23 Things They Don’t Tell You About Capitalism – Ha-Joon Chang (2010)
Ein typischer Einkauf aus der Bahnhofsbuchhandlung. 23 thing they don’t tell you about capitalism – ein großartiger Buchtitel mit einem tollen Kopf-in-den-Sand-Cover, da muss man einfach reinstöbern, zwischen den Zügen. Ein Spontankauf, denn das Buch ist zudem witzig geschrieben und zudem sehr kenntnisreich und aus einer interessanten Perspektive.
Ha-Joon Chang ist nämlich selbst ein Ökonom, der ein Verfechter des Kapitalismus ist. Es ist somit eine Kritik von links, aber nicht von linksaußen. Interessant also, welche Argumente gegen das aktuelle Wirtschaftssystem aus so eine Perspektive zu hören sind. Ha-Joon Chang ist Koreaner und was ich gelernt habe, ist es keineswegs so, dass die boomenden Staaten Asiens (China, Korea, Japan, Singapur), den zügellosen Kapitalismus praktizieren, den die US-Ökonomen propagieren. Im Gegenteil, dort gibt es viele staatliche Interventionen und auch so eine Art Soziale Marktwirtschaft, wie wir sie auch aus den 60er und 70er Jahren in Deutschland kennen.
Doch irgendwas ist passiert in der Rhetorik der Ökonomen, in den 80ern mit Reagan und Thatcher kippte die Soziale Marktwirtschaft und wurde durch einen Kapitalismus der Finanzwirtschaft ersetzt. Das Konzept des Shareholder Value hat die Weltwirtschaft in den schlimmen aktuellen Zustand geführt. Insbesondere die Dritte Welt hat unter dem neoliberalen westlichen Regime des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank (für die Chang selbst als Berater arbeitete) zu leiden, das den Freihandel protegiert, Protektionismus verbietet und einen Nachtwächterstaat fordert. Das hat viele Staaten Afrikas in ihrem Wachstum deutlich gehindert.
Tatsache ist jedoch, dass sich das Wirtschaftswachstum seit Beginn der neoliberalen und reichenfreundlichen Reformen in den Achtzigerjahren verlangsamt hat. Daten der Weltbank zufolge wuchs die Weltwirtschaft, gemessen am Pro-Kopf-Einkommen, während der Sechzigerjahre um etwas über 3 Prozent, während sie seit den Achtzigern nur noch um 1,4 Prozent jährlich ansteigt.
Kurz gesagt: Seit den Achtzigern geben wir den Reichen ein größeres Stück von unserem Kuchen, weil wir glauben, dass sie dadurch mehr Wohlstand schaffen und den Kuchen größer machen würden, als ansonsten langfristig möglich wäre. Schön und gut, die Reichen haben ihr größeres Stück vom Kuchen bekommen – die Geschwindigkeit aber, mit welcher der Kuchen zunimmt, hat sich verringert.
Das Problem ist, dass die Konzentration des Volkseinkommens in den Händen des Investors […] nicht zu einem höheren Wachstum führt, wenn der Investor nicht bereit ist zu investieren.
Die 23 Lügen, der radikalen neoliberalen Ökonomen, deckt Ha-Joon Chang eine nach der anderen auf, allerdings ohne ein schlüssiges Gegenkonzept zu präsentieren. Aber er kann immer wieder beweisen, dass Staaten, die sich nicht an die Logik des Freihandels halten durchaus deutlich erfolgreicher agieren, und dass das menschliche Individuum keineswegs der homo economicus ist, für den man es gemeinhin hält (wenn man es nicht besser weiß).
Ha-Joon Chang ist übrigens einer der wichtigsten ökonomischen Beeinflusser des ekuadorianischen Präsidenten Rafael Correa. Für alle, die sich mit Argumenten für die nächste Diskussion um die freie Marktwirtschaft und Armut in der Welt versorgen will, ist 23 Lügen, die sie über den Kapitalismus erzählen, wie das Sachbuch auf deutsch heißt, jedenfalls ein absolutes Muss.
Dieses Buch ist in zahlreichen Ausgaben erschienen – ich hab es auf Englisch gelesen, weil da der Sprachwitz natürlich größer ist und ich Fachbücher ganz gut auf Englisch verstehe.
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Schlagwörter: Finanzkrise, Kapitalismus, Wirtschaft



