Taschenatlas der abgelegenen Inseln: Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde – Judith Schalansky (2009)

Der mare-Verlag ist einer innovativsten Verlage überhaupt im deutschen Buchmarkt. Statt sich bestimmten Autoren oder Distributionswegen zu widmen, wie es derzeit bei Neugründungen üblich ist, konzentriert sich der Verlag um ein einziges Thema: das Meer. Die Bücher, die hier produziert werden sind so authentisch-sehnsüchtig und liebevoll – das findet man in der schnellen Welt der digitalen Ebooks heutzutage selten.

Das Buch, das ich besprechen will ist dabei das 2011 herausgegebene Taschenbuch eines Klassikers des Verlags. Der Atlas der abgelegenen Inseln hat im Wettbewerb “Die schönsten deutschen Bücher 2009″ den 1. Preis der Stiftung Buchkunst belegt und den “Designpreis der Bundesrepublik Deutschland 2011″ in Silber im Bereich Kommunikationsdesign. Was es alles gibt.

Auf diesem stummen namenlosen Eiland erhob sich ein wustiges Massiv braun aquarellierter Gebirgszüge, in deren Talsohlen kleine Seen lagen und sich Flüsse schlängelnd ihren Weg ins Meer suchten, das nur von der blauen Kontur des Küstenverlaufs angedeutet wurde. Ich stellte mir vor, dass der Kartograf erst diese Insel zeichnen musste, ehe er sich an das Festland wagen durfte [...]. Dieser klar umrissene Flecken Land war ganz und gar vollkommen und gleichzeitig verloren, wie das lose Blatt, auf das er gezeichnet worden war. Jeglicher Bezug zum Festland war abhanden gekommen. Der Rest der Welt wurde einfach verschwiegen. Eine einsamere Insel habe ich nie gesehen.

Und dabei ist das Buch mit seinen zahlreichen Fakten zu den einzelnen Inseln, die von der genauen Geographie und Größe und deren Einwohnerzahl bis hin zur Geschichte ihrer Landnahme, einerseits ein Sachbuch, gleichzeitig aber auch durchaus poetisch. Es ist eine Poesie der Sehnsucht und gleichzeitigen Erleichterung. Fernweh und Heimeligkeit. Kaum eine der abgelegenen Inseln hinterlässt den bleibenden Eindruck, dass man dort unbedingt einmal gewesen sein sollte. Im Gegenteil die Beschreibungen von Atomtests, Mord und Kannibalismus, sowie anderer Absurditäten lässt einen doch noch stärker in die heimische Tagesdecke kuscheln.

Tatsächlich gibt es eine Reihe von Inseln, die so weit von ihrem Mutterland entfernt sind, dass sie nicht mehr auf die nationalen Karten passen. Meistens werden sie dann übergangen; bisweilen erhalten sie einen Platz am kartografischen Katzentisch: eingepfercht, in einen gerahmten Kasten, an den Rand gedrängt, mit eigenem Maßstab, aber ohne Auskunft über ihre tatsächliche Lage. So werden sie zu Fußnoten des Festlandes, in gewisser Weise entbehrlich, aber ungleich interessanter als der gewichtige, kontinentale Korpus.

Die textlichen Beschreibungen sind nie länger als zwei Seiten, die Fakten-Übersicht ebenso. Dazu kommt noch ein kurzes Vorwort. Fertig kann eines der tollsten Bücher des Jahres sein. Absolut lesenswert.

Dieses Buch ist derzeit broschiert bei Amazon für 14,99€ zu erstehen.

Weitere Rezensionen:

26. Januar 2012 Belletristik, Neueste Literatur, Sachbücher
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Buchempfehlung von Jan Schuster

Kassandra – Christa Wolf (1983)

Wolfgang Hilbig macht sich ja über die gefühlsduselige Christa Wolf lustig in Helden wie wir. Auch ihre Rolle im November 1989 ist durchaus umstritten. Sie hat sich immer für einen reformistischen politischen Weg ausgesprochen und das war für eine Schriftstellerin, die immerhin so DDR-systemkonform war, dass sie ins Ausland reisen durfte unglaubwürdig.

Einige Jahre zuvor – nämlich 1982/83 – schrieb sie das Buch Kassandra. Autoren der DDR hatten ja oft einen Hang zu antiken Mythen, die waren unverfänglich und ihre vielleicht viel zu leise intellektuelle Systemkritik konnte dort gut chiffriert werden. (Vgl. auch den großartigen Heiner Müller – Die Befreiung des Prometheus aus dem Theaterstück Zement)

Sie schrieb also und sie dozierte – in Frankfurt am Main. 1982 hielt sie die berühmte Frankfurter Poetik-Vorlesung, in der Sie von ihrer Arbeit an Kassandra berichtete und 1983 erschien die Erzählung in einem Band mit den Aufzeichnungen der Vorlesung. Auch in der DDR, allerdings zensiert.

Kassandra ist die trojanische Seherin und Königstochter von König Priamos und Hekabe, der niemand glauben schenkt. Sie kommentiert strikt subjektiv die Ereignisse des Trojanischen Krieges aus ihrer Perspektive. Das ganze ist ziemlich nah am Stream-of-Consciousness Erzählstil und man erfährt alles über das Innenleben und Leiden der jungen Frau, ihrer verschmähten Liebe. In einer brutalen Zeremonie soll sie entjungfert werden, doch Aineias, den sie zum ersten mal erblickt, verschont sie. Und sie verliebt sich in ihn. Die schöne Helena hat man im Troja Wolfs nicht gesehen. Sie scheint als ein Trugbild. Man munkelt man habe sie auf der Überfahrt nach Troja ans Meer verloren.

Ich habe das Buch einst auf einer langen Zugfahrt – im Stehen – gelesen. Es ist einfach eindrucksvoll auch wenn wir 20 Jahre nach der DDR mehr als nur Mühe haben, die Chiffren zu lesen. Die Wucht des Archaischen wirkt einfach ungebrochen. Klar ist, die Erzählung ist Patriachatskritik und Gesellschaftskritik pur. Es gibt einige Figuren, die sich direkt als politische Akteure in der DDR lesen lassen (Priamos -> Der Staat, Hekabe -> Die Partei, Eumelos -> Die Staatssicherheit, Arisbe -> Die Frauenbewegung). Kassandra jedenfalls ist eine Gefangene eines militaristischen Systems des Wettrüstens, von dem Sie sich emotional nicht lossagen kann. Christa Wolf schreibt das natürlich unter autobiografischen Hintergrund und sieht sich selbst als machtfern empfindende Intellektuelle. Daran störte sich ja auch Wolfgang Hilbig.

Am Ende entscheidet sich die entfremdete und entwurzelte Kassandra übrigens nicht für die Flucht aus dem brennenden Troja mit ihrer unerwiderten Liebe Aineas, sondern für ihre (auch emanzipatorisch-feministische) Autonomie – und damit für die Gefangenschaft bei den Griechen unter Agamemnon und ihren sicheren Tod. Eins ist klar, dass Thema wurde von Christa Wolf hoch-komplex und intellektuell fordernd aufgeladen, aber für einen geschulten Geist ist das Werk ein Hochgenuss.

Kassandra ist derzeit als Taschenbuch bei suhrkamp für 7,00 € zu erhalten.

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