dtv-Atlas Deutsche Sprache – Werner König (2004)

Man glaubt es kaum bzw. wer mich kennt, glaubt es eigentlich schon, es gibt so ziemlich keine Party, die in meinem Haus stattfindet, bei der es nicht passieren kann, dass ich dieses Buch zücke und Menschen mit anderen deutschen Dialekten als dem meinen Befrage und wild gestikulierend auf zahlreiche Kartographien deute. Die Reaktionen sind meist erstaunlich positiv, wenn ich mir überlege, wie ich wohl reagieren würde, wenn mir meine saarländischen und siegerländischen Nachbarn von oben drüber, von ihrem Maschinenbaustudium erzählen würden. (Und das ist mir neulich tatsächlich passiert.)

Der dtv-Atlas zur deutschen Sprache also enthält immer linksseitig eine oder mehrere Karten und rechtsseitig eine ganze Menge informativen, leider viel zu unausführlichen Text. Aber allen die Karten lassen einen Hobby-Erdkundelehrer wie mich natürlich schon im Dreieck springen. Teilweise wird da der rheinische Fächer der 2. Lautverschiebung (der Teil, den unsere deutsche Sprache tatsächlich von allen anderen germanischen Sprachen abhebt) so detailiert mit verschiedenen Wortgrenzen festgemacht, dass es echt eine Freude ist, in einer WG auch mal Rheinländer zu Gast zu haben und sie nach ihren Mundarteigenarten zu befragen.

Das Buch enthält so vielseitige Informationen zur deutschen Sprache, dass es leider ein wenig zerfält und nicht einheitlich gelesen werden kann. Dafür bietet sich das Buch zum Schmökern an. Einfach drin blättern und seine eigene Mundart entdecken oder dir Sprachgeschichte des deutschen nachvollziehen, das kann manchmal spannender als ein Krimi sein. Und für Besserwisser wie mich ist das Buch sowieso ideal.

Der Aspekt des Indogermanischen/Indoeuropäischen un dessen Ursprung, der mich in letzter Zeit ein wenig beschäftigt hatte, wird leider nicht allzu ausführlich behandelt. Dafür kann man dann eben ganz genau einsehen, wo man Fleischer und wo man Metzger sagt, warum es Eschborn gibt und es nicht Eschbrunn/Eschbronn heißt, oder auf dem Klammerschnitzerbrunnenfest in Egelsbach im Parrehof gefeiert wird und nicht etwa im Pfarrhof. Ich kann mich für so was begeistern, das macht richtig Spaß und kann durchaus mal einige nächtliche Stunden kosten, wenn ich den dtv-Atlas Deutsche Sprache abends in die Finger bekomme. Für ein Fachbuch außerordentlich spannend und verständlich geschrieben, und wer es nicht versteht, dem erklär ich alles nach besten Wissen sehr gerne.

Das Buch ist mittlerweile in der 16. Auflage von 2007 als Taschenbuch für 12,50€ erschienen.

Und immer wieder die Zeit – Alan Lightman (1992)

Angenommen, die Zeit ist ein Kreis, in sich gekrümmt. Die Welt wiederholt sich, exakt, endlos.

Das ist Science Fiction ohne Fiction. Albert Einstein hat sich damals im Schweizer Patentamt in Bern diese und viele andere Fragen gestellt und sie auf eine Weis beantwortet, die ihn auch über 100 Jahre später zu eine Legende der Naturwissenschaft macht. Alan Lightmann, selbst ein Physiker am MIT, schreibt auf, was Einstein wohl geträumt haben mag, wenn er in seine spezielle Relativitätstheorie in Tagträume eintauchte.

Letztendlich ist das Buch natürlich trotzdem Fiktion, denn die Welt, die Einstein sich denkt, ist natürlich weit weg von uns bekannten Konventionen. Wenn Geschwindigkeit den Alterungsprozess abschwächen kann, werden natürlich immer höher Hochhäuser gebaut werden müssen, in denen die Reichen ganz oben wohnen können. Welche Auswirkungen könnte es geben, wenn der Mensch die Zeit überwinden könnte? Denn immerhin ist Zeit relativ, eine Revolution! ZWei Uhren ticken ungefähr in der gleichen Geschwindigkeit.

Es gibt einen Ort an dem die Zeit still steht. Regentropfen hängen in der Luft. Uhrpendel schweben in halben Schwung. Hunde heben die Schnauze in stummen Geheul. (…) Nähert sich ein Reisender diesem Ort aus beliebiger Richtung, so verlangsamen sich seine Bewegungen mehr und mehr. Die Abstände seines Herzschlages werden größer, seine Atmung wird langsamer, seine Temperatur sinkt, seine Gedanken lassen nach, bis er das leblose Zentrum erreicht und erstarrt. Denn dies ist der Mittelpunkt der Zeit.

Gedanken verschlungen in der Schweizer Provinz. Zusammen mit seinem Freund Besso verbringt Einstein ein Leben fernab der wissenschaftlichen Zentren der Welt und wird mit seiner uns allen bekannten schlurigen Art der Physiker des 20. Jahrhunderts werden. Tatsächlich darf doch gewaltig bezweifelt werden, dass Einstein tatsächlich eine derartige Poesie entwickelte wie Alan Lightman uns das aufzeigt. Aber die Unbedarftheit und die Konsequenz der Gedankenwelt Einsteins in diesem Buch macht einfach Spaß beim lesen.

Wer pilgert wohl zum Zentrum der Zeit? Eltern mit Kindern und Liebende.

Ich habe dieses Buch schon oft – und mit Vorliebe an Naturwissenschaftler insbesondere Physiker verschenkt. Es ist ein kleines, aber feines Buch über die Poesie der Physik, als Taschenbuch bei Knaur für 7,95€.



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