Kampf der Kulturen – Samuel P. Huntington (1996)

Francis Fukuyama, amerikanischer Politikwissenschaftler und Vorreiter der erzkonservativen Neocon-Bewegung, hat das Motto für einen Diskurs gesetzt, in dessen Kontext man auch das hier rezensierte Buch von Huntington lesen muss. Es lautet: “It’s the end of History”. Das Ende der Geschichtsschreibung angesichts des Zusammenbruchs des sozialistischen Blocks und dem damit verbundenen einzigen Übrigbleiben der kapitalistischen Märkte. Während Fukuyama mit seiner Theorie vom Ende der Geschichtsschreibung im teleologischen Sinne der weltweiten Demokratisierung nach dem Fall der Sowjetunion schwärmte, tätigte Huntington wie auch der amerikanische Politikberater Robert Kagan ( “Hören wir auf, so zu tun, als hätten Europäer und Amerikaner eine gemeinsame Weltsicht. Amerikaner sind vom Mars, Europäer sind von der Venus.”) eben die richtige Bemerkung, dass Geschichtsschreibung eben nicht am Ende ist.

Huntington selbst beschreibt in diesem streitbaren Buch einen Paradigmenwechsel, den wir so fast jeden Tag erleben. In einer sich globalisierenden und entgrenzenden Weltgesellschaft ist der Bezugspunkt vieler Menschen eben nicht Konsum, der ja durchaus in entgrenztem Sinne ohne Kultur auskommt, sondern vielmehr eine kulturelle Gemeinschaft, die ganz subjektiv definiert wird. Allerdings kann das Subjektive ja empirisch erfasst werden, so sein Denkfehler, und so zeichnet er amüsante Linien quer durch Europakarten – links der Westen, rechts der Osten. Da ist dann ein Teil von Rumänien und Serbien noch westlich, Griechenland und Bulgarien nicht. Auch die Landkarten der Ukraine, die er gesondert betrachtet, ist ganz spannend. Und in Mexiko soll es dasselbe Problem geben.

Klar kann man so argumentieren, auch wenn ich ihm die Detailgenauigkeit absprechen würde, sind ukrainische Wahlergebnisse mit der Ost-West-Spaltung ein Zeichen für ein regional (nicht zwingend kulturell) gespaltenes Land. Aber was ist denn mit deutschen Wahlergebnissen, wo katholischen Regionen eine deutliche CDU-Lastigkeit und evangelischen Regionen eine SPD-Lastigkeit nachgewiesen werden kann?

Der Westen so Huntington werde den Wettkampf mit den anderen Kulturkreisen verlieren (clash of civilizations), weil wir demographisch, ökonomisch und kulturell (er beschreibt dies mit dem Ausdruck Das Verblassen des Westens) zumindest gegen Asien, Indien und den islamischen Kulturkreis alt aussehen. Hört, hört: da ist uns also die islamische Kultur überlegen, weil sie mehr identitätsstiftende Elemente liefert. Eine gewagte These. Werden nicht vielmehr regionale Unterschiede in Ländern wie Ukraine, Mexiko, Jugoslawien und Türkei durch politische Eliten in kulturelle und damit identitätsstiftende Konflikte umzudeuten versucht, um einen persönlichen Nutzen daraus zu ziehen? Diese Fragen lässt das Buch auf knapp 600 Seiten unbeantwortet. Leider.

Weshalb sollte man dieses Buch also trotzdem lesen? Wie man oben lesen kann, ist es mir nicht gelungen auf diesem kurzen Platz eine ausführliche Kritik für dieses Werk zu formulieren. Dafür sollte man es lesen. Auch wenn es furchtbar sozialpädagogisch klingt: Jeder muss für sich Argumente gegen Huntington finden, denn in diesem Buch steckt eine ganze Menge Wahrheit, die eben nicht sein kann, weil sie nicht sein darf. Sich an diesem Buch intellektuell abzuarbeiten, anstatt es als ideologisch abzutun, ist eine enorme Herausforderung, der es sich zu stellen lohnt.

Dieses Buch ist bei Goldmann als Taschenbuch für 13,00€ erschienen.

29. Dezember 2007 Sachbücher
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Buchempfehlung von Jan Schuster

Das große Grover Buch – Andreas Mand (1998)

Oder zum Beispiel mit Mädchen. Wenn Mädchen nicht gehorchen, kriegen sie schwuppdiwupp ein Kind, und dann sollst du mal sehen, wie sie das heulende Elend kriegen.

Ja, ist das jetzt ein Kinderbuch, oder was? Moritz Baßler, Literaturwissenschaftler mit dem Spezialgebiet Popliteratur, hält die Grover-Bücher von Andreas Mand, die Anfang der Neunziger als Grovers Erfindung (1990) und Grover am See (1992) erschienen und hier als Sammelband veröffentlicht wurden, gar für die Prototypen der Popliteratur, weil sie die Jugendliche Lebenswirklichkeit referenziert und archiviert. Das ist natürlich Blödsinn. Das Buch ist kurzweilig und die perfekte Klolektüre, die einen aus dem Schmunzeln gar nicht mehr rauskommt. Ganz ohne das Pop-Präfix.

