Tannöd – Andrea Maria Schenkel (2006)

Das ist jetzt so ein bisschen eine Premiere in diesem Blog. Einen Verriss möchte ich das Kommende nicht nennen. Aber so richtig gefallen hat mir das Buch leider auch nicht.

Vielleicht schreib ich erstmal was zum (recht spärlichen) Inhalt: Der Roman beschreibt einen authentischen sechsfachen Mordfall, der sich kurz nach dem Ersten Weltkrieg 1922 auf dem mittlerweile nicht mehr existenten, oberbayerischem Almort Hinterkaifeck ereignete. In knapp 40 kurzen Abschnitten werden die Perspektiven der Opfer, der Ortsansässigen und des Täters miteinander einzeln erzählt und in die Zeit nach dem Zweiten (!) Weltkrieg verschoben. Zusammen hält sich das ganze durch die informelle antwortende Haltung – als ob ein Ortsfremder nochmal nachforscht, nachdem die Polizei schon aufgegeben hat. Die “Zeugenaussagen” sind daher auch weitestgehend isoliert.

Nur langsam fügt sich das klischeegetränkte Gesamtbild zusammen: Eine Bauernfamilie, die Danners, beherrscht von einem tyrannischen, Frau und Kinder mißbrauchenden Vater, zieht andere Menschen in ihr Beziehungsgeflecht hinein, bis einer davon, von Enttäuschung übermannt, im Blutrausch alle Bewohner des Hofes brutal ermordet, darunter zwei Kinder und eine gerade erst angestellte Magd.

Der Bauer, ein großer, kräftiger Mann, einsilbig. Während des Abendessens hat er nicht viel gesprochen. Er hat sie nur kurz begrüßt, als sie in die Stube kam. Ein fester Händedruckm ein abschätziger Blick, das war alles. Seine Frau, auch sie sehr still. Älter als der Mann. Verhärmt, verschlossen. Sie sprach das Tischgebet.

Im Film spielen Julia Jentsch und Monica Bleibtreu die Hauptrollen. Gerade wegen der ersten wollte ich den Film sehen, aber davor auf jeden Fall das Buch gelesen haben. Ein Fehler? So weit will ich nicht gehen. Aber ich hab mich schon ziemlich durchgequält, obwohl das Heftchen keine 200 Seiten hat. Und den Film habe ich auch noch nicht gesehen, irgendwie ist mir die Lust vergangen.

Die Geschichte ist absehbar – ich würde sogar soweit gehen, dass es mir am Ende fast egal war, wer denn jetzt der Mörder gewesen sein mag. Quälend ziehen sich die Passagen durch Buch in denen alt bayrisch-christliche Marienklagen und -gesänge rezitiert werden (da werde ich ja aggro). Da fragt man sich ja schon, wie sowas ein so großer Verkaufserfolg werden kann. Über 1 Million verkaufte Exemplare machten die Neuautorin Andrea Maria Schenkel zu einer gefragten Krimi-Autorin. Nur: das ist doch kein Krimi.

Da stellt sich kein Whodunnit-Gefühl ein. Es ist überhaupt nicht klar, ob sie nicht noch am Ende einen neuen Protagonisten aus dem Hut zaubert – das verstößt gegen jede Regel, die dem Genre innewohnt und zwar ohne Not. Und es kommt hinzu, dass dies nicht zum Wohle eines Spannungsbogens oder zu einer gelungenen erzählerischen Ästhetik führt.

Was allerdings gut gelingt, ist diese Schwere, dieses Misanthropisch-Ländliche aufzufangen, das man in Bayern nicht nur in dieser Zeitepoche erwartet. Tiefes Misstrauen und ein innerer Rückzug allenthalben. Aber ist das wirklich so? Und ist das jetzt doch ein Verriss geworden? Das Buch ist vor allem wegen seines Erfolgs so lesenswert, denn nicht viele deutsche Bücher der letzten Zeit auf einem solchen Niveau konnten diese Erfolgsabverkaufszahlen erreichen. Da lohnt sich doch ein Blick auf das Wieso?

Tannöd ist derzeit als Taschenbuch bei btb für 7,00 € zu erhalten.

25. November 2010 Belletristik, Neueste Literatur
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Buchempfehlung von Jan Schuster

Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten – Christian Kracht (2008)

Und nun wieder zu einem düsteren Buch und einem grauen Land. Das sich zugegeben in einer Parallelwelt befindlich noch düstererer und grauer darstellt als es in Wirklichkeit ist. Der Schweizer Christian Kracht hat nach Faserland und 1979 seinen dritten Roman geschrieben und diesmal eben spielt die Handlung (größtenteils) in der Schweiz. Genauer: in der Schweizer Sowjet Republik (SSR).

