Die Memoiren einer Überlebenden – Doris Lessing (1974)

Vor 10 Jahren habe ich mal eine Philosophieseminar besucht, organisiert von der Schülervertretung meiner Schule. Das Thema erinnere ich gar nicht mehr so genau, aber es war sehr existenzialistisch, oder zumindest kam es abends zu einem Gespräch zwischen dem Dozenten und mir über Albert Camus’ Der Mythos von Sisyphos und andere Bücher, in denen sich Gesellschaften auflösen. José Saramago hatte Die Stadt der Blinden gerade erst veröffentlicht, aber ich hatte da einige Wochen zuvor dieses Buch gelesen, das mir von meiner Mutter geschenkt wurde und von dem ich wusste, dass deren Autorin vor allem für Frauenliteratur bekannt war.

Clevererweise erwähnte meine Mutter damals, dass die Autorin Doris Lessing auch Science Fiction schrieb. Und im U4-Text (also hinten drauf) wurde das Buch auf eine Stufe mit George Orwells 1984 gestellt, von der FAZ-Feuilleton. Nun liebe ich George Orwells 1984 und hatte mir in diesem Zusammenhang auch Aldous Huxleys Schöne neue Welt reingezogen – also war dieses Buch mein nächstes Opfer. Und es hat bei mir definitiv einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Und ich schwärmte dem Dozenten vor, dieses Buch würde das Zerfallen einer Gesellschaft so wunderschön, mystisch (eben weiblich) und doch gleichzeitig brutal beschreiben, in einer so rückwärts gewandten Erzählweise, die einen doch immer über das Ende im Unklaren lasse, obwohl es der Titel ja schon fast verrät.

Wir erinnern uns alle noch an diese Zeit. Sie war für mich nicht anders als fü andere. Trotzdem erzählen wir uns immer wieder in allen Einzelheiten von den Dingen, die wir erlebt haben, und es ist, als wollten wir durch das ständige Wiederholen, das Zuhören, sagen: “Also war es für Sie auch so? Dann stimmt es also doch, ja es war so, es muß so gewesen sein, ich habe mir nicht bloß alles eingebildet.”

Schon dieser Beginn des Buches markiert die zwei Hauptelemente, die es für mich so unwiderstehlich machten: diese Magie der Sprach- und Begriffslosigkeit , und die Gemeinschaft als Überlebensnotwendigkeit. Wie bereits oben kurz erwähnt beschreibt das Buch die schleichende Auflösung einer Gesellschaft. Keiner weiß, wie oder warum es begann, das erste was zusammenbricht sind die (zwischenmenschlichen) Informationssysteme. Menschen wandern durch die Straßen der Städte, Stadtflucht. Unsere Protagonisten bleibt in ihrem Wohnblock, in dem sich – wie auch in der ganzen Straße – das Leben auflöst. Kinderbanden übernehmen die Macht in den Straßen. Und plötzlich wohnt da ein Mädchen, Emily, bei ihr in der Wohnung. Wo kam es her? Wo gehen sie zusammen hin? Was bedeutet dieses ‘zusammen’, wenn alles andere auseinander geht, Infrastrukturen sich in nichts auflösen?

Eine merkwürdige Zeit ist das. Während alles zerfällt, bauen sich immer jüngere Kindergruppen brutal hierarchische Herrschaftssysteme auf. Wo soll das alles hinführen? Der Titel verrät, dass unsere Protagonistin den gesellschaftlichen Super-GAU überleben wird. Doch es ist ein erschütternder emotionaler Weg dorthin, und ich kann jedem nur empfehlen sie auf diesem Weg als Leser zu begleiten. Ich habe das Buch als Science Fiction gelesen. Man kann es tatsächlich auch als Frauenbuch lesen – und dass nicht nur weil die beiden Hauptfiguren Frauen sind.

Dieses Buch erscheint als Taschenbuch bei S.Fischer für 8,45€.

