Grundlagen Marketing (Pocket Business) – Hans-Dieter Zollondz

Alles, was man über Marketing wissen muss, auf nur 127 kleinformatigen DinA6-Seiten. Das ist gewagt. Aber was sollte ich machen? Nach einigen Monaten reichlich erfolgloser Jobsuche als Sachbuch-Lektor oder in der politischen Bildung hatte ich mich gerade gegen eine Festanstellung als Fach-Redakteurfür Systemgastronomie-Themen und für ein Praktikum im Online-Marketing entschieden. Da brauchte es etwas, dass einem übers Wochenende hilft all das zu lernen, was die BWLer in ihrer Lehre auch beigebracht bekommen.

127 kleinformatige DinA6-Seiten schienen mir ein angemessener Umfang für dieses Unterfangen. Und Tatsache: Marketing ist nicht schwer und das spannendste ist sogar fast nur die Geschichte des Marketings an sich. Alles andere ist – meiner Erfahrung nach – operativ oder pragmatische Analytik. Da braucht es kein Buch, sondern (mathematisch-logische) Kreativität. Für alles andere reicht dieses kleine Büchelein.

Spannend zum Beispiel das Kapitel über das Marketingkonzept:  Situationsanalyse, Zieldefinition, Planung des Marketingmix’, Realisierung und Controlling. Alles jetzt nicht so wahnsinnig überraschend. Aber das ist einer der wenigen Mechanismen, die sich tatsächlich immer wiederholen und einen hermeneutischen Kreislauf bilden. Man ist zwar nicht auf suche nach der Wahrheit, aber immerhin. Und so weiß ich jetzt auch, was eine SWOT-Analyse ist (Strengths, Weaknesses, Opportunities, Threats) und für was die 4 Ps bzw. 7 Ps stehen (product, price, promotion, place + physical facilities, personnel, process). Und ich gehe mit dem Bewusstsein gestärkt hervor, dass alles Marketing ist. Oder deute ich es doch besser um, dass es sich Wirtschaftswissenschaftler nicht nehmen lassen, alles in den Formen und Farben des Marketing sehen und umdeuten können.

Ich muss zugeben, dass mich gerade noch ein anderes Buch in meinem Urteil beeinflusst, dass ich demnächst auch vorstellen werde: Wir nennen es Arbeit von Holm Friebe und Sascha Lobo – aber davon später mehr.

Dieses Buch ist in der Reihe Pocket Business als kleinformatiges Taschenbuch für 6,95€ erschienen.

Morenga – Uwe Timm (1978)

Lesen hat auch immer etwas mit Bildung zu tun und auch “bildende” fiktionale Romane können herausfordern und gleichzeitig aber auch Spass machen.
Ich habe Timms Morenga im Rahmen des Studiums gelesen und ich bin mir sicher, dass ich es wahrscheinlich nie in einem anderen Kontext gelesen hätte, was schade ist, da das Buch für den interessierten Leser wirklich lesenswert ist.

Aber erst einmal zurück:
Frühjahr 1904, den jungen Veterinär Gottschalk zieht es wie so viele seiner Zeitgenossen in die Ferne. Warum nicht Südwestafrika? Schließlich ist das “Terra Nova” und Deutschlands kleines Stück vom Kuchen des Kolonialismus.
In Südwest angekommen sieht sich Gottschalk einerseits mit dem brutal-imperialistischen Gestus sowie dem Rassismus der deutschen Schutztruppler konfrontiert, andererseits zeigt er sich, nicht zuletzt durch den Anstoß seines verkappt anarchistischen Kollegen Wenstrup, angezogen von der fremdartig-faszinierenden Kultur der dort lebenden Nama und Dama-Stämme (früher Hottentotten genannt).
Immer tiefergreifender gehen seine Gedanken und seine Zweifel zum Vorgehen der Deutschen. Was läuft bloß schief in Südwest?

Es handelt sich also um einen historischen Roman über eine Vergangenheit Deutschlands, die leider viel zu oft im Schatten des Nationalsozialismus verschwindet: deutscher Kolonialismus in Afrika und dem wahrscheinlich erstem Völkermord des deutschen Reiches.

Nicht zuletzt die postmoderne Struktur des Romans trägt zu seinem Gelingen bei. Textsorten werden bunt gemischt und in Montagetechnik nebeneinandergestellt. Fantastischer Realismus vermischt sich mit scheinbar historischen Fakten, authentischen Dokumenten und wissenschaftlichen Abhandlungen. Handlungsstränge und Erzählebenen kommen auf und verschwinden wieder, stehen autonom nebeneinander und sind doch verbunden. Timm muss eine wahnsinnige Recherche betrieben haben, um all die Informationen zusammenzutragen.

Die Erzählposition ist und bleibt aber deutsch. Timm selbst sagte später: “Einfühlungsästhetik wäre selbst ein kolonialer Akt.”
Aus neokolonialistischer Sicht war diese Beschränkung das beste, was Timm hätte machen können, narratologisch hat er sich nicht auf dünnes Eis begeben.

Natürlich muss “Morenga” auch kontextuell gelesen werden. Dass Timm 68er ist, stellt kein Geheimnis dar. Nichtdestotrotz finde ich das Buch keinesfalls ideologisch.

Insgesamt ein meisterliches Werk, welches nicht nur wegen der erzählerischen Brillianz der wissenschaftlichen Beschäftigung wirklich wert ist.
Durch die Montage der Kapitel bietet das Buch viel Stoff zum Nachdenken, nicht nur für Geschichtsinteressierte. Auch wenn die Spannung vielleicht etwas zu kurz kommt (machte mir gar nichts aus, es ist schließlich kein Kriminalroman), die feinsinnig und einfühlsamen Episoden, die lebendigen Figuren, die leichte Ironie, die narratologischen Kniffe und der von Zeit zu Zeit aufblitzende Humor machen “Morenga” zu einem Roman der Höhenkammliteratur.

Dieses Buch ist als dtv-Taschenbuch für 10,90€ erschienen.



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