Eine Jugend in Deutschland – Ernst Toller (1936)

Eine Jugend in Deutschland - Ernst Toller
Ich lernte den Schriftsteller Ernst Toller kennen, da war ich gerade einmal 17 Jahre alt uns suchte Anti-Kriegsgedichte für meine Kriegsdienstverweigerung. Und da gab es ein Gedicht namens “Leichen im Priesterwald”, das mich mit seiner Verzweiflung des Schlachtfeldes stark berührte. Jahre später vertonte ich mit meiner Punkbank dieses höchst unverdauliche und unrhythmische Gedicht. Ich bin mir nicht sicher, ob man es zum Surrealismus, Expressionismus oder als eine Art Neo-Realismus bezeichnen soll.

Jedenfalls habe ich gewusst Ernst Toller ist ein linker Schriftsteller, der – wie so viele – im Ersten Weltkrieg seine Anti-Kriegshaltung gewann, und dass er in Haft war während der Weimarer Republik, und dass er früh starb. Er starb im amerikanischen Exil per Selbstmord und man sagt er habe schon jahrelang auf jede seiner Reisen eine Strick mitgenommen.

Ich war nie allein in den letzten 5 Jahren, in der trostlosen Verlassenheit nie allein. Die Sonne hat mich getröstet und der Mond, Wind, der über eine Pfütze strich und sie wellte zu fliehenden Kreisen, Gras, das im Frühjahr wuchs zwischen Steinen des Hofs, ein guter Blick, ein Gruß geliebter Menschen, Freundschaft der Kameraden, der Glaube an eine Welt der Gerechtigkeit, der Freiheit, der Menschlichkeit, an eine Welt ohne Angst und ohne Hunger.
Ich bin dreißig Jahre.
Mein Haar wird grau.
Ich bin nicht müde.

Dass dieser Ernst Toller deutsche Geschichte geschrieben hat, wusste ich bis vor ein paar Wochen nicht. Aber Toller schrieb während seines 5-jährigen Gefängnisaufenthalts als politischer Häftling im Alter von 30 Jahren eine Autobiographie – und die ist unfassbar mitreißend. Natürlich sind auch die fünf Jahre Gefangenschaft eindrucksvoll, doch die 25 Jahre zuvor fast umso mehr.

Ernst Toller wuchs in Samotschin (heute Polen) auf in einer wohlhabenden jüdischen Familie. Er war Ausgrenzer (gegen die Kinder der Arbeiter und Armen) und Ausgegrenzter (als Jude), soch die materielle Sicherheit seiner Lebensumstände ließen ihn alles mit spielerischer Leichtigkeit erleben. Er geht nach Grenoble (Frankreich) um dort zu studieren. Doch dann bricht der erste Weltkrieg aus. Obwohl er noch auf pazifistischen Demonstartionen der Arbeiterklasse in Grenoble teilgenommen hatte, flieht er nach Deutschland und meldet sich gleich als Kriegsfreiwilliger. Doch die Deutschen halten die Rückkehrer für potentielle Spione. Als Toller an die Front kommt, erlebt er das Leiden der Soldaten. Hier entstehet auch “Leichen im Priesterwald”. Der Priesterwald war eine der blutigsten Kriegsgegenden in Frankreich.

1916/17 kann Toller dem Krieg entgehen – als Kriegsverweigerer verbringt er mehrere Monate im Zuchthaus – und bringt sich aktiv in die Schriftsteller Szene ein. Die jungen Schriftsteller suchen einen politischen Führer, doch da ist keiner, der sich gegen die kaiserliche Kriegspolitik und das Leid der Jugend Europas erheben will.

Als in Deutschland die Revolution ausbricht ist Toller an vorderster Front dabei und er ist politisch ein gefragter Mann und ist drauf und dran zu einem der wenigen politisch unabhängigen Linken zu werden. Und dann bricht in München die richtige Revoltion los – die Münchner Räterepublik entsteht und Toller ist einer der großen Köpfe. Er schildert wie Inkompetenz und gegenseitige Zwistigkeiten und Feindschaften den Untergang schon früh besiegeln. Allerdings ist es auch unfassbar mit welcher Hingabe und welcher Menschenliebe sich überall Soldaten- und Arbeiterräte bilden. Die Sozialdemokraten (von Toller konsquent Rechtssozialisten genannt) verraten die revolutionäre Sache. Dem Chaos und der äußeren militärischen Bedrohung der Freikorps und der Gegenregierung im Bamberg werden die Räte und Komissionen nicht Herr. Toller engagiert sich auf verschiedensten Positionen, wird gar zum General der revolutionären Rotgardisten.
Mitte: Max Weber, rechts davon Ernst TollerAls die weißen Regierungstruppen eintreffen muss er fliehen. Mehere Wochen kann er sich versteckt halten. In der Zwischenzeit gab es tausende standrechtlicher Erschießungen, die Medien hetzen gegen die Sozialisten. Als Toller auffliegt sind die schlimmsten Misshandlungen zwar schon vorbei, aber er war die Nummer Zwei der gesuchten Personen. Es findet ein Schauprozess statt, die Richter sind noch vom Kaiser benannt. Welche Verfassung haben die Revolutionäre eigentlich umzustürzen versucht? Die kaiserliche war nicht mehr gültig, eine neue gab es noch nicht. Die Liste seiner Füsprecher vor Gericht ist lang und prominent: sein Freund Thomas Mann spricht, Rainer Maria Rilke, Max Weber setzt sich für ihn ein, Hugo Haase ist sein Verteidiger.

