Der Fänger im Roggen – J. D. Salinger (1951)

Falls Sie wirklich meine Geschichte hören wollen, so möchten Sie wahrscheinlich vor allem wissen, wo ich geboren wurde, und wie ich meine verflixte Kindheit verbrachte und was meine Eltern taten, bevor sie mit mir beschäftigt waren, und was es sonst noch an David-Copperfield-Zeug zu erzählen gäbe, aber ich habe keine Lust, das alles zu erzählen

Ich glaube, es war in dem Film Fletcher’s Visionen – ich habe es jetzt nicht kontrolliert, aber ich glaube, der hatte tatsächlich ein Deppenapostroph – dort erwähnte der paranoide Mel Gibson, dass er dieses Buch von J.D. Salinger zwanghaft kaufen muss, wenn er es im Buchladen sieht. Und er verweist darauf, dass es eine Verschwörungstheorie gibt, nach der viele Verrückte u.a. Charles Manson und John Lennons Mörder) dieses Buch im Besitz hatten. Das fand ich sehr spannend schon damals.

Vor wenigen Monaten kam ich – nach dem Ableben J.D. Salingers im Januar 2010 – endlich dazu diesen Klassiker der Weltgeschichte zu lesen. Der Fänger im Roggen – schon kurz nach seinem Erscheinen ein Mythos. Holden Caulfield erlebt als 16-jähriger Protagonist eine dreitägige Coming-of-Age Geschichte, die er selbst nachblickend aus der Perspektive einer Nervenheilanstalt (Blechtrommel!) erzählt. Er selbst – aus wohlhabenden Elternhaus – fliegt von der Schule in New Jersey und verbringt die drei Tage bis zu seinen Ferien, an dem ihm seine Eltern erwarten, in New York City. Alles an diesem Buch ist eine Revolution.

Die Art und Weise wie Holden Caulfield seine Gesellschaft als spießig und öde diffamiert (corny bzw. phony), ist sprachlich unfassbar frisch und jugendlich und mit der Übersetzung von Eike Schönfeld auch in der deutschen Fassung absolut greifbar. Das Ausreißer-Thema kennen die Leser des Blogs schon von Unterm Rad, aber die Authentizität mit der Holden von seinen eigenen Abenteuern berichtet, ist der Meilenstein, der dazu führt, dass diesem Buch der Grundsteinlegung der Popliteratur gleicht.

Das Buch enthält in der Originalausgabe 255mal den Begriff „goddam“ und 44 „fuck“s und wurde auch prompt in einigen angelsächsischen Ländern verboten. Holden Caulfield flieht vor sich selbst und vor der Gesellschaft. Er streift drei Tage durch New York und verprasst dabei sein üppiges Taschengeld in Bars und bei Prostituierten. Doch sein Scheitern ist in jeglicher Hinsicht offenkundig. Seine Versuche Halt zu finden, seine kleine Schwester Phoebe zu treffen, sein Lehrer, bei dem er sich wohlfühlt, aber bei dem er nicht übernachten kann, weil er vor einem sexuellem Übergriff angst hat. Der rastlose “angry young man” wird von Holden idealisiert, sein verstorbener Bruder Allie dient als Vorbild, während sein älterer Bruder D.B., der in Hollywood Drehbuchautor ist, sich für den Kommerz prostituiert.

So wirkt kurzerhand noch eine Menge Kritik gegen das etablierte Kultur-Establishment mit. Literatur & Kino haben sich an den Mammon verraten. Die tiefe Emotionalität und mitfühlende Kraft, die Holden verspürt, finden weder in der Gesellschaft noch in der Kunst Widerhall. Deshalb muss er sie ablehnen. Dieser höchst ambivalente Charakter strotzt nur so von Authentizität.

Ich habe mal gehört, dass man die deutsche Popliteratur (der zweiten Generation) nicht verstehen kann, wenn man dieses Buch nicht gelesen hat. Und es ist tatsächlich so. Ein Faserland von Christian Kracht ist ohne Der Fänger im Roggen gar nicht denkbar. Er ist ein zweiter Werther.

Der Fänger im Roggen ist derzeit als Taschenbuch bei rororo für 8,95 € zu erhalten.

21. September 2010 Belletristik, Klassiker, Pop-Literatur
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Buchempfehlung von Jan Schuster

Wanderer, kommst du nach Spa… – Heinrich Böll (1950)

Als ich mir gestern die Comic-Verfilmung 300 von Frank Miller (u.a. auch Sin City) auf DVD angeschaut habe, hatte ich spontan Lust auch noch einmal die in anagrammatischer Weise eng verbunden Erzählung Wanderer, kommst du nach Spa… von Heinrich Böll in die Hand zu nehmen. Dies ist nun wirklich ein Klassiker der deutschen Trümmerliteratur. Vielleicht zusammen mit Wolfgang Borcherts Hörspiel-Drama Draußen vor der Tür.

In meiner Ausgabe mit Heinrich Bölls frühen Kurzgeschichten hat die Erzählung keine 10 Seiten und ist mir doch sehr gut in Erinnerung geblieben. Der Titel zitiert fragmentarisch ein Distichon von Simonides von Keos (hier in Schillers berühmter Übersetzung), das soll auf dem Gedenkstein für die Spartaner, die sich 480 v. Chr. bei der Verteidigung der Thermopylen gegen die Perser bis auf den letzten Mann aufopferten, gestanden haben:

Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest
uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.

Und das war eben mein Bezug auf den Film 300, der die gleiche Schlacht illustriert. Schlacht ist dabei das Stichwort, denn so kriegerisch wie der Film und das Distichon, so wurde es auch vor dem Krieg an deutschen Schulen gelehrt, um die Jugend anzustacheln. Und Böll beschreibt in Ich-Erzählung (Innerem Monolog) wie ein verwundeter Soldat in eine Schule, die nun Lazarett ist, gebracht wird.

Und während im so viele Dinge bekannt vorkommen in diesem Lazarett wird ihm langsam und langsam bewusst, dass er sich in genau der Schule in seinem kleinem Heimatort befindet, die er selbst vor wenigen Monaten verlassen hat, um in den Krieg zu ziehen. Das verwischte, kriegsverherrlichende Zitat Schillers (“Spa…” ironisch abgeschnitten, denn Spa ist eine Stadt in Belgien, das ja von den deutschen überfallen wurde) gibt ihm dabei letzte Gewissheit, denn er befindet sich im Zeichensaal und dort wurde eben dieses Zitat für Schreibübungen ausgewählt.

Und der Leser wartet und wartet auf die Diagnose, um dann festzustellen, dass der junge Mann keine Arme mehr und nur noch ein Bein hat. Und der Feuerwehrmann, der ihn bis zum Eintreffen des Arztes betreut hat, ist der alte Hausmeister seiner Schule, bei dem man in den großen Pausen seine Milch getrunken hat. Und der Kindersoldat bricht die Erzählung ab:

„Milch“, sagte ich leise…

Kaum in den Krieg hinausgezogen, schon liegt er wieder in seinem Heimatort, den Stätten seiner Kindheit, und ist darüberhinaus in den Zustand eines Säuglings versetzt, nicht fähig sich zu bewegen, um Milch flehend. Viel eindrucksvoller kann auf 8 Seiten keine Anti-Kriegs-Erzählung sein.

Dieses Buch ist mit weiteren Kurzgeschichten Heinrich Bölls als Taschenbuch für 9,00€ bei dtv erschienen.

26. Juli 2008 Belletristik, Klassiker
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