Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten – Christian Kracht (2008)

Und nun wieder zu einem düsteren Buch und einem grauen Land. Das sich zugegeben in einer Parallelwelt befindlich noch düstererer und grauer darstellt als es in Wirklichkeit ist. Der Schweizer Christian Kracht hat nach Faserland und 1979 seinen dritten Roman geschrieben und diesmal eben spielt die Handlung (größtenteils) in der Schweiz. Genauer: in der Schweizer Sowjet Republik (SSR).

Kracht entwirft mit großzügigen Collage-Effekten eine Geschichte und Geschichtsschreibung, in der Lenin vor knapp 100 Jahren den Zug nach Russland verpasste und stattdessen seine Weltrevolution in der Schweiz durchführte. Das war im Jahr 1917, seitdem herrschen 96 Jahre Krieg. Nördlich der Linie Straßburg-Heidelberg droht das faschistische deutsch-englische Bündnis, im Süden die ebenfalls faschistischen Italiener. Im Osten, jenseits von “Schweizerisch-Salzburg”, verlaufen die Grenzen eines Koreanisch-Minsker Reiches. Die Hindustanis gelten als mögliche Verbündete, doch mit dem Großaustralischen Reich haben auch sie einen gefährlichen Gegner im Nacken. Die Amexikaner haben sich aus dem Prozess der Geschichtsschreibung schon lange in ihre eigene Mythik zurückgezogen. (Man munkelt die gefiederte Schlange Quetzalcoatl sei zurückgekehrt.)

Die Schweiz hat die zivilisatorischen Fortschritt leninistischer Prägung nach Zentralafrika exportiert und dort ein Musterland am Fuße des Kilimandscharo geschaffen. Dem schwarzen Kontinent wurde eine sozialistisch-schweizerisch Kolonie abgerungen. Aus ihr wird der militärische (und kulturelle) Nachschub für den Krieg in Europa rekrutiert.

Und so folgen wir dem Schweizer Schwarzafrikaner, der als Politkommissar im verschneiten Schweiz den jüdischen Polen Oberst Brazhinsky verfolgt, der Verdacht erregt hat. Die Manschen, das Land sind merkwürdig verzerrt: moralisch-menschlich. Es wird beiläufig menschenverachtend gemordet, und unmotiviert altruistisch Leben gerettet. Ein ethischer Kompass scheint noch irgendwie vorhanden zu sein, aber verstehen kann ihn der Leser nicht. Es ist eine Reise ins Herz der Finsternis (Joseph Conrad). The snake is long.

Der Ich-Erzähler folgt Brazhinsky in der Schweizer Kernland, das Réduit. Ein (auch real existierendes) unterirdisches Höhlensystem in das Alpenmassiv gehauen. Uneinnehmbar, auch nicht durch das Bombardement deutscher Luftschiffe. Eine sich stetig weiter mäandernde groteske Alpenfestung. Die V2-esken Raketen, die den sowjetischen Sieg bringen sollen, bleiben allerdings ein Hirngespinst, genauso wie die Idee Brazhinsky einfach festnehmen zu können. Er hat die Kunst des “räumlichen Sprechens” entwickelt, bereit zur Manipulation. Der Heiland.

Das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung schreibt: “Wenn es noch irgendjemanden gibt, der Literatur um des Stils und nicht um der Information willen liest, aus purer Freude an der Wirkung von Sätzen, Rhythmen und Adjektiven, hier findet er seinen Text.” und bestätigt mich damit in meinen Glauben an Kracht. Er dekonstruiert den Historizismus unserer Zeit. Die Schrift scheint einem umgekehrten Menetekel gleich einfach zu verschwinden. Das Wort, das heilige Wort scheint auch im anti-religiösen Schweizer Sowjet-Kommunismus hell und immer heller. Sozialismus in menschlichem Antlitz? Nein. Gesellschaftliches Scheitern in mystisch-ekligem Gewand.

Christian Kracht selbt spricht übrigens von einem Triptychon Faserland, 1979 und Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. Das ist insofern spannend, als dass beide anderen Romane sehr real und eben keine Sujets in einer alternativen Wirklichkeit haben. Aber der Titel Faserland war schon 1995 eine Anspielung auf den Roman Fatherland von Robert Harris, der in einer alternativen Realität angesiedelt ist, in dem Hitler den 2. Weltkrieg gewonnen hat (die Handlung spielt zu Hitlers 75. Geburtstag im Jahr 1964 in einem Berlin, das nach Albert Speers Plänen umgebaut wurde).

Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten ist seit Juni 2010 als 160-seitiges Taschenbuch bei dtv für 8,90 € erschienen.

Weitere Blog-Rezensionen:

Die Känguru-Chroniken – Marc-Uwe Kling (2009)

Mich faszinieren Bücher mit kommunistischen Protagonisten. Und in diesem Fall kommt der Kommunist, den ich meine, aus Australien und ist ein Känguru.

“Hä?” fragt ihr. Und ich so: Ja, das kommunistische Känguru lebt zusammen mit diesem spießigen Poetry Slammer namens Marc-Uwe Kling in einer typisch berlinerischen Mietswohnung. Eigentlich ist er Untermieter und unausstehlich. Und ganz eigentlich ist das Känguru aus lauter Bequemlichkeit bei Marc-Uwe Kling eingezogen, denn eigentlich war er nur sein Nachbar.

Das Känguru ist vor kurzem bei mir eingezogen. Es hat einfach sein ganzes Zeug rübergeschafft und danach gesagt: “Is okay, oder?”
Ich hab nix gesagt. Es ist ja sowieso immer hier.
“Is näher zum Kühlschrank”, hat es noch hinzugefügt. Inzwischen hat es das komplette Wohnzimmer für sich in Beschlag genommen. Es hängt gerade einen Boxsack in der Mitte des Zimmers auf, da klopft jemand an der Tür. Ich öffne. Aha, die Polizei, denke ich.”

Im flappsigen Ton beschreibt Marc-Uwe skurril-witzige Geschichten, die sein Alter Ego mit diesem Tier erlebt. Als guter Kommunist legt er sich mehr als einmal mit der Obrigkeit an, wird am Flughafen durchleuchtet, und die Polizei ist dem Känguru, das Besitzverhältnisse – insbesondere das Eigentum von Marc-Uwe – eher für bürgerliche Anachronismen hält, immer auf den Fersen. Das ganze ist sehr kurzweilig und witzig zu lesen.

Sicherlich keine große Literatur, aber auch mehr als ein tolles Geschenk für Lesemuffel. Und politisch korrekt so wie hier ist es nur manchmal.

“Meiner Ansicht nach gibt es keinen gesunden Patriotismus”, sagt das Känguru. “Im Gegenteil. Patriotismus scheint mir immer ein Zeichen von Idiotie zu sein.”
Natürlich sagt es das nicht irgendwo. Sondern während der öffentlichen Live-Übertragung eines Fußballländerspiels (…) zu einem Typ in einem schwarz-rot-goldenen Flaggenumhang, mit einer schwarz-rot-goldenen Narrenkappe auf dem Kopf und einem komplett schwarz-rot-gold gestrichenen Gesicht.”
“Es gibt also nur kranken Patriotismus.”
“Ey, du bist ja voll krank!”, sagt unser schwarz-rot-gold gestrichener Freund und lacht.

Aus Die Känguru-Chroniken hat Marc-Uwe Kling bei einem Peotry Slam außer Konkurrenz im letzten Jahr in der Centralstation Darmstadt vorgelesen. Es ist als Taschenbuch bei Ullstein für 7,95 € erschienen.



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