Und jetzt denken bestimmt meine regelmäßigen Leser wieder “schon wieder Uni-Lektüre aus dem Pop-Literaturseminar”. Das stimmt nicht. Zumindest nicht ganz. Denn dieses Buch wurde von besagtem Baßler in einer Sekundärliteratur Der deutsche Pop-Roman besprochen, die ich für ein solches Seminar (vermutlich mal wieder als einer der wenigen im Kurs relativ aufmerksam) gelesen hatte. Ich fand seine Beschreibung lustig und auch wenn es gar nicht so einfach war, die Grover-Geschichten aufzutreiben, weil sie vor wenigen Jahren bereits vergriffen waren, kam ich vor einiger Zeit an ein Grover-Sammelband, das mittlerweile auch wieder halbwegs vergriffen ist. Aber worum geht’s überhaupt?

Ein Kind erzählt aus seinem Leben in einer Pastorenfamilie aus Norddeutschland. Leicht, episodenhaft, unverfänglich. Die große Leistung der Andreas Mand bei seinen Grover-Geschichten, ist es, dass er es schafft, die scheinbar längst vergessene Lebenswelt des Kindes, dass wir mal waren, wieder hervorzuholen. Das passiert einfach so. Wenn Grover seine Geschichtchen erzählt, von seinen Freunden und sich die Beurteilung und Altklugheit durch das Weltwissen geprägt durch Eltern, Kindergarten, Schule, das sind doch genau die Mechanismen in denen ich selbst, meine Eltern von so allerlei Blödsinn überzeugen wollte. Wenn ich mich daran erinnere, wie ich im Alter von vielleicht 7 oder 8 Jahren vehement dagegen sträubte ins Bett zugehen, weil mir meine Eltern eine Sendung Wiso vorenthalten wollte, wie ich damals meinte, in der irrigen Annahme Wiso sei Wetten daß ..?.

An der Haltestelle
An der Haltestelle geht jeder zu seinen Freunden, daß heißt, falls sie da sind. Meistens ist man zu früh, weil man nicht zu spät kommen will.
Wenn man atmet, entstehen kleine Wolken, und wir tun, als wenn wir rauchen. Wir gucken, was für Autos um die Kurve kommen. Wir kennen die Marken vom Autoquartett. Wir gucken auf die jeweiligen Nummernschilder und rechnen uns aus, was sie zu bedeuten haben.
Der Bus ist fast immer überfüllt, aber wenn er direkt vor einem zum Halten kommt, hat man noch eine Chance. Die neben einem wissen es auch und fangen automatisch an zu schubsen. Der Chauffeur ist geladen und schnauzt uns an, während wir an ihm vorbei stürmen. “Das nächste mal fahre ich durch!” droht er uns.
Wenn zwei Busse hintereinander kommen, fährt der erste manchmal durch. Erst täuscht er an, dann fährt er durch. Oder er fährt weiter vor, damit der nächste auch noch Platz hat . Der zweite Bus ist meistens leerer, außer wenn er gerade überholt worden ist. Das muß man alles berücksichtigen. Manchmal denkt man: Och, nehme ich lieber den zweiten. Plötzlich setzt er statt dessen zum Überholen an! Dann ist man endgültig angeschmiert.

Großartig auch die beschriebene Situation wie man sich an einer Ampel als Radfahrer zu verhalten habe, denn da geht es aus Grovers Sicht natürlich nicht um Verkehrsregeln, denn “vor der Ampel kommt es darauf an, daß man solange wie möglich in der Luft bleibt. Dafür gibt es mehrere Methoden,” von denen er selbstverständlich vergisst, mehr als eine auszuführen.

Was man hier schnell merkt: Die Umsetzung, oder Codierung von Visuellem zu Sprache ist durch die kindliche Position des Erzählers besonders. Man muss sich in diese Position hineindenken, aus ihr heraus visualisieren, um den Text freie Entfaltung zu bieten. Oft muss man nach einem Absatz die Augen schließen und sich das ganze in Ruhe noch einmal anschauen, so vertraut und authentisch wirkt das alles. Insofern ist das Buch ein Rollenspiel, auf das ich mich sehr gerne eingelassen habe. Eine prima Gelegenheit in seiner eigenen Vergangenheit zu forschen und sich (und auch die Ursprünge der eigenen heutigen Verhaltensweisen) wieder zu entdecken.

Dieses Buch erschien einst beim Ammann Verlag als Hardcover und ist derzeit leider vergiffen, kann jedoch gebraucht erstanden werden.

22. Dezember 2007 Belletristik, Neueste Literatur
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Buchempfehlung von Jan Schuster
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