Die Känguru-Chroniken – Marc-Uwe Kling (2009)

Mich faszinieren Bücher mit kommunistischen Protagonisten. Und in diesem Fall kommt der Kommunist, den ich meine, aus Australien und ist ein Känguru.

“Hä?” fragt ihr. Und ich so: Ja, das kommunistische Känguru lebt zusammen mit diesem spießigen Poetry Slammer namens Marc-Uwe Kling in einer typisch berlinerischen Mietswohnung. Eigentlich ist er Untermieter und unausstehlich. Und ganz eigentlich ist das Känguru aus lauter Bequemlichkeit bei Marc-Uwe Kling eingezogen, denn eigentlich war er nur sein Nachbar.

Das Känguru ist vor kurzem bei mir eingezogen. Es hat einfach sein ganzes Zeug rübergeschafft und danach gesagt: “Is okay, oder?”
Ich hab nix gesagt. Es ist ja sowieso immer hier.
“Is näher zum Kühlschrank”, hat es noch hinzugefügt. Inzwischen hat es das komplette Wohnzimmer für sich in Beschlag genommen. Es hängt gerade einen Boxsack in der Mitte des Zimmers auf, da klopft jemand an der Tür. Ich öffne. Aha, die Polizei, denke ich.”

Im flappsigen Ton beschreibt Marc-Uwe skurril-witzige Geschichten, die sein Alter Ego mit diesem Tier erlebt. Als guter Kommunist legt er sich mehr als einmal mit der Obrigkeit an, wird am Flughafen durchleuchtet, und die Polizei ist dem Känguru, das Besitzverhältnisse – insbesondere das Eigentum von Marc-Uwe – eher für bürgerliche Anachronismen hält, immer auf den Fersen. Das ganze ist sehr kurzweilig und witzig zu lesen.

Sicherlich keine große Literatur, aber auch mehr als ein tolles Geschenk für Lesemuffel. Und politisch korrekt so wie hier ist es nur manchmal.

“Meiner Ansicht nach gibt es keinen gesunden Patriotismus”, sagt das Känguru. “Im Gegenteil. Patriotismus scheint mir immer ein Zeichen von Idiotie zu sein.”
Natürlich sagt es das nicht irgendwo. Sondern während der öffentlichen Live-Übertragung eines Fußballländerspiels (…) zu einem Typ in einem schwarz-rot-goldenen Flaggenumhang, mit einer schwarz-rot-goldenen Narrenkappe auf dem Kopf und einem komplett schwarz-rot-gold gestrichenen Gesicht.”
“Es gibt also nur kranken Patriotismus.”
“Ey, du bist ja voll krank!”, sagt unser schwarz-rot-gold gestrichener Freund und lacht.

Aus Die Känguru-Chroniken hat Marc-Uwe Kling bei einem Peotry Slam außer Konkurrenz im letzten Jahr in der Centralstation Darmstadt vorgelesen. Es ist als Taschenbuch bei Ullstein für 7,95 € erschienen.

5. Juni 2010 Belletristik, Neueste Literatur, Pop-Literatur
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Roman von einem Feld – Katja Behrens (2008)

Ein Roman über ein Feld zu schreiben – und ja, es geht hier wirklich um ein Feld und seiner Bewohner und die Geschehnisse rundherum – das ist natürlich ein Experiment. Und zwar eines, dass sich zweifelsohne in Naturbeschreibungen ergeben muss. Das hört sich häufig so an:

Über dem Waldrand im Osten des Oberfeldes rötet sich der Himmel. An der Hammelstrift kämpfen zwei Rammler miteinander. Die Häsin, um die es geht, ist nirgends zu sehen. Die Rivalen betrommeln sich mit den Vorderläufen. Ein Flugzeug brummt. Die Hasenmänner fauchen und knurren und pinkeln sich gegenseitig an. Über ihnen gurren die Tauben, gurren und verbeugen sich voreinander.

Auch wenn sich diese Beschreibungen zum Teil Seitenweise ziehen, ist dies natürlich nicht alles, was in dem Roman steckt. Es handelt sich nämlich nicht um irgendein Feld, auch wenn dies zu Beginn des Romans explizit suggeriert wird. Aber es ist viel konkreter, denn es handelt sich um das Oberfeld in Darmstadt – auch ein Grund, warum ich dieses Buch überhaupt gelesen habe. Denn in Darmstadt gab es vor einem Jahr die Aktion “Darmstadt liest ein Buch”, während der verschiedene Darmstädter Bürger ein ganzes Buch am Stück vorlasen – und zwar den Roman von einem Feld.

Und deshalb wird auch nicht nur Naturbeschreibung sondern eine Stadtgeschichte geschrieben. Dabei liegt das Oberfeld eine Jahrhunderte alte Rodung deutlich außerhalb der Stadtgrenzen Darmstadts und seine Bewohner und Angehörige sind deshalb Arbeiter, die einst die Stadtmauer erbauten, und Bauern die zu leiden haben unter den Unbillen des Lebens. Die Beschreibung startet in der Zeit als “die Menschen noch glaubten, die Steine wüchsen in der Erde wie Pflanzen” – zur Zeit als ein Steinbruch errichtet wurde um die Stadtmauer Darmstadts zu bauen.

Es geht um Hildebold und Gumpe, die Alte Trine, die später während des Dreißigjährigen Krieges auf dem Oberfeld geschändet wird. Und um die Anwohner in der Kaiserzeit und des 20. Jahrhunderts – auf der Flucht vor Repressionen der Herrscher und Nazis, oder deren Nutznießer. Ein wirklich interessantes Konglomerat. Und der Roman verfolgt seine Protagonisten auch mal an andere Orte wie die Nervenheilanstalt in Goddelau, oder in den Odenwald, ins amerikanische Exil oder nach Norddeutschland.

Behrens flechtet deren Geschichten aber immer wieder in aktuelle, sowie historische Naturbeschreibungen ein. Ein Konzept, das merklich anstrengen für den Leser ist, aber durch das das Buch eine gute atmosphärische Dichte gewinnt. Überflüssigerweise ist das Buch in Monate statt Kapitel gegliedert, ohne dass die Handlungstränge, die meist chronologisch verlaufen, daran Anstoß nehmen würden.

Ich denke, dass Buch ist auch ohne südhessischen Lokalpatriotismus durchaus ein interessantes Stück Literatur und Zeitgeschehen. Es kommt komplett ohne komplexe Handlungstränge aus und hat daher auch keinen Spannungsbogen im engeren Sinne. Vielleicht ist also doch nur, was ich zu anfangs bereits ahnte, ein interessante schriftstellerisches Experiment.

Der Roman von einem Feld ist seit der “Darmstadt liest ein Buch”-Lesung als Sonderausgabe in Broschur bei S. Toesche-Mittler Verlag für 9,90 € erschienen.

18. April 2010 Belletristik, Neueste Literatur
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