Lenz – Georg Büchner (1839)

Germanisten nehmen es ja – mir bis heute ziemlich unverständlich – mit Gattungen ganz genau. Ich sitze also in meiner letzten, mündlichen Magisterprüfung, eines meiner 6 Prüfungsthemen “Georg Büchner”, halte den Anfang von Lenz in der Hand, habe schon angefangen ihn poetologisch und ästhetisch auseinanderzunehmen, da pfeift mich mein Prof zurück, wie man denn die Gattung beschreiben könne. Ich, um einen Scherz bemüht: “Fragment”. Das hat leider nicht gewirkt. An dieser Stelle musste ich dann mindestens zwei Definitionen der Gattung Novelle explizieren, weil dies natürlich keine ist. *würg*

Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg.

Ein Buchanfang für die Ewigkeit. Es ist mir unerklärlich wie man einen derart schönen Text mit einer Gattungsdiskussion belegen kann. Selbst in einer Magisterprüfung nicht, schon gar nicht, wenn man weiß, dass man sich am Ende zähneknirschend auf das nichtssagende (fragmentarische) Erzählung einigen muss, weil eine Novelle nach Goethe ja etwas Unerhörtes erzählt und die Leidensgeschichte des Sturm-und-Drang-Autoren Jakob Michael Reinhold Lenz auch Dank eines Berichts und Psychograms des Pfarrers Johann Friedrich Oberlin nicht unbekannt war und ist. Unbefriedigend für alle Beteiligten. Dabei ist es die Ästhetik, die einen schon auf den ersten anderthalb Seiten des Reclam-Heftchens in Beschlag nimmt. Es ist die Naturwerdung eines Menschen, der sich seinem Wahn hingibt und durch einen Wald stürzt auf der Suche nach Heilung, nach Abgeschiedenheit, Erlösung und sich selbst. Und er wird sie nicht finden.

Es war ihm alles so klein, so nahe, so naß; er hätte die Erde hinter den Ofen setzen mögen. Er begriff nicht, daß er so viel Zeit brauchte, um einen Abhang hinunterzuklimmen, einen fernen Punkt zu erreichen; er meinte, er müsse alles mit ein paar Schritten ausmessen können. Nur manchmal, wenn der Sturm das Gewölk in die Täler warf und es den Wald herauf dampfte, und die Stimmen an den Felsen wach wurden, bald wie fern verhallende Donner und dann gewaltig heranbrausten, in Tönen, als wollten sie in ihrem wilden Jubel die Erde besinnen, und die Wolken wie wilde, wiehernde Rosse heransprengten, und der Sonnenschein dazwischen durchging und kam und sein blitzendes Schwert an den Schneeflächen zog, so daß ein helles, blendendes Licht über die Gipfel in die Täler schnitt; oder wenn der Sturm das Gewölk abwärts trieb und einen lichtblauen See hineinriß und dann der Wind verhallte und tief unten aus den Schluchten, aus den Wipfeln der Tannen wie ein Wiegenlied und Glockengeläute heraufsummte, und am tiefen Blau ein leises Rot hinaufklomm und kleine Wölkchen auf silbernen Flügeln durchzogen, und alle Berggipfel, scharf und fest, weit über das Land hin glänzten und blitzten riß es ihm in der Brust, er stand, keuchend, den Leib vorwärts gebogen, Augen und Mund weit offen, er meinte, er müsse den Sturm in sich ziehen, alles in sich fassen, er dehnte sich aus und lag über der Erde, er wühlte sich in das All hinein, es war eine Lust, die ihm wehe tat; oder er stand still und legte das Haupt ins Moos und schloß die Augen halb, und dann zog es weit von ihm, die Erde wich unter ihm, sie wurde klein wie ein wandelnder Stern und tauchte sich in einen brausenden Strom, der seine klare Flut unter ihm zog.

Das ist so unfassbar lyrisch arrangiert. Mit falschen Allegorien und Metaphern durchsetzt, die vom Autor bewusst gebrochen werden, und für eine Unruhe beim lesen sorgen, die eine – oder zumindest mich mitreist. Zugegeben: das sprachliche und Intensität-Niveau der ersten Absätze kann Büchner natürlich nicht halten, denn auch in kurzen Erzählungen gibt es eben Erzählrythmen, aber die Verzweiflung eines Intellektuellen wurde zuvor nie so authentisch und belebt beschrieben wie in diesem Werk.