Die Dunkle Herrlichkeit – Uwe Durst (2007)

Ein leicht verfremdetes, düsteres Treppenhaus als Umschlagscover, 127 Seiten in drei Kapitel verteilt, ein schwarzes Hardcover Büchlein im handlichen Format und angenehmer Schriftgröße. Das sind die harten Fakten des Roman Debüts des Literaturwissenschaftlers Uwe Durst.
Durst promovierte über die Theorie der phantastischen Literatur. Ein Hinweis, was uns erwarten mag. Tatsächlich bewahrheitet sich dies. Was man nun unter Phantastik versteht? Das ist gar nicht so leicht zu fassen. Die Wissenschaft diskutiert weiter.
Aber denken wir etwa an Edgar Allan Poes Werke oder an H.P. Lovecrafts Kurzgeschichten. Etwas Unheimliches geschieht und die Protagonisten versuchen diesen Bruch der Realität zu verkraften oder eine Erklärung zu finden. Viele Leser werden dies wieder erkennen. Auch im vorliegenden Fall geschehen merkwürdige Dinge. Nach und nach offenbaren sie sich dem Leser und ziehen ihn mit sich in ein Verwirrspiel.

Anfangs erinnerte mich die Geschichte ein wenig an eine Kurzgeschichte von Jorge Luis Borges. In 25. August 1983 trifft Borges sich selbst und führt ein Gespräch. Die Zeit scheint in einem Kreislauf gefangen und unabänderlich. Das Wissen über seine Zukunft ändert nichts für Borges.
Ein weiterer Gedanke der sich mir aufdrängte, waren die Bilder von M.C. Escher und seinen visuellen Effekten. In diesem Fall dachte ich an das Bild Treppauf und treppab. Dort steigen Personen eine Treppe hinauf, um dann wieder hinab zusteigen und wieder nach einer Runde an den Fuß der ursprünglichen Treppe zu gelangen.
Aber das trifft die Sache nicht, denn die Personen in Die dunkle Herrlichkeit sind auf geheimnisvolle Weise miteinander verwoben, scheinen fast(!) identische Geschichten und Angewohnheiten zu haben. Die in wiederkehrenden Gegenständen, Sätzen oder Erlebnissen immer wieder zum Vorschein tretenden Hinweise machen jedes Detail bedeutend. Öfters verspürt man das Bedürfnis kurz zurückzublättern und sich zu vergewissern. Hatten wir das nicht schon? Tatsächlich – fast. Aber eben nur fast. Vieles scheint sich nur zu wiederholen und ähnelt sich nur auf den ersten Blick.
So wie der Gemüsehändler Knef von seiner Frau betrogen wird, während er im Laden steht, widerfuhr es den Eltern des alten Mannes oder eben fast. Und was ist mit Georg Schroth, der eine ähnliche Geschichte mit sich trägt und ein ähnliches Abenteuer bei Frau Poignard sucht? All diese Affären sind der Auslöser für ein schreckliches Ereignis, welches geschehen ist und geschehen wird, auch wenn es wieder Unterschiede gibt.

Die Wohlgestalt der Ordnung ist von bedrückender Pracht. Ihre Herrlichkeit verknüpft alle Dinge und macht sie einander ähnlich, wie die Wiederkehr eines Refrains die Strophen eines Gedichts einander ähnlich macht und jeder Laut einer Zeile zugleich hineingeheftet ist in eine Folge verwandter Töne.

schreibt der Autor noch im ersten Kapitel und offenbart das Motto der Geschichte. Es ist ein Vergnügen den Ähnlichkeiten und Unterschiede der Handlungen zu Folgen und ihre Wiederkehr zu betrachten. Später findet sich folgender Satz:

Der ganze Vorgang ließ nur die Schlussfolgerung zu, dass Gott vollkommen wahnsinnig war.

Um diese Schlussfolgerung zu überprüfen, lege ich dem geneigten Leser Die dunkle Herrlichkeit ans Herz. Ein Roman der in sich auf bizarre, unheimliche Weise verknüpft ist und zu wilden Spekulationen einlädt.

Dieses Buch ist im Leinen-Einband im Mitteldeutschen Verlag für 16,00€ erschienen.



Schönerlesen.de

Buchempfehlungen