Die Nacht, die Lichter – Clemens Meyer (2008)

Clemens Meyer - Die Nacht, die LichterHa, da bin ich ja über was gestolpert. Und das im wahrsten Wortsinne. Im tegut in der Schlange an der Kasse wartend, stehe ich vor den Zeitschriften, schaue auf den Boden und da liegt ein Heftchen in Reclam-Aufmachung mit einer witzigen Zeichnung drauf und einer (Schreib-)Schrift, die ich nicht lesen kann, weil man mir in der Grundschule die Vereinfachte Ausgangsschrift beibrachte. Ich natürlich: wo kommt das denn her. Und dann: Aha, klebt auf der Zeitschrift Zeit Campus dran. Kurz geguckt, ob da eine dieser Zeitschriften ohne Büchelchen ist, dann kurz überlegt, ob man die ganze Zeitschrift kaufen sollte, dann das Heftchen einfach mitgenommen. ;-)

Sie sagt irgendwas, und ich sage: “Ja, stimmt.”

Ich hoffe Clemens Meyer möge es mir verzeihen. Dafür schreibe ich auch über ihn, denn von ihm war dieses Heftchen. (Also eigentlich wurde er von Sabrina Ebitsch, einer Zeit Campus-Redakteurin ausgewählt, die auch ein tolles Autoren-Portrait geschrieben hat.) Die Nacht, die Lichter hat also keine 50 reclam-formatige Seiten und enthält drei Erzählungen die aus dem gleichnamigen Erzählungsband und dessen Erstlingsroman Als wir träumten stammen. Nun haben 50 Seiten, die man sich noch dazu in die hintere Hosentasche stecken kann, nun wirklich keine lange Halbwertszeit. Und ich muss zugeben, es ist auch schon wieder einige Wochen her, das Heftchen gelesen zu haben, aber als Ausrede habe: ich musste das Cover (ist eigentlich noch deutlich gelber) auf der Arbeit einscannen.

Was Clemens Meyer schreibt klingt sehr nach Popliteratur, aber er holt diese Literatur auf den Boden des proletarischen Postwende Deutschlands. Wenn er von seiner Jugend in Leipzig schreibt, klingt das kraftvoll und verzweifelt – zwischen Autoklau und billigen Drogen, eine Generation zwischen den Welten.

Wir waren um die fünfzehn damals, und Holsten Pilsener war einfach zu herb, und so soffen wir nationalbewusst. Leipziger Premium Pils. Das war auch preiswerter, denn wir bezogen es direkt vom Hof der Brauerei. Meistens nachts. Die Leipziger Premium Pilsner Brauerei war der Mittelpunkt unseres Viertels und unseres Lebens. Der Ursprung durchsoffener Nächte auf dem Vorstadtfriedhof, endloser Zerstörungsorgien und Tänze auf den Autodächern während der Bockbiersaison.

Ich kann Clemens Meyer absolut empfehlen, und dass, obwohl ich keines seiner Bücher komplett gelesen habe. Aber ich hab es mir fest vorgenommen. Ehrlich!

Das komplette Buch Die Nacht, die Lichter ist als Taschenbuch bei S.Fischer für 9,95€ erhältlich. Sein Debütroman Als wir träumten gibt es ebenfalls bei S.Fischer als Taschenbuch für 9,95€

1. Mai 2008 Belletristik, Neueste Literatur, Pop-Literatur
Schlagwörter: , ,

Buchempfehlung von Jan Schuster

Faserland – Christian Kracht (1995)

Also, es fängt damit an, daß ich bei Fisch-Gosch in List auf Sylt stehe und ein Jever aus der Flasche trinke. Fisch-Gosch, das ist eine Fischbude, die deswegen so berühmt ist, weil sie die nördlichste Fischbude Deutschlands ist. Am oberen Zipfel von Sylt steht sie, direkt am Meer, und man denkt, da käme jetzt eine Grenze, aber in Wirklichkeit ist da bloß eine Fischbude.

