicher, dass ich es wahrscheinlich nie in einem anderen Kontext gelesen hätte, was schade ist, da das Buch für den interessierten Leser wirklich lesenswert ist.

Aber erst einmal zurück:
Frühjahr 1904, den jungen Veterinär Gottschalk zieht es wie so viele seiner Zeitgenossen in die Ferne. Warum nicht Südwestafrika? Schließlich ist das “Terra Nova” und Deutschlands kleines Stück vom Kuchen des Kolonialismus.
In Südwest angekommen sieht sich Gottschalk einerseits mit dem brutal-imperialistischen Gestus sowie dem Rassismus der deutschen Schutztruppler konfrontiert, andererseits zeigt er sich, nicht zuletzt durch den Anstoß seines verkappt anarchistischen Kollegen Wenstrup, angezogen von der fremdartig-faszinierenden Kultur der dort lebenden Nama und Dama-Stämme (früher Hottentotten genannt).
Immer tiefergreifender gehen seine Gedanken und seine Zweifel zum Vorgehen der Deutschen. Was läuft bloß schief in Südwest?

Es handelt sich also um einen historischen Roman über eine Vergangenheit Deutschlands, die leider viel zu oft im Schatten des Nationalsozialismus verschwindet: deutscher Kolonialismus in Afrika und dem wahrscheinlich erstem Völkermord des deutschen Reiches.

Nicht zuletzt die postmoderne Struktur des Romans trägt zu seinem Gelingen bei. Textsorten werden bunt gemischt und in Montagetechnik nebeneinandergestellt. Fantastischer Realismus vermischt sich mit scheinbar historischen Fakten, authentischen Dokumenten und wissenschaftlichen Abhandlungen. Handlungsstränge und Erzählebenen kommen auf und verschwinden wieder, stehen autonom nebeneinander und sind doch verbunden. Timm muss eine wahnsinnige Recherche betrieben haben, um all die Informationen zusammenzutragen.

Die Erzählposition ist und bleibt aber deutsch. Timm selbst sagte später: “Einfühlungsästhetik wäre selbst ein kolonialer Akt.”
Aus neokolonialistischer Sicht war diese Beschränkung das beste, was Timm hätte machen können, narratologisch hat er sich nicht auf dünnes Eis begeben.

Natürlich muss “Morenga” auch kontextuell gelesen werden. Dass Timm 68er ist, stellt kein Geheimnis dar. Nichtdestotrotz finde ich das Buch keinesfalls ideologisch.

Insgesamt ein meisterliches Werk, welches nicht nur wegen der erzählerischen Brillianz der wissenschaftlichen Beschäftigung wirklich wert ist.
Durch die Montage der Kapitel bietet das Buch viel Stoff zum Nachdenken, nicht nur für Geschichtsinteressierte. Auch wenn die Spannung vielleicht etwas zu kurz kommt (machte mir gar nichts aus, es ist schließlich kein Kriminalroman), die feinsinnig und einfühlsamen Episoden, die lebendigen Figuren, die leichte Ironie, die narratologischen Kniffe und der von Zeit zu Zeit aufblitzende Humor machen “Morenga” zu einem Roman der Höhenkammliteratur.

Dieses Buch ist als dtv-Taschenbuch für 10,90€ erschienen.

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Ein Kommentar Response zu “Morenga – Uwe Timm (1978)”

  • LAR [ 03Jan09]

    “Ich habe Timms Morenga im Rahmen des Studiums gelesen und ich bin mir sicher, dass ich es wahrscheinlich nie in einem anderen Kontext gelesen hätte, was schade ist, da das Buch für den interessierten Leser wirklich lesenswert ist.”

    Ein Zitat, welches wohl für viele Leser, oder eben Nicht-Leser, zutrifft, die aber nach der Lektüre gerne mehr lesen von dem Autoren, über den Kontinent, über die Thematik, etc.

     

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