
Es gibt nicht wenige, die behaupten Heinrich Böll hätte niemals den Literaturnobelpreis gewinnen dürfen. Da gehören wichtige Literaturkritiker dazu und auch einer meiner Literaturprofs, den ich ja schon häufiger erwähnte. Sein Werk wirkt rückblickend so profan, seine Erzählweise ist nicht originell, alles an ihm ist etwas dröge. (Nicht zuletzt auch seine Buchtitel.) Ich hielt Böll immer zwei Bücher zu Gute: Ansichten eines Clowns und Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder Wie Gewalt entstehen und wo sie hinführen kann – so der vollständige Titel. (Der Roman Gruppenbild mit Dame ist zum Beispiel viel, viel anstrengender.)
Personen und Handlungen dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit der Praktiken der “Bild”-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.
Das literarische Werk Bölls ist eine Abrechnung. Seine Gegner sind deren drei: die verlogene Nachkriegsgesellschaft, die katholische Kirche und die Bild-Zeitung. Letztere wird in diesem Buch, das zwei Jahre nach seiner Nobelpreis-Ehrung erscheint, im Kontext der Berichterstattung der Bild-Zeitung über die Gewalt in der 1970er Jahren erörtert. In einem Interview äußerte Böll im selben Jahr: „Die Gewalt von Worten kann manchmal schlimmer sein als die von Ohrfeigen und Pistolen.“ Und unter diesem Motto auch die Erzählung von Katharina Blum.
Die 27-jährige Haushälterin Blum lernt auf einer Party Ludwig Götten kennen und verliebt sich. Gemeinsam verbringen sie die Nacht bei ihr. Doch Götten wird eines Banküberfalls und Mordes verdächtigt und beschattet. So gerät Katharina Blum in das Blickfeld der Polizei, die ihre Wohnung stürmt, nachdem sie Götten zur Flucht verholfen hat. Der Vorwurf des Banküberfalls stellt sich später als falsch heraus, aber da hat das Unheil schon längst seinen Lauf genommen. Die ZEITUNG vorverurteilt Ludwig Götten und schreibt über das “Flittchen” Katharina Blum. Sie behauptet, die beiden hätten sich schon Jahre gekannt und die junge Frau sei Mittäterin. Die Aussagenverfälschungen und Gemeinheiten der ZEITUNG-Reporter nehemen ebenso wie die hasserfüllten Anrufe und Zuschriften immer mehr zu. Katharina Blum verabredet sich mit dem verantwortlichen ZEITUNG-Reporter Werner Tötgens und tötet ihn. Dann stellt sie sich der Polizei.
Man merkt schon: einfacher Plot, einfache Anklage. Aber die Erzählstruktur ist gar nicht so unkomplex. Böll imitiert einen Erzähler des “guten” Journalismus, der versucht, die tatsächlichen Ereignisse zu rekonstruieren, Quellen recherchiert und benennt. Diese Hermeneutik des Erzählens steht also im krassen Widerspruch zur Handlung. Was jetzt den größeren Reiz ausmacht. Vermutlich doch eher der Plot. Die Wirkungsgeschichte ist jedenfalls so gewaltig, dass man sich die gut hundert Seiten auf jeden Fall mal zu Gemüte führen sollte.
Die verlorene Ehre der Katharina Blum ist bei dtv als Taschenbuch für 5,90€ erschienen.

