
1938: Anna Seghers sitzt im südfranzösischen Exil und beginnt einen Roman, der das Grauen beschreibt, welches sich zeitgleich in ihrer Heimat abspielt. Die Gebürtige Mainzerin schreibt über die ersten Konzentrationslager in Deutschland. Es ist eine fiktive Geschichte, die sie erzählt – das muss man dazu sagen, weil es ja in der heutigen Soldat-James-Ryan-Authentizität-Zeit. Die Handlung spielt mangels Recherche-Möglichkeiten an den Orten, die sie kennt: im Großraum Rhein-Main, was es für mich natürlich subjektiv noch fesselnder macht.
Vielleicht sind in unserem Land noch nie so seltsame Bäume gefällt worden wie die sieben Platanen auf der Schmalseite der Baracke III. Ihre Kronen waren schon früher gekuppt worden aus einem Anlaß, den man später erfahren wird. In Schulterhöhe waren gegen die Stämme Querbretter genagelt, so daß die Platanen von weitem sieben Kreuzen glichen.
Im Jahre 1937 ist die politische Linke in Deutschland geknechtet und zum Großteil in Konzentrationslagern deputiert worden. Georg Heisler gelingt es mit sechs Mitgefangenen aus dem fiktiven Lager “Westhofen” bei Worms zu fliehen. Der Lagerkommandant befiehlt die Entflohenen innerhalb von 7 Tagen zu fangen und lässt für jeden einen Kreuz aufstellen. Ohne viel vorweg zu nehmen – der Titel deutet es ja eh an – eines wird leer bleiben. Seghers fühlt sich dem sozialistischen Realismus verpflichtet, da geht es nicht um irgendwelche Mindfucks oder überraschende Wendungen. Der Roman will aufklären, belehren, darstellen und wirkt manchmal fast wie ein Drama Brecht’schen Ausmaßes.
Die Handlung ist daher auch schlicht konstruiert. Alle sieben Flüchtigen stehen mit ihren unterschiedlichen Berufen und Biographien für verschiedene Soziale Milieus und Geisteshaltungen im Nationalsozialismus. Und es ist auch kein Wunder, dass gerade der Kommunist Georg Heisler die siebentägige Flucht gelingt. Denn er kann sich auf Freunde und ein Netzwerk der sozialistischen Bewegung, aber auch auf gutwillige politisch nicht engagierte Deutsche verlassen. Aus Worms fleiht er Richtung Mainz, will nach Frankfurt gelangen. Dadurch, dass ich viele Orte selbst kenne, wirkt der ganze Roman trotz des pädagogischen Zeigerfingers für mich hyperreal. Carl Zuckmayer hat über Das siebte Kreuz treffenderweise gesagt:
Es ist das einzige epische Werk der gesamten deutschen Exilliteratur, in dem nicht nur mit gerechtem Zorn Partei genommen wird, sondern – aus der Ferne – ein menschlich glaubhaftes Bild des verfinsterten Deutschland gelungen ist.
Wenn man mal den abgegriffenen und falschen Ansatz wählt und fragt: was wollte die Autorin uns damit sagen? (Denn sie wollte uns damit etwas sagen.) Dann kommt man relativ schnell zu dem einfachen Schluss, dass sie der Welt zeigen wollte, dass das nationalsozialistische System verletzbar ist. Noch während des Krieges gab es Übersetzungen in zahlreiche Sprachen. In den USA – dort wo Seghers letzendlich ihr Exil fand und der Roman erstmals in enlgischer, spanischer und deutscher Sprache erschien – kam noch im gleichen Jahr ein Comic (!) zum Buch heraus. Die internationale Rezeptionsgeschichte ist für deutsche Exilliteratur wenn nicht einmalig so doch herausragend. Es ist – auch international – ein gutes Stück Literaturgeschichte, dass sich da auf gut 400 Seiten quasi vor der Haustür vor einem ausbreitet.
Im Prinzip ist das Buch auch klassische Schullektüre … in der DDR gewesen. Ich habe diesen Wälzer tatsächlich ohne Not uns aus freien Stücken während des Studiums relativ flott durchgelesen und es nicht bereut. Als Stück deutsche Geschichte (antifaschistischer Widerstand und sozialistische Wirkungsgeschichte) hat es sogar in den ein oder anderen Literaturkanon geschafft.
Das siebte Kreuz ist derzeit als Taschenbuch bei Aufbau Verlag für 8,50 € zu erhalten.

[...] Im Jahr 1947 kehrte sie in die sowjetisch besetzte Zone Deutschlands, die spätere DDR zurück.Anna Seghers war vor den Nazis über Frankreich und Spanien nach Mexiko geflohen. Sie ist die Verfas…742">Das siebte Kreuz, eines Romans, der sich mit der KZ-Wirklichkeit auseinandersetzt und in viele [...]