Kracht entwirft mit großzügigen Collage-Effekten eine Geschichte und Geschichtsschreibung, in der Lenin vor knapp 100 Jahren den Zug nach Russland verpasste und stattdessen seine Weltrevolution in der Schweiz durchführte. Das war im Jahr 1917, seitdem herrschen 96 Jahre Krieg. Nördlich der Linie Straßburg-Heidelberg droht das faschistische deutsch-englische Bündnis, im Süden die ebenfalls faschistischen Italiener. Im Osten, jenseits von “Schweizerisch-Salzburg”, verlaufen die Grenzen eines Koreanisch-Minsker Reiches. Die Hindustanis gelten als mögliche Verbündete, doch mit dem Großaustralischen Reich haben auch sie einen gefährlichen Gegner im Nacken. Die Amexikaner haben sich aus dem Prozess der Geschichtsschreibung schon lange in ihre eigene Mythik zurückgezogen. (Man munkelt die gefiederte Schlange Quetzalcoatl sei zurückgekehrt.)

Die Schweiz hat die zivilisatorischen Fortschritt leninistischer Prägung nach Zentralafrika exportiert und dort ein Musterland am Fuße des Kilimandscharo geschaffen. Dem schwarzen Kontinent wurde eine sozialistisch-schweizerisch Kolonie abgerungen. Aus ihr wird der militärische (und kulturelle) Nachschub für den Krieg in Europa rekrutiert.

Und so folgen wir dem Schweizer Schwarzafrikaner, der als Politkommissar im verschneiten Schweiz den jüdischen Polen Oberst Brazhinsky verfolgt, der Verdacht erregt hat. Die Manschen, das Land sind merkwürdig verzerrt: moralisch-menschlich. Es wird beiläufig menschenverachtend gemordet, und unmotiviert altruistisch Leben gerettet. Ein ethischer Kompass scheint noch irgendwie vorhanden zu sein, aber verstehen kann ihn der Leser nicht. Es ist eine Reise ins Herz der Finsternis (Joseph Conrad). The snake is long.

Der Ich-Erzähler folgt Brazhinsky in der Schweizer Kernland, das Réduit. Ein (auch real existierendes) unterirdisches Höhlensystem in das Alpenmassiv gehauen. Uneinnehmbar, auch nicht durch das Bombardement deutscher Luftschiffe. Eine sich stetig weiter mäandernde groteske Alpenfestung. Die V2-esken Raketen, die den sowjetischen Sieg bringen sollen, bleiben allerdings ein Hirngespinst, genauso wie die Idee Brazhinsky einfach festnehmen zu können. Er hat die Kunst des “räumlichen Sprechens” entwickelt, bereit zur Manipulation. Der Heiland.

Das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung schreibt: “Wenn es noch irgendjemanden gibt, der Literatur um des Stils und nicht um der Information willen liest, aus purer Freude an der Wirkung von Sätzen, Rhythmen und Adjektiven, hier findet er seinen Text.” und bestätigt mich damit in meinen Glauben an Kracht. Er dekonstruiert den Historizismus unserer Zeit. Die Schrift scheint einem umgekehrten Menetekel gleich einfach zu verschwinden. Das Wort, das heilige Wort scheint auch im anti-religiösen Schweizer Sowjet-Kommunismus hell und immer heller. Sozialismus in menschlichem Antlitz? Nein. Gesellschaftliches Scheitern in mystisch-ekligem Gewand.

Christian Kracht selbt spricht übrigens von einem Triptychon Faserland, 1979 und Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. Das ist insofern spannend, als dass beide anderen Romane sehr real und eben keine Sujets in einer alternativen Wirklichkeit haben. Aber der Titel Faserland war schon 1995 eine Anspielung auf den Roman Fatherland von Robert Harris, der in einer alternativen Realität angesiedelt ist, in dem Hitler den 2. Weltkrieg gewonnen hat (die Handlung spielt zu Hitlers 75. Geburtstag im Jahr 1964 in einem Berlin, das nach Albert Speers Plänen umgebaut wurde).

Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten ist seit Juni 2010 als 160-seitiges Taschenbuch bei dtv für 8,90 € erschienen.

Weitere Blog-Rezensionen:

5. Juli 2010 Belletristik, Neueste Literatur, Science Fiction
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