Der Zementgarten – Ian McEwan (1978)

2. September 2011 Belletristik
Buchempfehlung von Jan Schuster

“So! War das nicht ein schöner Schlaf.”

Kürzlich ist Ian McEwan durch die Verfilmung seines Romans Abbitte nochmal so richtig bekannt geworden.Das er auch das geschrieben hat war mir aber gar nicht wirklich bewusst, als mir Der Zementgarten in die Hände fiel. Schön dünn, gerademal 120 Seiten – das passt, dass les’ ich mal.

In einer englischen Vorortsiedlung die langsam verfällt und rückgebaut wird lebt eine sechs-köpfige Familie. Die Eltern mit ihren minderjährigen Kindern (altersreihefolge abwärts) Julie, Jack, Sue und dem viel jüngeren Tom. Der Vater stirbt an einem Herzinfarkt und die Mutter kurz darauf an Krebs – unbemerkt von der Öffentlichkeit in ihrem Schlafzimmer, vor allem weil die Familie sozial isoliert ist. Die Kinder sind auf sich allein gestellt und wissen sich nicht anders zu helfen, als die Mutter in ihrem Keller in einer Wanne mit Zement einzugießen. Nun müssen sie ihr Leben selbst gestalten.

Julie und Jack übernehmen die Pflichten der Eltern eher schlecht als Recht. Doch irgendwie schaffen die Kinder es, sich und ihr Leben einzurichten, obwohl sie oft nicht wissen wohin mit ihrer Gefühlswelt.

Das spannende ist für mich an diesem Buch das Thema “Gender”. Die Erzählung wird konsequent aus Jacks Sicht vorangetrieben. Der Junge befindet sich in der Pubertät, wäscht sich nicht mehr, findet sich hässlich, fühlt sich von seiner Schwester sexuell angezogen. Und er fühlt sich abgewiesen und ausgeschlossen aus der Familiengemeinschaft. Julie übernimmt die Hauptverantwortung für die Familie und verhält sich zunehmend erwachsener, lernt sogar einen älteren Jungen kennen, geht mit ihm aus und bringt ihn mit ins Haus. Julie und Sue besprechen wohl viel miteinander, Jack steht außen vor.

Für mich hatte Aufstehen keinen großen Sinn. Das Essen war nicht sonderlich interessant, und ich hatte als einziger nichts zu tun. Tom spielte den ganzen Tag draußen, Sue las in ihrem Zimmer oder schrieb etwas in ihr Notizbuch, und Julie ging mit ihrem Stiefelverehrer aus. Und wenn sie nicht fort war, machte sie sich dafür zurecht. Sie nahm lange Bäder, die das Haus mit einem süßen Geruch erfüllten, der stärker war als der Küchenmief. (…) Ich wachte am späten Morgen auf, onanierte und glitt wieder in den Schlaf.

Und Tom will – ohne die Nähe seiner Mutter – will ein Mädchen sein, oder wieder Baby. Ein phantastisches Psychogramm entspinnt sich da. Noch dazu ist überall eine überbordende morbide und pubertierende Sexualität in der Luft. Die Kinder haben früher immer Doktorspiele gespielt, doch das hat schon vor Vaters Tod aufgehört. Jack sehnt sich danach, findet aber selten eine gemeinsame Sprache mit seinen Schwestern.

Dabei ist die Figurenkonstellation natürlich eine, die ein Gedankenexperiment über Identität und Rollen in der Gesellschaft bzw. ohne sie. Denn letztendlich werden von den vier diverse Rollenbilder und psychlogische Bedürfnisse durchgespielt, eben ohne die Gesellschaft, der sie entrückt sind, die aber auch nicht von ihr wissen will. Die Geschwister bilden also eine unkultivierte Gemeinschaft und entdecken ihr Gefühle neu. Die Sprachlosigkeit macht es natürlich nicht einfacher, und nur die kleine Schwester Sue versucht sich zu artikuliueren in ihrem Tagebuch.

“Du süßer kleiner Liebling!” Sie streichelte mir den Kopf. Ihre weiße Baumwollbluse war bis zur Wölbung ihrer Brüste auf-geknöpft, und ihre Haut war von tiefem, stumpfen Braun. Sie preßte die Lippen zusammen, aber ihr Lächeln zog sie immer wieder auseinander. Der süße und scharfe Geruch ihres Parfüms hüllte mich ein, und ich saß dämlich grinsend da und starrte ihr in die Augen. Ich dachte daran, aus Spaß den Daumen in den Mund zu stecken, und hob die Hand zum Gesicht.
“Nur zu”, ermunterte sie mich, “hab keine Angst.”

Toll, wie Ian McEwan die olfaktorische Wahrnehmung von Jack, der selbst seit Wochen ungewaschen ist, immer wieder in den Vordergrund rückt. Es ist eben etwas faul, im Staate England. Der Zementgarten ist über seine Handlungsebene hinaus eine großartige gesellschaftskritische Auseinandersetzung mit dem England der 60er und 70er Jahre.

Der Zementgarten ist derzeit als Taschenbuch bei Diogenes für 8,90 € zu erhalten.


Ein Kommentar Response zu “Der Zementgarten – Ian McEwan (1978)”

  • 11. September [ 06Dez11]

    Lesenswert: 11.9. – zehn Jahre danach: Der Einsturz eines Lügengebäudes

     

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