Also, es fängt damit an, dass ich in Finnland sitze, in meinem Studentenwohnheim umgeben von finnischem Wald. Man meint da müssten Studenten wohnen, oder zumindest welche, die Englisch sprechen, aber da sind nur verschlossene Türen, viel Zeit also um die Seminare nach Rückkehr aus dem Erasmus-Semestern zu planen, unter anderem ein Pop-Literatur Seminar, zu dem ich mir dann die Bücher per Ebay ersteigerte und nach Finnland liefern ließ. Waren glaube ich 8 Romane, und Faserland eines davon.
Und was passiert da in diesem Buch, dass mit einem so verkrampften Wortwitz im Titel aufwartet? Es ist eine Tour de farce durch Deutschland, von der Nordspitze bis in den tiefsten Süden (und letztendlich mit der Flucht in die Schweiz endend). Aber das tollste an dem Buch ist, dass zwar alles unheimlich belanglos beschrieben scheint, doch Kracht erreicht eine wahnsinnige Dichte in seiner Bildsprache und macht das über den alten Taschenspielertrick der Pop-Literaten durch Referenzieren. Wieviele (Quasi-)Markennamen stehen da wohl im ersten Absatz (Fisch-Gosch, Jever, List auf Sylt), mmh, tatsächlich “nur” drei. Im zweiten Absatz sind es dann (Barbourjacken, Scampis mit Knoblauchsoße, Salem, Traxxx, P1) noch mal einige. Mit jedem davon vermittelt er dem modernen Leser eine ganze Fülle an sozialen Assoziationen. Das lädt geradezu zur Dekonstruktion ein.
Was der erzähler nicht erzählt, ist, dass er beim Fisch-Gosch mit einer Frau steht, die ihn gut findet. Ihm ist das nicht so wichtig, wie ihm nichts wichtig ist. Er lebt ein Dandy-Leben ohne Sinn und ist auf der Suche nach Grenzen, ästhetischen wie real-körperlichen. Eine gewisse Homoerotik schwingt auf seiner Flucht durch ein Land mit, das seine Realitäten gerne verleugnet, wie auch unser Protagonist sich verleugnet. Ihn auf seiner vergeblichen Mühen sich zu entkommen zu begleiten macht tatsächlich Spaß, so traurig und teilweise widerwärtig abstoßend das alles in Wirklichkeit sein mag. Besonders erwähnenswert finde ich übrigens die Stelle, wenn Kracht den Zukunftsforscher (was immer das sein soll) Matthias Horx auftreten lässt, der auf dem Weg zu einem Trendkongreß in Karlsruhe (!) ist.

Dieser Horx ist so ein Trendforscher aus Hamburg, muß man dazu wissen, der sich immer und überall Notizen macht, und wenn ihm jemand wichtig oder irgendwie trendverdächtig genug ist, dann schreibt Horx auf, was dieser Mensch gesagt hat oder was für Anziehsachen anhat oder so. Der Horx ist immer in so schwarze wallende Mäntel gehüllt und hat ganz schütteres langes weißes Haar, und er sieht tatsächlich haargenau so aus wie der irre Wanderprediger in dem Film Poltergeist 2.
Zum Glück erkennt er mich nicht, obwohl ich ihn schon mehrmals auf einer Party belästigt habe, und zwar haben Nigel und ich uns damals ausgedacht, daß wir ein Musical für Matthias Horx schreiben werden, das wir Horxiana! genannt haben, und das wäre dann so eine Mischung aus Starlight Express und Phantom der Oper, nur daß Matthias Horx eben das Phantom wäre und andauernd auf so Rollschuhen rumfahren müßte und nie zur Ruhe käme, weil ihm keine Trends mehr einfielen.
Na jedenfalls habe ich ihn damit mehr als einmal belästigt, völlig betrunken in irgendwelchen Bars auf ihn eingeredet, das wäre doch da Allergrößte, das müßte man sofort produzieren, nein abfeaturen habe ich damals gesagt, und immer darauf gewartet, daß sich dieser schwachsinnige Horx das jetzt aufschreibt. Ist aber nie passiert, leider.

Eine Station legt der Protagonist auch in Frankfurt ein, viel spannender sind allerdings seine Begegnungen auf einer Burschenschaftsparty in Heidelberg. Das ist ganz großes Kino. 1995 war ein sehr gutes Jahr für die deutsche Literatur und Christian Kracht hat mit diesem Buch wesentliches dazu beigetragen und eine zweite Generation der Popliteraten zur Blüte getrieben ohne je wieder etwas popliterarisches geschrieben zu haben.

Dieses Buch ist als Taschenbuch bei dtv für 7,90€ erschienen.

8. Dezember 2007 Belletristik, Pop-Literatur
Schlagwörter: , , ,

Buchempfehlung von Jan Schuster
www.notebooksbilliger.de
buecher.de - Bücher - Online - Portofrei

Schönerlesen.de

Buchempfehlungen

Empfehlungen