Homo Faber – Max Frisch (1957)

Homo Faber heute, das ist Schullektüre. Das sind die fragenden Blicke der Schüler der 9ten, 10ten und 11ten Klassen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Buch von Max Frisch, immerhin einer der wichtigsten drei deutschsprachigen Autoren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ist wahnwitzig unbeliebt in den Klassenräumen dieser Welt, und das trotz seiner einfachen Lesbarkeit. Warum ist das so?
Ich muss dazu sagen, dass ich das Buch auch in der Schule absolut prima fand. Wir haben es damals in Kontrast zum antiken Ödipus-Mythos gelesen und das erzeugte tatsächlich einen Spannungsmoment beim Lesen. Letztendlich sehe ich dennoch ein, dass Homo Faber für die Schule nur bedingt geeignet ist. Irgendwo passt die Alt-Herren-Theatralik nicht in Klassenzimmer. Der alternde Protagonist Walter Faber, Technokrat durch und durch, verfasst hier eine Autobiographie des Scheiterns. Sein Technikglaube scheitert, seine “Familie” scheitert, und am Ende scheitert er auch in seiner Menschlichkeit. Blind (im metaphorischen Sinne) geistert er durch die Erste und Dritte Welt, unfähig sich sein Scheitern einzugestehen. Dabei diktiert vor allem vor allem das andere Geschlecht seinen Untergang, am anderen, romantischen und so untechnokratischen Leben. Ich mag dieses hilflose Stakkato in Walter Faber Diktus. Seine Sprache spiegelt seine Lebenswelt so fantastisch wider.
Unsere Reise nach Italien – ich kann nur sagen, dass ich glücklich gewesen bin, weil auch das Mädchen, glaube ich, glücklich gewesen ist trotz Altersunterschied. (…) Wir hatten fantastisches Wetter. Was mir Mühe machte, war lediglich ihr Kunstbedürfnis, ihre Manie, alles anzuschauen. Kaum in Italien, gab es keine Ortschaft mehr, wo ich nicht stoppen mußte: Pisa, Florenz, Siena, Perugia, Arezzo, Orvieto, Assisi. – Ich bin nicht gewohnt, so zu reisen. In Florenz rebellierte ich, indem ich ihren Fra Angelico, offen gesagt, etwas kitschig fand. Ich verbesserte mich dann: Naiv. Sie bestritt es nicht, im Gegenteil, sie war begeistert; es kann nicht naiv genug sein.
Was ich genoß: Campari!
Meinetwegen auch Mandolinen-Bettler -
Was mich interessierte: Straßenbau, Brückenbau, der neue Fiat, der neue Bahnhof in Rom, der neue Rapido-Triebwagen, der neue Olivetti -
Ich kann mit Museen nichts anfangen.
Und so beginnt das ungleiche (und eben doch sehr eng verbandelte Paar – Vater und Tochter, alter Mann und junge Geliebte) ihre Odyssee durch das alte, das antike, das kulturelle Europa. Und wie sich das für die Antike gehört kommt es zur Katastrophe, die nicht ganz so tragisch im Wortsinne ist, wie sie sich anfühlt. Und auch die Teichoskopie (der Mauerblick) zu Ende des Roman lässt ein Germanistenherz höher schlagen. Der totkranke Walter Faber wartet auf seine Krebs-OP und endet mit seinem letzten Eintrag, der technischer und zugleich naiver nicht sein kann:
08.05 Uhr
Sie kommen.
Dieses Buch ist als Suhrkamp-Taschenbuch für 8,00€ erschienen.
Schlagwörter: Antike, Liebe, Roman, Schweiz, Technik