Toller wird zu 5 Jahren verurteilt, dort schreibt er seine größten Werke (z. B. Masse Mensch, Das Schwalbenbuch). Eine Amnestie, die der Reichstag nach dem Tod Walther Rathenaus ausspricht findet überall in Deutschland Anwendung – nur nicht in Bayern, die sich gegen das Reichsgesetz wehren. Hier werden die Gefangenen weiter misshandelt, da ist keine Hoffnung.

Währedndessen schwingt sich ein Adolf Hitler in Deutschland auf. Selten bekommen die politischen Häftlinge eine Zeitung zu lesen. Der Autobiogrfie ist noch ein Vorwort angehängt, das Toller 1933 geschrieben hat.

Wer den Zusammenbruch von 1933 begreifen will, muss die Ereignisse der Jahre 1918 und 1919 in Deutschland kennen, von denen ich hier erzähle.

Schreibt er. Das Buch erscheint noch 1933 im Exil in Amsterdam.

Die Sprache der ersten Kapitel ist so frohgemut, liest man das Vowort nicht, man könnte es glatt für den Vorläufer eines Andreas Mand halten. Aus anekdotenhaften Beschreibung der Jugend Tollers entwickelt sich ein Wunderbuch der Zeitgeschichte. Ohne Pathos. Lesebefehl für jeden der sich wirklich mit der Geschichte Deutschlands beschäftigen will.
Eine Jugend in Deutschland ist derzeit als Hardcover bei Anaconda für 2,99 € zu erhalten.

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Kassandra – Christa Wolf (1983)

Wolfgang Hilbig macht sich ja über die gefühlsduselige Christa Wolf lustig in Helden wie wir. Auch ihre Rolle im November 1989 ist durchaus umstritten. Sie hat sich immer für einen reformistischen politischen Weg ausgesprochen und das war für eine Schriftstellerin, die immerhin so DDR-systemkonform war, dass sie ins Ausland reisen durfte unglaubwürdig.

Einige Jahre zuvor – nämlich 1982/83 – schrieb sie das Buch Kassandra. Autoren der DDR hatten ja oft einen Hang zu antiken Mythen, die waren unverfänglich und ihre vielleicht viel zu leise intellektuelle Systemkritik konnte dort gut chiffriert werden. (Vgl. auch den großartigen Heiner Müller – Die Befreiung des Prometheus aus dem Theaterstück Zement)

Sie schrieb also und sie dozierte – in Frankfurt am Main. 1982 hielt sie die berühmte Frankfurter Poetik-Vorlesung, in der Sie von ihrer Arbeit an Kassandra berichtete und 1983 erschien die Erzählung in einem Band mit den Aufzeichnungen der Vorlesung. Auch in der DDR, allerdings zensiert.

Kassandra ist die trojanische Seherin und Königstochter von König Priamos und Hekabe, der niemand glauben schenkt. Sie kommentiert strikt subjektiv die Ereignisse des Trojanischen Krieges aus ihrer Perspektive. Das ganze ist ziemlich nah am Stream-of-Consciousness Erzählstil und man erfährt alles über das Innenleben und Leiden der jungen Frau, ihrer verschmähten Liebe. In einer brutalen Zeremonie soll sie entjungfert werden, doch Aineias, den sie zum ersten mal erblickt, verschont sie. Und sie verliebt sich in ihn. Die schöne Helena hat man im Troja Wolfs nicht gesehen. Sie scheint als ein Trugbild. Man munkelt man habe sie auf der Überfahrt nach Troja ans Meer verloren.

Ich habe das Buch einst auf einer langen Zugfahrt – im Stehen – gelesen. Es ist einfach eindrucksvoll auch wenn wir 20 Jahre nach der DDR mehr als nur Mühe haben, die Chiffren zu lesen. Die Wucht des Archaischen wirkt einfach ungebrochen. Klar ist, die Erzählung ist Patriachatskritik und Gesellschaftskritik pur. Es gibt einige Figuren, die sich direkt als politische Akteure in der DDR lesen lassen (Priamos -> Der Staat, Hekabe -> Die Partei, Eumelos -> Die Staatssicherheit, Arisbe -> Die Frauenbewegung). Kassandra jedenfalls ist eine Gefangene eines militaristischen Systems des Wettrüstens, von dem Sie sich emotional nicht lossagen kann. Christa Wolf schreibt das natürlich unter autobiografischen Hintergrund und sieht sich selbst als machtfern empfindende Intellektuelle. Daran störte sich ja auch Wolfgang Hilbig.

Am Ende entscheidet sich die entfremdete und entwurzelte Kassandra übrigens nicht für die Flucht aus dem brennenden Troja mit ihrer unerwiderten Liebe Aineas, sondern für ihre (auch emanzipatorisch-feministische) Autonomie – und damit für die Gefangenschaft bei den Griechen unter Agamemnon und ihren sicheren Tod. Eins ist klar, dass Thema wurde von Christa Wolf hoch-komplex und intellektuell fordernd aufgeladen, aber für einen geschulten Geist ist das Werk ein Hochgenuss.

Kassandra ist derzeit als Taschenbuch bei suhrkamp für 7,00 € zu erhalten.

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