Achja, und der Vollständigkeit halber: Natürlich ist Lenz ein Fragment posthum aus seinem Nachlass veröffentlicht. Allein der Anfang lässt schon vermuten, dass womöglich eine Fassung existierte oder am Ende existieren sollte, die chronologisch-dokumentarischer aufgebaut war/ist. Die Büchner-Forschung ist hier ganz gut zerstritten. Aber so sind sie halt, die Germanisten.

Georg Büchners Lenz ist bei Reclam mit dem Hessischen Landboten für 1,60€ erschienen.

18. Februar 2008 Klassiker
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Homo Faber – Max Frisch (1957)

Homo Faber heute, das ist Schullektüre. Das sind die fragenden Blicke der Schüler der 9ten, 10ten und 11ten Klassen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Buch von Max Frisch, immerhin einer der wichtigsten drei deutschsprachigen Autoren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ist wahnwitzig unbeliebt in den Klassenräumen dieser Welt, und das trotz seiner einfachen Lesbarkeit. Warum ist das so?

Ich muss dazu sagen, dass ich das Buch auch in der Schule absolut prima fand. Wir haben es damals in Kontrast zum antiken Ödipus-Mythos gelesen und das erzeugte tatsächlich einen Spannungsmoment beim Lesen. Letztendlich sehe ich dennoch ein, dass Homo Faber für die Schule nur bedingt geeignet ist. Irgendwo passt die Alt-Herren-Theatralik nicht in Klassenzimmer. Der alternde Protagonist Walter Faber, Technokrat durch und durch, verfasst hier eine Autobiographie des Scheiterns. Sein Technikglaube scheitert, seine “Familie” scheitert, und am Ende scheitert er auch in seiner Menschlichkeit. Blind (im metaphorischen Sinne) geistert er durch die Erste und Dritte Welt, unfähig sich sein Scheitern einzugestehen. Dabei diktiert vor allem vor allem das andere Geschlecht seinen Untergang, am anderen, romantischen und so untechnokratischen Leben. Ich mag dieses hilflose Stakkato in Walter Faber Diktus. Seine Sprache spiegelt seine Lebenswelt so fantastisch wider.

Unsere Reise nach Italien – ich kann nur sagen, dass ich glücklich gewesen bin, weil auch das Mädchen, glaube ich, glücklich gewesen ist trotz Altersunterschied. (…) Wir hatten fantastisches Wetter. Was mir Mühe machte, war lediglich ihr Kunstbedürfnis, ihre Manie, alles anzuschauen. Kaum in Italien, gab es keine Ortschaft mehr, wo ich nicht stoppen mußte: Pisa, Florenz, Siena, Perugia, Arezzo, Orvieto, Assisi. – Ich bin nicht gewohnt, so zu reisen. In Florenz rebellierte ich, indem ich ihren Fra Angelico, offen gesagt, etwas kitschig fand. Ich verbesserte mich dann: Naiv. Sie bestritt es nicht, im Gegenteil, sie war begeistert; es kann nicht naiv genug sein.

Was ich genoß: Campari!

Meinetwegen auch Mandolinen-Bettler -

Was mich interessierte: Straßenbau, Brückenbau, der neue Fiat, der neue Bahnhof in Rom, der neue Rapido-Triebwagen, der neue Olivetti -

Ich kann mit Museen nichts anfangen.

Und so beginnt das ungleiche (und eben doch sehr eng verbandelte Paar – Vater und Tochter, alter Mann und junge Geliebte) ihre Odyssee durch das alte, das antike, das kulturelle Europa. Und wie sich das für die Antike gehört kommt es zur Katastrophe, die nicht ganz so tragisch im Wortsinne ist, wie sie sich anfühlt. Und auch die Teichoskopie (der Mauerblick) zu Ende des Roman lässt ein Germanistenherz höher schlagen. Der totkranke Walter Faber wartet auf seine Krebs-OP und endet mit seinem letzten Eintrag, der technischer und zugleich naiver nicht sein kann:

08.05 Uhr

Sie kommen.

Dieses Buch ist als Suhrkamp-Taschenbuch für 8,00€ erschienen.

15. September 2007 Belletristik, Klassiker
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